Wem nützt Barino?

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Es gibt ein neues Medienereignis: Junger Mann, Sohn eines Ägypters und einer grünen (sic!) Kölnerin tritt zum Islam über, findet dort nicht das, was er sucht, sondern findet das, was er sucht in der Religion seines Vaters, dem koptischen Christentum. Nach dem ersten Film „Koran im Kopf“ – man erfährt erst im zweiten Teil, dass er dafür 3 Jahre mit der Kamera begleitet wurde – gab es den ersten Versuch eines Medienhypes: der brave Kölner Oberschüler sei eine „tickende Zeitbombe“. Ein Verfahren wegen Volksverhetzung wurde eingeleitet, aber eingestellt.

Omar Abo-Namous hatte es seinerzeit unternommen, sich mit Barinos Aussagen auseinanderzusetzen und hat jetzt die Diskussion eröffnet und es lohnt sich, auch dort die Diskussion weiterzuverfolgen.

Omar’s seinerzeitiges Bemühen um Barino finde ich hervorragend und es ist dringend nötig, daß sich auch mehr Leute solcher Brüder annehmen. Ich denke nämlich, dass es eine ganze Menge davon gibt, und wir Muslime müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, daß wir viel zu lange ihr verqueres Gedankengut als legitim abgetan haben. Auf Barinos seinerzeitiges und wohl auch noch heutiges Islamverständnis muß ich nicht weiter eingehen; an sieben einzelnen Punkten hat Omar das schon besser gemacht, als ich das je könnte – Barino ist jedesmal zurückgerudert. Darauf werde ich weiter unten noch eingehen. Seine Entwicklung ist die eine Seite – die andere ist die Seite der Medien.

Aus meiner Sicht handelt es sich um einen typischen Fall von versuchtem Agenda Setting. Nicht umsonst nennt PI den Austritt „Historisch“ – und nimmt ihn gleich zum Anlass, kräftig zu hetzen: Die Geschichte von Barino soll…

…ein Beispiel sein, über welches einige Kölner Pfarrer hiesiger Kirchen einmal nachdenken sollten, die es vorziehen, ihre Kirchen für linksextremistische Verleumdungsveranstaltungen gegen Islamkritiker zu Verfügung zu stellen oder gar, wie der berüchtigte Pfarrer Meurer aus Ostheim, ihre Kollekten für den Bau von Großmoscheen und die Weiterverbreitung der islamischen Hassideologie zu spenden.

Das markiert ganz klar die Marschrichtung: ist doch am 19.September in Köln ein Kongress geplant von Menschen, die andere unter ein einziges gemeinsames Merkmal subsummieren. Vom hier verwandten Begriff „Rassisten“ muß ich mich natürlich ganz klar distanzieren. Das habe ich – genau wie Jochen – beim Landgericht Frankfurt gelernt. Für diesen Kongress wird im In- und Ausland mobilisiert und die Bundesregierung ist auch schon aufmerksam. Da ist „Barino – der Ausstieg“ sicherlich hilfreich – auch wenn es nur zufällig sein mag, daß er jetzt gesendet wird.

Ich möchte die mediale Aufarbeitung von der Person Barino ganz klar trennen. Allerdings ist aus meiner Sicht die Wandlung vom Menschen zur Medienperson vom ersten zum zweiten Teil für mich deutlich wahrnehmbar.

Zunächst ein paar Anmerkungen zur Präsentation des Films:

Die angeblich „eingebildete“ Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus wird in der Tat „konsequent verweigert“ (PI). Aus dem Film heraus ist nicht zu erkennen, ob diese „Verweigerung“ nur von den Filmemachern in Szene gesetzt wurde – zusammen mit dem angeblich islamtypischen Drang zum Sterben und Töten, oder ob es tatsächlich Barino ist, der hier nicht unterscheidet. Noch als Muslim hat er diese Trennung in der Tat „konsequent verweigert“, die Texte dazu findet man auf seiner Website. Dort gibt es mittlerweile auch einen Link zur neuen (?) Seite über Jesus.

Ich nehme die beiden Teile des Films übrigens als ein Ganzes wahr. Erst im zweiten Teil ist mir klar geworden, daß er ja für den ersten Teil drei Jahre „mit der Kamera“ begleitet wurde. Manches zieht sich auch durch beide Teile durch. Mein Eindruck:dass die beiden Teile als Ganzes konzipiert wurden, verfestigt sich durch den wahrnehmbaren Spannungsbogen: hin zum Islam, weg vom Islam sowie die sich harmonisch in den zweiten Teil einfügenden Rückblenden. Ausserdem gibt es Teile in „Islam“ und „koptischem Christentum“, die sich gerade spiegelbildlich zueinander verhalten, allerdings ungewollt mehr verraten, als den Autoren lieb sein dürfte: in beidem ist als nächster Entwicklungsschritt der Schritt in die Öffentlichkeit markiert – „im Islam“ als Beförderung: Barino darf Khalids Job übernehmen und Jugendarbeit machen. „Als Aussteiger“ – so nehme ich die Sequenz mit Giordano wahr – zur Rehabilitation: „Was kommt jetzt?“ Und der Hinweis auf die „Verantwortung.“ Den Auftrag bzw die – zumindest moralische – Verpflichtung in die Öffentlichkeit zu gehen. Darauf werde ich weiter unten nochmals eingehen.

Was sich durch den ersten Teil zieht, ist die angebliche Aufforderung an Barino: denke nicht, sonst verlierst Du Deinen Glauben. Dies ist eine – kanonisierte – zutiefst katholische Figur und der Titel einer Enzyklika von Papst Paul VI aus dem September 1965: Mysterium Fidei.

Die zentrale Aussage ist zusammengefasst: Das an der Messe teilnehmende Volk bestätigt die Wirklichkeit der Eucharistie (des Höhepunktes der Meßfeier) aus dem Glauben heraus, weil es die in ihr gefeierte Wandlung, nämlich der Hostie in den Leib Christi und des Weins in das Blut Christi – mit der sich ja, nach katholischer Auslegung immer wieder neu die Gottessohnschaft Jesu bestätigt – nicht sehen kann, muss es glauben. Und diese Situation ist dann die Mustersituation der Herangehensweise an alle theologischen Fragen: was Du nicht verstehen kannst, musst Du glauben. Im Christentum eine ganz wesentliche, durch den Gläubigen zu erbringende Leistung. Wer diese Glaubensleistung nicht erbringt oder zweifelt, ist: ungläubig! Und wurde, wie man ja weiss, in früheren Jahrhunderten bestraft. Das nannte man dann Inquisition, zu der der heutige Papst sich aktuell wie folgt geäussert hat:

Großinquisitor ist eine historische Einordnung, irgendwo stehen wir in der Kontinuität. Aber wir versuchen heute das, was nach damaligen Methoden, zum Teil kritisierbar, gemacht worden ist, jetzt aus unserem Rechtsbewusstsein zu machen. Aber man muss doch sagen, dass Inquisition der Fortschritt war, dass nichts mehr verurteilt werden durfte ohne ´inquisitio`, das heißt, dass Untersuchungen stattfinden mussten.

Quelle
Joseph Kardinal Ratzinger im ARD-Magazin Kontraste (3.3.2005) zu seinem inoffiziellen Titel „Moderner Großinquisitor“. Wenige Wochen später wurde er zum Papst gewählt. Hier kann man es dann etwas zusammengefasster lesen.

Weswegen der Wunsch nach Aufklärung dann aufkam.

Wohlgemerkt: über das Verhältnis von Glauben und Intellekt gibt auch der Koran Auskuft, so z.B. in der 2. Sure, al-Baqara, die Kuh. Glaube wird hier und anderswo allerdings nicht dargestellt als etwas, das über den Taten steht, sondern in Einheit mit Gebet und Wohltätigkeit.

Barino hat hier wohl den Katholizismus seiner Mutter im Kopf, desgleichen der (iberische?) Autor. Dieser „katholische“ Approach ermöglicht ihm dann, seine Zweifel abzuwürgen, was er dann allerdings nicht durchhält. Und zweifeln tut er nicht am Islam, sondern – zurecht – an dem, was er im Kopf hat.

Insofern ist der Titel garnicht mal so falsch gewählt. Daß er somit von dem, an dem er (ge)zweifelt (hat) wieder abfällt, ist nachvollziebar. Und genau deswegen knickt er auch so schnell ein, wenn Omar argumentiert. Dazu passt auch das stereotype: „Das ist nicht zu diskutieren.“, übersetzt: bitte bohre nicht nach. Die konsequente Fortsetzung findet man im eMail-Verkehr mit Omar er gibt ihm recht und hält sich ihn dadurch diskursiv auf Abstand.

Genau diesen psychologischen Prozess beschreibt er selber – zu Recht – im zweiten Teil: „ich bin abgedriftet“. Und „ich hatte mein eigenes Gewissen, meinen eigenen Spürsinn ausgeschaltet“. Genau so das auch bei den Rechtsextremisten, bei Scientology.

Und der Prozess wird dann zu 100% der Organisation angelastet, anstatt auf die eigene Biographie zu schauen. Insofern ist es dann nur konsequent, wenn er im Film als „Aussteiger“ bezeichnet wird.

Hier sind die entsprechenden Links zu den Glaubensgeheimnissen über die man nicht (nach-)denken soll:

Geheimnis des Glaubens
Mysterium Fidei Paul VI
MYSTERIUM FIDEI
Wikipedia Mysterium Fidei

Der Begriff „Fundamentalist“ wird auch konsequent umgewortet (und mit Islam/Islamismus verknüpfend gleichgesetzt). Mal zur Klarstellung, was „Fundamentalismus“ eigentlich bedeutet: eine Ausrichtung des Christentums, die auf folgenden fünf Glaubenssätzen (five fundamentals) fußt (fast ist man versucht, zu sagen: Säulen…):

&bullSaved by Faith, not Works;
•The Bible is the Truth, the Whole Truth and Nothing but the Truth
•God the Father, God the Son, and God the Holy Spirit, the Doctrine of the „Trinity“.
•Jesus was both fully God and fully man
•Literal Return of Christ•

Das erste „Fundamental“ bedeutet Vorherbestimmung und Rettung nur durch den (richtigen) Glauben.
Das zweite „Fundamental“ bedeutet, daß die Bibel irrtumslos ist, nicht hinterfragbar und wörtlich zu nehmen (Verbalinspiration).

Die anderen drei sind ja wohl selbsterklärend. Ehrlicherweise: diese beiden werden in ihrer -vulgarisierten – „islamischen“ Version nicht nur von Barino und Umfeld, sondern auch von einer Menge anderer MuslimInnen vertreten. Ich sage übrigens voraus, dass es davon auch eine „koptische“ Version gibt. Leider wird das bestimmt nicht abgefilmt, was passiert, wenn Barino dahinter kommt, denn dann ist er längst uninteressant.

http://www.deceptioninthechurch.com/5doctrines.htm
http://www.martygrant.com/christian/fundamentals.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_fundamentalism#cite_note-2

Dann verlegen sich die Autoren auf das Name-Dropping. „Khaled“ geht ja nach Ägypten zum Studium. Der Imam sagt: „An ein Institut.“ Der Moderator: „Er studiert im Umkreis von al-Azhar.“ Betrachtet man das diskursanalytisch, handelt es sich um ein Implikat: Im Begriff al-Azhar ist im islamophoben Diskurs eine anderer Begriff enthalten: die Kaderschmiede schlechthin.

Wieso der Name eines der Kofferbomber mehrfach im Zusammenhang mit der Moschee „gedroppt“ wird, dürfte klar sein. „Kofferbomber“ wird übrigens nicht nur einmal mit islamischer Frömmigkeit und „Heiligen Schriften“ gegengeschnitten. Für die islamische Frömmigkeit findet man nur Aufnahmen von hinten, was einem in dieser Massierung wie die bildliche Umsetzung des PI-schen „Hinternhochbeters“ vorkommt.
Weitere Anspielungen und Kollektivsymbole sind in diesem Diskurs:

Multikulti: wird zweimal verwandt: einmal als Begriff für seine Familie in dem Kontext, daß er mit seiner Konversion zum Islamismus deren Konzept von Multikulti vor die Wand gefahren hat, einmal für die jetzt gefundenen koptischen und sonstigen Freunde und Freundinnen – hier mit der Aussage, dass der Islam genau dies eben nicht sei. Fast schon rührend ist die gegengeschnittene Szene: jetzt „darf“ er in der Kneipe sitzen und Frauen nahe sein, ohne dass jemand schlecht denkt. (im Niederländischen hat sich die Variante „Multicul“ eingebürgert, die man nur dann richtig würdigen kann, wenn man die Übersetzung von „cul“ kennt: Hintern.)

Grüne: über die mittlerweile von Panik überwältigte Mutter erfährt man, ausser dass sie katholisch ist, dass sie im Umfeld der Grünen zu verorten ist. Dies nimmt man wahr als eine Voraussage an alle : „Dhimmis“so wird es euch allen ergehen, wenn Ihr diesen Unfug nicht lasst.

Die heiligen Bücher des Islam:sind in Wirklichkeit keinesfalls Gottes Wort, sondern Handbücher des Terrors. Deswegen werden sie von den Autoren auch mit den „Kofferbombern“ zusammengeschnitten:
Jihad: Wie immer mit den entsprechenden „Kriegsversen“ aus der 9.Sure (at-tauba) und gleichartigen, die ihres historischen Kontext beraubt werden und dann als Versatzstücke benutzt, die die Bösartigkeit und Gewalttätigkeit des Islam belegen sollen. Bemerkenswert ist der Zusammenschnitt von betenden Jihadis, angeblich in Usbekistan (dessen großartiges kulturelles Erbe so im Vorbeigehen auf die Gewaltvariante reduziert wird) und Barinos erstem Vortrag. Barino ist der, der uns kompetent die Identität von Islam und Gewalt erklärt.

Ich denke, würde man das Ganze durchgängig diskursanalytisch angehen, könnte man noch eine Menge an Kollektivsymbolen, Implikaten und Anspielungen mehr finden.

Es gibt übrigens noch eine weibliche Variante, eine Menge Schwestern, die eine solche „Karriere“ wie Barino durchlaufen: muslimischen Gatten, Sturmübertritt zu dem, was sie dann für sich als Islam erkannt zu haben glauben. Das sind dann meistens die, die sich stundenlang mit der Suche nach Gelatine in Nahrungsmitteln und der Frage nach dem korrekten Rocksaum und Kopftuch, dem Zupfen von Augenbrauen und Ähnlichem abarbeiten. Geschlechterübergreifend wird dann darüber diskutiert, ob es denn haram sei, auch mal einen bedürftigen „Christen“ zu unterstützen (Antwort selbstverständlich: Ja, „solange die Länder des Islam nicht frei sind…“), zur Beerdigung von nichtmuslimischen Verwandten zu gehen (ist auch haram, bestenfalls darf man sich am/vor dem Kircheneingang postieren). Wenn dann die Ehe zerbricht, zerbricht auch das Band zum Islam – und einige dieser Mädels findet man dann auf christlichen Seiten und solchen wie faithfreedom und Ähnlichem als „Kronzeuginnen“ wieder, wo sie dann endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen mit Burka/Manteau und Riesenkopftuch/Niqab nicht gewährt wurde – nicht mal im Negativen.

Diese Italienerin hat es auch zu einer mindestens E-Prominenz gebracht. Auch sie war früher mit einem Muslim verheiratet und zum Islam konvertiert. Früher hat man sie mit ihrem Klarnamen in der Autorenliste von faithfreedom finden können, jetzt nicht mehr. Dafür hier zwei andere Beispiele: „Jutta“ und „Andrea“.

Barinos Selbstdarstellungsdrang manifestiert sich für mich in der Auflistung der „Gelehrten“, von denen man zwar einige gruppiert bekommt, aber eben nicht alle: Ibn Kathir klingt für mich nach: damit kann man nichts falsch machen. Die Namen von Qutb, Maududi und Qaradawi hätte ich eigentlich in meine obige Liste der Anspielungen und Kollektivsymbole aufnehmen müssen. Im islamophoben Diskurs dienen sie nur noch der Abschreckung. Dass Qutb, der sich nach einem Besuch in den USA radikalisierte, schon längst der innerislamischen Kritik unterliegt [ http://www.thewahhabimyth.com/qutb.htm ] und weder Maududi noch Qaradawi „den“ Islam, sondern nur eine Richtung repräsentieren. Wieso Qurtubi gerade für „Philologie“ herhalten muss, erschliesst sich mir nicht ganz. Aber vielleicht hat Barino diesen wikipedia-Eintrag auch gelesen. Diese Stelle seiner Koranauslegungen sicherlich nicht,

It is related that ‚A’isha said, „The Messenger of Allah, may Allah bless him and grant him peace, did not explain the Book of Allah except for some ayats which Jibril taught him.“ Ibn ‚Atiyya said, „The meaning of this hadith is that it is about the unseen things of the Qur’an, explaining what is ambivalent (mujmal) and the like to which there is no way to uncover except with Allah’s help. Part of that are those unseen matters which Allah has not made known, like the time of the Rising and the number of blasts on the Trumpet and the order of the creation of the heavens and the earth.


Quelle.

denn im Film ist mehrfach die Rede davon, daß die Koranauslegung des Propheten nicht hinterfragbar sei. Auch dies ist wieder ein katholisches Motiv, das dem Islam übegestülpt wurde: die päpstliche Lehrautorität ex cathedra.Zumindest im sunnitischen Islam gilt der Prophet nicht als unfehlbar.

Im innerislamischen Diskurs macht man mit einem Bezug auf al-Ghazali genauso wenig falsch, wie wenn man sich in der CDU auf Konrad Adenauer beruft. Deswegen hier mal ein paar mehr links:
http://en.wikipedia.org/wiki/Al-Ghazali
http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Ghazali
http://www.ghazali.org/site-de/index.html
http://www.al-sakina.de/inhalt/studien/ghazali/ghazali.html

Ach ja, „Christen“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, denn es sind im Kontext nicht die Angehörigen einer definierten Religionsgemeinschaft gemeint, sondern die Träger eines Merkmales, gegen das sich der Sprecher /oder andernorts die Sprecherin abgrenzen möchte. Sinngemäß gilt Gleiches auch für „Juden“. In einem solchen Diskurs möchte ich „Jahili-System“ übrigens gelesen wissen als „die Gesellschaft, mit der ich nicht zurechtkomme.“ Rechte Outdrops finden dann dafür den Begriff „Systemstaat“, linke Outdrops greifen schon mal gerne zum „Schweinesystem“…

Dazu gehört für mich dann auch das inflationäre und undifferenzierte Verteilen eines „Du-bist-eineR-von-uns-„Prädikats: Bruder/Schwester, GenossIn, KameradIn.

Die männliche Variante der oben zitierten Damen findet man dann in der Variante „Prediger“ bzw. Djihadi – Barino – den ich auch in die Richtung „Aufmerksamkeitsjunkie“ einordnen würde, versucht sich im ersten Teil als Mischung aus Beidem. Dazu passt für mich auch die Benutzung eines recht geschraubten Sprachduktus: „präferieren“…

Und hier möchte ich trennen zwischen ihm und den „Brüdern“, die ihm das möglicherweise anfangs eingeblasen haben.

Interessant wäre für mich auch, ob die angebliche Todesdrohung des Imams ihm gegenüber auch wirklich gefallen ist. Bezeichnenderweise hört man ja bei dem entsprechenden Telefongespräch im zweiten Teil seine Stimme nicht, was technisch sicherlich möglich wäre. Wenn das stimmt, wäre es geradezu die Pflicht der Autoren gewesen, Barino zur Vorsicht zu mahnen. Stattdessen wird er geradezu auf den öffentlichen Auftritt verpflichtet.

Und ein koptischer Geistlicher meldet sich „einfach so“ bei einem Islamisten? Hallo???

Die jetzige Wahl gerade des koptischen Christentums ordne ich unter das Stichwort „Vater-Sohn-Beziehung“ ein.

Der Besuch bei Giordano zeigt für mich auch, daß sich Barino das Wohlwollen der Leute, die auf ihn so aufmerksam wurden, erst verdienen muss. Nicht umsonst fragt G. ja, wie es denn jetzt weiterginge und bemerkt: „Sie tragen eine große Verantwortung.“ Er verlangt ihm ab, in die Öffentlichkeit zu gehen – also genau das, was doch angeblich so sehr mit dem Tode bedroht ist – Fürsorge sieht anders aus. Insofern denke ich, dass Muhammad Muni recht hat: Barino wurde instrumentalisiert. Doch ich denke, daß er – wie all diese Medienphänomene – der Meinung ist, er selber hätte es in der Hand.

Zusammengefasst:

Barino hatte einen „Islam im Kopf“, der von eigenen Projektionen bestimmt was. Davon hat er sich gelöst. Diesen Platz besetzt jetzt das koptische Christentum. Er wird aus meiner Sicht instrumentalisiert und ist sich dessen zumindest jetzt bewusst und versucht, die Fäden in der Hand zu behalten. Er ist eine kurzlebige Ausprägung eines Medienphänomens, das so neu garnicht ist. „Aussteiger“ gibt es in den verschiedenen Varianten schon seit dem Mittelalter: Aus dem Judentum, dem Christentum, der Freimauerei, der Rechten Szene, Scientology.
Aussteiger aus dem Islam gibt es nicht wenige, wie allein die entsprechenden Seiten zeigen. Erst durch die mediale Aufarbeitung wird er zu etwas Besonderem.
Barino wird – wie sie alle – sehr schnell in der Versenkung verschwinden und maximal in der islamophoben Szene goutiert werden. Spätestens wenn der neue „Star“ geboren wurde. Ein Magdi Allam wird nicht aus ihm, da bin ich mir sicher. Wir können zur Tagesordnung übergehen.

Disclaimer: Durch die Linksetzung auf ähnliche Artikel dokumentiere ich diese nur und mache sie mir nicht „zu eigen“. „Ähnlich“ ist ein weiter Begriff…

4 Kommentare

  1. Ich hab die Geschichte um Barino verfolgt und
    muss zugeben: sie hat mich aufgewühlt und
    viele Fragen aufgeworfen.
    Der Artikel BBs ist brillant – ohne Berührungsängste und
    ohne Hass analysiert er besonders die heiklen Punkte und hat
    mir sehr geholfen, vieles im Kontext zu begreifen.
    Ich war und bin gefährdet, ins islamophobe Lager abzudriften. Meine
    Erfahrungen mit Muslimen sind sehr ambivalent: solange man „brav“
    ist, wird man mit Zuneigung und Tee zugeschüttet, doch auf offene und
    ehrliche Kritik reagieren viele Muslime mit offenem und ehrlichem
    Hass, mit Aggressionen, Gewalt- und Morddrohungen.
    Diese Unverhältnismäßigkeit lässt mich oft ratlos zurück. Wie soll ich
    die Brüderlichkeit vieler Muslime einordnen, wenn sie an so viele
    Bedingungen geknüpft ist und so schnell in Feindschaft umschlägt?

    Auch wenn mir BB die Augen geöffnet hat über die vielen
    manipulativen Schnitte, Symbole, Bilder etc. im Film, glaube ich
    übrigens nicht, dass die gesamte Story um Barino so geplant war.
    Diese Journalisten verstehen zweifellos ihr Handwerk. Doch ich vermute
    eher eine selbsterfüllende Prophezeiung dahinter. Sie verstehen
    sich als objektiv und die Manipulation als Aufklärung.

  2. Meine
    Erfahrungen mit Muslimen sind sehr ambivalent: solange man „brav“ist, wird man mit Zuneigung und Tee zugeschüttet, doch auf offene und ehrliche Kritik reagieren viele Muslime mit offenem und ehrlichem
    Hass, mit Aggressionen, Gewalt- und Morddrohungen

    Grüßgott, Karl Karam, erstmal vielen Dank für den Kommentar. Eine Frage hätte ich allerdings: lese ich das richtig, und Sie persönlich haben Morddrohungen erhalten? Was derartige Extremreaktionen betrifft – ich gehe jetzt ersteinmal davon aus, daß nicht siee persönlich Gegenstand von Gewalt und Morddrohungen waren – sonst korrigieren Sie mich. Falls Sie das nicht öffentlich tun wollen, gerne über unser Kontaktformular. Zwischenzeitlich darf ich Ihre Aufmerksamkeit mal auf diesen Artikel lenken. Dort habe ich mal ein anderes Stereotyp über Muslime beleuchtet, weil ein Kommentator ein einem wieder anderen Artikel bemängelte, ich hätte ja nur über Funktionäre geschrieben. Unten sehen Sie dann auch, wie viel „viele“ Muslime sind, wenn über Gewalttätige Demonstrationen und Hass berichtet wird. Ich darf nochmals zitieren:

    Letztes Jahr hatten wir das mal nachvollzogen. Da sind in Pakisten Leute gegen den Ritterschlag für Rushdie auf die Straße gegangen. Am 17. Juli 2007. Folgender Dialog zwischen einer Kommentatorin und mir:

    Stichwort: Massendemos. Zahlen wurden z.B. von einer pakistanischen Zeitschrift genannt, in dem Artikel *“2,000 rally across country against Rushdie’s knighthood” (). Danach waren es am Fr. 22.6.2007: 1000 in Karachi,
    300 in Islamabad, 50 in Lahore, 300 in Quetta und mehrere 100 in der gesamten Region Srinagar. Die meisten der Städte sind Millionenstädte! Quelle: dailytimes.com.pk*
    Ich darauf:
    Du zitierst:
    “2,000 rally across country against Rushdie’s knighthood” , das wären also:
    *2000 von mindestens 166 Millionen,
    1000 in Karachi wären: 1000 von 11,6 Millionen
    300 in Islamabad wären 300 von 1.169.000,
    50 in Lahore wären 50 von fast 8 Millionen
    300 in Quetta von 650.000,
    Also bewegen sich die “Massen” im Promillebereich. Ähnliches hatte Ulrich Tilgner ja schon mal für die “Massen” in Teheran nachgewiesen.*
    und meine Konsequenz:
    *Die Quintessenz des Artikels war also: ein paar Hansels sind immer “Massen”, zehntausende werden nicht nicht wahrgenommen.*[/Quote]

  3. BBs Artikel hat mir klar gemacht, wie naiv ich mit dem Medium Fernsehen umgehe und wie sehr es mich manipuliert. Natürlich wusste ich schon vorher, dass Meinung gemacht wird, aber ich sollte im alltäglichen Umgang viel aufmerksamer sein. Wenn z.B. der Koran im Bild gezeigt wird während von Terror die Rede ist, oder wenn die Aufnahme einer Moschee mit Krimimusik unterlegt wird, dann prägt das wirklich auf die Dauer. Man verbindet dann unbewusst Gewalt mit Islam. Natürlich gibt es Gewalt im Islam, die Frage ist, in welchem Maße und ob (und wenn ja wie sehr) die Medien da übertreiben. Da bin ich immer noch unsicher.
    Der link zu den Bildern von den Friedensdemos in Teheran, Palästina usw. hat mich nicht wirklich überzeugt, eher im Gegenteil, denn dort sind wirklich nur sehr wenige Menschen zu sehen. Die Demos gegen „den Westen“, z.B. wegen der Karikaturen in einem dänischen Käseblatt, hatten ein deutlich größeres Kaliber.
    Andererseits sind viele islamische Länder Diktaturen, und dort haben von Oben verordnete Demos immer Massencharakter. Das Volk denkt in Wahrheit oft ganz anders. Ein deutliches Beispiel waren die Massenkundgebungen zum 40. Geburtstag der DDR: an denselben Tagen zeigte das Volk, wie es wirklich dachte.
    Auch meine Erfahrungen z.B. in arabischen Ländern haben mir gezeigt, dass „das Volk“ eigentlich immer nur in Frieden leben will, und natürlich auch in Wohlstand. Am Ehesten polarisiert da noch der Palästina-Israel-Konflikt. Aber Menschen mit Familie und in menschenwürdigen Lebensumständen wollen keine religiösen Kriege, ist mir jedenfalls noch nie begegnet. Da muss ich vorsichtiger sein und Medienberichte kritischer hinterfragen, denn auch hier wird Meinung von „Oben“ gemacht. Aus dem Krieg um Kuwait ist mir noch in deutlicher Erinnerung, wie stark Medien besonders im Krieg manipuliert werden.
    Aber dann macht mir der Islam auch wieder Angst, wenn ich z.B. sehe, wie sehr sich das Stadtbild orientalisiert, oder wie aggressiv junge muslimische Männer in Drogenszene, Nachtleben und kriminellem Milieu präsent sind.
    Von Blogs wie z.B. „PI“ (von einigen interessanten Artikeln vielleicht mal abgesehen) fühle ich mich aber auch abgestoßen, erst recht wenn ich mir die Kommentare da ansehe. Da machen es sich einige im Gossenjargon zu bequem, und auf diese Gemütlichkeit kann ich gern verzichten.

    Jetzt bin ich im Meinungsfindungsprozess sehr weit abgedriftet, und hab auch die Frage noch nicht beantwortet. Den Gruß möchte ich wenigstens noch erwidern, und entscheiden Sie einfach, ob dieser Kommentar wirklich veröffentlicht werden sollte.
    Gruß aus Köln

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