Wahrnehmung zwischen Einblendung und Ausblendung (Teil 4).

Im letzten Teil, sprach ich zum Schluss an, dass ich mich einem ganz speziellem Umfeld widmen möchte. Von möchten, kann eigentlich keine Rede sein, denn alleine schon beim Betrachten, bekomme ich diesbezüglich speziell im Angesicht einer Gesellschaft, derer es beliebt von Wissenschaft, Wahrheitssuche und Aufklärung zu sprechen, doch ein ziemlich ungutes Gefühl.

Ebenfalls, ist wahrscheinlich auch der Begriff Umfeld genauso falsch, wie man nicht nur von einem Marktsegment sprechen könnte. Zumindest nicht von einem einzelnen. Im hilflosen Versuch es wenigstens in einem begrenzten Endlossatz zusammenfassender beschreiben zu wollen, drängt sich mir nur das Bild einer ziemlich großen-, im Moment lediglich vom Markt abhängigen-, und ansonsten vollkommen frei schwebenden Blase auf, in welcher sich Menschen die Legende eines “etwas” stricken, was durch sie selbst zwar ständig erweitert wird, aber dies immer mit einem Grundsortiment an Wörtern, die zum größten bis oft auch hauptsächlichen Teil etwas mit “systemisch” zu tun haben, dabei irgendeinen Geruch nach Wissenschaft verströmen wollen, aber die Esoterik genauso kreuz und quer durchs Gelände pflügt-, wie missbrauchte oder nach Eigenbedarf interpretierte Zitate seriöser Wissenschaftler, – und von einem Beratungswillen mit genau dieser Gemengelage lebt. Die bösere Variante eines Beschreibungsversuches, würde von der ultimativen Oberfläche einer großen Anzahl von Menschen reden, die sich ihre Welt selbst-erweiternd, aus dem rhetorischen Umfeld-Pool der Bertelsmann-Stiftung und der INSM heraus, – zugunsten methodisierbarer und eigen-profitabler Privatisierung eines Beratungs- und Begleitungsumfeldes gerade strickt.

Bezüglich von ausreichenden Beispielen in Linkform, habe ich allerdings ein Problem. Einmal, fehlt mir wirklich jede Lust, diesbezüglich jedes mal ganze Seiten damit zu füllen und zum anderen, will ich auch nicht den hiesigen edlen Entenstall zu sehr damit zu müllen. Wer sich ein digitales Bild übers Netz machen möchte, braucht allerdings nur mit Kombinationen aus Wörtern wie “systemisch”, “Coach”, “NLP” zu googlen und kann die Suche spaßeshalber auch mit Begriffen wie “Institut”, “Esoterik”, “Astrologie”, oder auch Berufsgruppen im selbstständigen Beratungsmetier erweitern. Wer mir abnimmt, dass ich dabei keine eigenen Trafficgelüste im Kopf habe, kann sich auch zusätzlich bequem über entsprechende Links im eigenen Blöggle weiter klicken, ohne sich meine dortigen Gedanken zum ähnlich bis gleichem Thema antun zu müssen.

Grob mit eigenen Schlagworten umrissen, meine ich einen Kontext der systemischen Überproduktion des Umgangs mit dem Begriff “systemisch”, seinen Coaches, seinen Ponyhofkehrern, seinen NLP-Freaks, seinen Anhängern unter den Sozial- und überhaupt Pädagogen, seinen arbeitgeberfreundlichen Motivationstrainern, seinen Pseudowissenschaftlern, seinen Vollesoterikern, seinen “hypnosystemischen” Schwallbacken, seinen Personal-Hobbypsychologen mit psycho-sozialem Weihrauch gleich im profitablem Coachingbetrieb. Man trifft sie überall, ob einzeln oder in Horden, ob in HR-Stuben, im sonstigen Management, ob bestellt für ein paar Stunden harmonischem Arbeitnehmertrainings im Team, oder eben einzeln zur Förderung des Egos, ob für Lebens-, Familien-, Erziehungsberatung, ob in Schulen, ob in sozialpädagogischen Einrichtungen oder auch einfach nur in der Astrologie.

Die Legendenbildung zur Selbstlegitimation, ständig um so etwas wie ein Systemdenken herum, ist unübersehbar. Was man oft sieht, sind quick-and-dirty-Erklärungen, wie z.B. bei dem hier, welcher von einer soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann schreibt, die anfänglich von Bertalanffy entwickelt worden sein soll. Das ist vollkommen willfähriger Nonsens und nur noch über ultimative Oberflächlichkeit erklärbar, aber fast schon symptomatisch bezüglich einer Strickerei zur Begradigung der eigenen Welt innerhalb der genannten Blase. Ludwig v. Bertalanffy, war der Verfasser einer sehr rudimentären “allgemeinen” Systemtheorie, an welche sich nicht mal die mannigfaltig existierenden Systemtheorien der Naturwissenschaftler gehalten haben, wie der Soziologe Niklas Luhmann erst recht nicht, aber sich selbst ob solchem hahnebüchenem Missbrauch mit Sicherheit im Grabe herum drehen würde. Auch wenn ich selber seinen inhumanen supertheoretischen Murks schon wegen seinem eigenen Blickwinkel der funktionalen Differenzierung von Menschen genauso ablehne, wie seine Missachtung der eben bei Bertalanffy noch sauberen logischen Trennung von schließbaren und offenen Systemen, muss ich glatt noch zugestehen, dass er dies jetzt auch nicht verdient hat. Hier hat jemand das Wort Systemtheorie gelesen und sich die Welt noch schneller zusammen gestrickt, wie das selbst mit wikipedia möglich wäre. Im Grunde auch ein Paradebeispiel für die ständige Verwendung halb- bis gar nicht verstandener Oberbegriffe, ohne sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, aber neuen eigenen Inhalt darüber generieren zu wollen. Zusätzlich, darf man hier noch auf die Besonderheit eines mentalen Wechsels bei den Esoterikern hindeuten, welche noch in den 90igern, die auch systemtheoretisch bedingte Kälte der Wissenschaftler noch ablehnten und sich deshalb als Alternative sahen, aber jetzt plötzlich das gleiche Pferd reiten wollen.

Wobei die Mischung aus Astrologie, Soziologie und Psychologie natürlich ein besonders krasses Beispiel bietet, aber wenn man mal genauer da nachschaut, wo man bei den “Systemischen” den Astrologen durch NLP-Coaches, HR-Managern, Lebensberatern-, Arbeitswelt- und überhaupt systemischen Erklärbären ersetzen kann, wird man bezüglich sozio-psychoökonomischer Legendenbildung ums Wörtchen System herum, genauso massenhaft fündig, wie man mit steigender Entfernung von der Esoterik den deutlichen Willen bemerken kann, diese in geradezu schwallartiger Verwendung von systemtechnokratischen Worthülsen verstecken zu wollen, die von tatsächlich seriös wissenschaftlich anerkannten Systemtheorien, himmelweit entfernt sind. Besonders deutlich wird dies, wenn so der durchschnittlich zeitgemäße Coach, für was auch immer, ob nun als Einzelkämpfer oder Institutslehrling bzw. gecoachter Coach, den modischen Tick mit dem “systemisch” entdeckt hat. Selbst bei z.B. mittlerweile Heilpraktikern, die man größtenteils eigentlich schon ernst nehmen konnte, weiß man stellenweise mittlerweile nicht mehr, ob sie Heilung praktizieren wollen, oder selber Heilung von systemischer Überladung benötigen. Möglicherweise eine Frage, der größeren terminologischen Nachfrage.

Den Spruch mit der “systemischen Denke”, welchen man öfters in dem Zusammenhang hört, dass dies ein “weiteres” Denken sein soll, sehe ich so ziemlich als Witz des Jahrhunderts an. Nicht nur, dass man ehrlicherweise wohl mehr von ausgesprochen individuell “eigener systemischen Denke” sprechen sollte, kommt da offensichtlich auch keiner über die profitabel funktionale Wand seiner eigenen Mikroebene hinaus, als dass ihm wenigstens bewusst werden könnte, dass hier schon lange jede mögliche Trennschärfe zwischen tatsächlicher Wissenschaft und Esoterik verloren gegangen ist, – und das eigentlich für jeden auch deutlich sichtbar ist. Der Wahnwitz liegt dabei in der gleitenden Akzeptanz mit ebenso gleitender Ausweitung in alle möglichen Bereiche. Was man nicht zwingend an diesem “systemisch” fest machen muss. Ich selber bin z.B. fürwahr kein Anhänger akademischem Elitenbewusstseins, aber Akademiker die sich ihre Partnerwahl beim soziopsychologischem Astrologen mit wissenschaftlichem Anspruch suchen, muss ich erst recht nicht ernst nehmen. Was ist hier passiert? Sprach ich in einem der letzten Teile von Wirrnis, dann haben wir sie hier in Reinform.

Lange Spekulationen, wie sich etwas, was man noch vor ca. 15 Jahren, in die Rubrik der zwielichten Angebote von Anzeigen in Groschenheften- oder der Regenbogenpresse verortet hätte, – dermaßen explodieren und auch noch akzeptiert werden konnte, versuche ich mal auf ein Minimum zu reduzieren und mehr wie ein Versuch ist es auch nicht. Nimmt man, eine speziell in den 80/90iger Jahren entstandene Verquickung, dreier, grundsätzlich unterschiedlicher Systemsichten, nämlich die dogmatischen Systemtheorien der Naturwissenschaftler, die halbgaren der Soziologen bis Ökonomen und die Alles-ist-Eins-und-miteinander-vernetzt-Version der Esoteriker, hat man bereits schon eine bedenkliche Gemengelage. Wird dies noch zusätzlich durch die Begriffsküche eines Computer- und Informationszeitalters beflügelt, derer sich ausnahmslos alle modisch bedienen, gehen noch weitere Trennschärfen im rhetorischen Gleichklang eines auch dadurch geprägtem Zeitgeistes und seiner Denke unter. Eine funktionierende unabhängige Wissenschaft, auch in Kombination mit einer noch intakten humanistischen Bildung, sollte dies allerdings als gesellschaftliches Korrektiv noch abfangen können. Psychologen, die z.B., – wie noch in den 90igern geschehen, anfangen den Faden darüber zu verlieren, indem sie menschliche Gehirne mit CPU’s und Festplatten assoziieren, werden da genauso in die Schranken gewiesen, wie es ausreichend seriöse Fachleute geben würde, welche eine allzu vorschnelle Begeisterung fürs neurolinguistische Programmieren von Menschen, nicht nur auf den humanen Aspekt des Begriffes “Programmieren” hinweisen-, sondern überhaupt erst mal einen Prüfstand für sowieso schwer angezweifelte relativ standardisierte Methodiken fordern würden, bevor man damit Hinz und Kunz auf andere Menschen los lässt, die einem auch noch die triefige Logik vermitteln, dass sie damit auch das selbstständige Denken “methodisch” programmierend fördern wollen. Überlegungen, die innerhalb auch soziologischer Betrachtungen einer Gesellschaft, eigentlich zur Normalität gehören sollten.

Solche Korrektive, haben aber wohl keine Chance mehr, wenn sie medial und dies auch noch ideologisch überrollt werden. Lässt man den ganzen sowieso schon bedenklichen Zustand, noch mittels der internen Mentalität und Terminologie, wie auch Bekenntnislage zum ebenfalls selbst-interpretiertem Luhmannschem-Systemtheorie-Murks der Bertelsleute und der INSM, und den damit verbundenen Interessen der Arbeitgeber und sonstigen Marktideologen, in diesem Markt, der auch noch alles regeln soll, – aufgehen, – dann wundere zumindest ich mich nicht über solche Blasen. Den Einfluss der Bertelsmänner- und Frauen, kann ich dabei auf keinen Fall übersehen, denn die haben es nach dem Millenium immerhin geschafft, mit genau diesem; “Luhmann,-und den großen Rest erklären wir”-Mix, ein bundesweites soziologisches Beratungsmonopol zu etablieren, welches auch die gesamte hierarchische Vorgabenkette von den Soziologen bis zu den Pädagogen durchwandert hat.

Gibt man dem noch den letzten Schliff, einer ebenfalls aus diesem Umfeld kommenden Mentalität der methodisierbar markt- und prozessorientierten Privatisierung von Beratungs- und Lebenshilfe jeder Art, dann haben wir den systemischen Psycho-Coach und auch die besonders auffällig nach dem Millenium explosiv angewachsene Beliebtheit einer neurolinguistischen Programmierung, die sich auch alle zusammen eigenverantwortlich verkaufen müssen. Vom mittlerweile fast schon altbacken anmutendem Vorbild der ersten Stunde, in Form des mietbaren HR-Profis, mit auch Erfahrung im Personalabbau und Big-Business, muss man da fast gar nicht mehr reden, aber mit Sicherheit hätte Erich Fromm nicht nur eine ziemlich große Träne zwischen Haben und Sein vergossen, sondern auch wegen eines gewissen Marktsprungs in der Schüssel eines sozio-psychologischem Ambientes, dessen soziale Zielorientiertheit, einen ausgesprochen einseitigen Charakter haben kann.

Ein Hype, der zwar weder sozial noch medizinisch glaubhafte gesellschaftliche Erfolgsquoten außerhalb von funktionalen Adaptionen ans Leistungsgedröhn liefern kann, aber gerade wegen letzterem, eine hohe Nachfrage erfährt, und deshalb natürlich auch fürs geschäftstüchtige Umfeld der Vollblutesoteriker, als Vorbild fürs Legendenumfeld des eigenen Geschäftsmodells taugt. Die Frage ist jetzt nur noch, wie eine um Wahrheit bemühte humanistische Bildung in einer Gesellschaft möglich sein soll, in welcher selbst Lehrer bereits schon so weit sind, dass sie sich durch den elitären Akademikernebel von Sozio-Psycho-Astro-Esoterikern vögeln wollen, um sich danach eine systemische Familienaufstellung zu gönnen, und ihre Kinder systemisch neurolinguistisch darauf programmieren zu lassen, dass die, verdammt noch mal, den ganzen wirren Murks gut finden sollen?

Für den Fall, dass sich das alles sehr pauschal anhört, und eventuell der eine oder andere Fachmann des systemischem Umgangs mit Menschen meint, dass er es ja nur gut meint und lediglich helfen will bzw. gar tatsächlich eine Menge, – und vielleicht sogar wirklich hilfreiche Erfahrung im Umgang mit Menschen hat, – hätte ich da übrigens einen recht lapidaren Vorschlag, den nicht nur jeder selber ausprobieren kann, sondern vielleicht auch etwas mehr Klarheit bringt. Nehmt mal bei allen Kontexten, die ständig damit hantieren, einfach mal die “system”-Wörter raus und seht euch an, was danach übrig bleibt. Besonders bei denen, wo dann überhaupt noch was übrig bleibt, muss das nicht zwingend negativ enden. In manchen Fällen, könnte das sogar zur Erkenntnis führen, dass es komplett ohne gehen könnte. Auf jeden Fall, hätten wir dann schon mal den beträchtlichen Teil einer rhetorischen Blase abgespeckt, deren Restinhalt man dann tatsächlich, – eventuell sogar systemisch, auf Sinn oder Unsinn analysieren kann.

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