VW – es gibt kein größeres Herzeleid als sich der Mensch selbst andeiht

Ja, ich weiß, mein Anwalt warnt mich auch immer. Ich soll mit den Sprüchen von Großmutter und Großvater viel vorsichtiger umgehen, weil sie so von der deutschen Justiz so hart bestraft werden, aber ich habe zumindest nicht laut gesagt, dass ich meine Schweine am Gang erkenne, obwohl ich genau das tue.

VW besteht aus Sparfüchsen.  José Ignacio López de Arriortúa eröffnete zusammen mit Peter Hartz den Reigen von Sparmaßnahmen gegen die Zulieferer und die eigenen Mitarbeiter. Beide wurden hochgelobt, die Gewerkschaften gekauft und auch wenn man auf den Herrn López de Arriortúa schon bald verzichten musste ging das Lieferantenerpressen fröhlich weiter. 

Piech war erfreut und die dämlichen Landesregierungen in Niedersachsen machten eine wie die andere mit. Die Gewinne kamen ins persönliche Töpfchen von Porsche/Piech und waren später Teil des Übernahmekrieges von Porsche, den sich angeblich ja nur ein Manager ausgedacht hat. 

Es war – und da spreche ich aus Erfahrung – schon zu  Heinrich Nordhoffs Zeiten kein Vergnügen VW Lieferant zu sein. Schmücker sparte auch schon wo er konnte ließ aber die Zulieferer wenigstens so halbwegs am Leben. 

So richtig Fahrt kam in das Sparsystem als die europäischen und amerikanischen Manager das japanische System begriffen. Wir kannten ursprünglich das Kanbansystem nur als optimierte Lagerhaltung, das zusammen mit einer Just-in-Time Lieferung dazu führen sollte, das z.B. Autositze, in der richtigen Reihenfolge praktisch zum Zeitpunkt des Einbaus, direkt vom Zulieferer an das Fleißband geliefert wurden. 

Wir sahen japanische Firmen deren Mitarbeiter lebenslange Arbeitsverträge hatten und die in sauberen Werkhallen, mit sauberen Overalls täglich weit über ihre Arbeitszeit und praktisch ohne Urlaub, fröhlich morgens gemeinsame Gymnastik machten um fit für den Tag zu sein. Was wir nicht sahen, waren die Zulieferer bei denen es keine lebenslangen Arbeitsverträge, keine tollen Werkhallen und viel Arbeit für geringen Lohn unter hohem Druck gab. 

Ich kann nicht wirklich beurteilen, in wie weit die Großkonzerne das System von Anfang an begriffen hatten, ich glaube es erschloss sich ihnen auch erst nach und nach, aber dann nutzten sie es richtig aus. Die eigene Teileproduktion wurde immer geringer. Lohnintensive Arbeiten wurden als erstes zusammen mit kostenintensiver Lagerhaltung ausgelagert. 

Hersteller wie VW, aber auch Bosch oder Siemens wandelten sich von Herstellern zu Teilekäufern. Siemens war eine Zeitlang der absolute Horror der Branche. Vor allem als Siemens begann mit Abrufaufträgen zu arbeiten in einer Zeit, in der die schnellste Kommunikation der Fernschreiber war und das meiste über die Post ging.

Ich kann mich noch an einen Tag erinnern wo wir für einen Abrufauftrag den wir noch gar nicht erteilt bekommen hatten, gleich drei Änderungen der Mengen erhielten. Da brauchte man viel Schnaps um das zu ertragen. 

Selbstverständlich konnten die Abrufaufträge jederzeit auf Null gesetzt werden. Wir hätten mehr Geld für Personal zur Verwaltung der Abrufaufträge ausgeben müssen, als wir für die Waren bekommen hätten. Ergo wurde so produziert, wie man es aus den tatsächlichen Lieferungen ableiten konnte und die Änderungen lediglich von Lehrlingen abgeheftet und wenn die Schreiben weg waren interessierte es eh niemanden. 

Das konnte man auf dem Gebiet Schrauben, Muttern und Verbindungselemente leicht machen, auch wenn es nervte das Siemens dauern neue Schrauben außerhalb jeder Norm entwickelte. Die Verluste waren überschaubar. Bei Kabelbäumen für ganze Autos die Opel gerne mal alle fünf Minuten änderte genau wie Daimler war das schon schwieriger und bei Getriebeteilen oder Turboladern von VW völlig unmöglich. 

Die Zulieferer mussten nicht nur ein völlig chaotisches Bestellverhalten akzeptieren, dass mit der Einführung der Computer wenigstens verwaltbar wurde, sondern gleichzeitig auch immer neue Preisdrückereien ertragen. Computerprogramme berechneten wie sich die geplanten Senkungen der Produktionskosten auf die Zulieferer zu verteilen hatten. 

Die Zulieferer mussten ihre Maschinenparks bis zum Auseinanderfallen belasten und ihre Belegschaft immer schlechter bezahlen oder Gewinneinbußen mitnehmen. Gleichzeitig wurde erwartet dass die Zulieferer noch innovativ wurden und neue Ideen und Produkte zum Nutzen der Auftraggeber entwickelten. 

Etwas später kam es dann zu Forschungskooperationen, bei denen Forschungsmittel des Staates bis an die Zulieferer durchgereicht wurden, die zum Teil als Ausgleich für die niedrigen Einkaufspreise zu verstehen waren. Ein Zulieferer der sich wehrte wurde ersetzt. Es war die steigende Produktivität, an der die Mitarbeiter natürlich nicht beteiligt wurden, die es erlaubte so vorzugehen. 

Mit Mietarbeitern, Sklavenarbeitern und Subunternehmen wurde die Arbeit immer billiger und wenn es gar nicht mehr ging wurde sie ins Ausland verlagert. Ganz Europa wurde zum rollenden Lager. Die Straßen sind verstopft mit LKW die nur zum Teil beladen sind, aber eben auf die Minute genau am Band sein müssen. 

Dieser Irrsinn ist natürlich dann gar nicht mehr tragbar, wenn Absatzschwierigkeiten dazukommen die z.B.. VW und Daimler leicht abkönnen, die aber die Zulieferer hart treffen, weil sie ja die Menge der Arbeitnehmer beschäftigen und die immer noch nicht so leicht feuern können, wie es ein derartiges Wirtschaftssystem verlangt. 

Dass die Arbeitnehmer bei den Zulieferern oder deren Subs sich die Produkte deren Teile sie fertigen, nicht leisten können, zeigt wie realitätsfern diese Wirtschaftsform geworden ist.  Am Ende müssen Zulieferer sich zu immer größeren Einheiten zusammenschließen, aber der Zeitpunkt, an dem sie für ihre Arbeit auch noch Geld an den Auftraggeber bezahlen müssen, wird irgendwann erreicht. 

Unternehmen wie Bosch die auf sehr hohem technischen Niveau als Zulieferer arbeiten haben da mehr Zeit, als jemand der Sitzbezüge fertigt. Am Ende aber trifft es alle. 

Für VW hat sich die Situation als unhaltbar erwiesen, weil durch den bekannt gewordenen Betrug bei den Abgaswerten, der letztendlich ja auch nur Kosten drücken soll, die Umsatzerwartungen nach unten bewegten, also weniger Stückzahlen für die Zulieferer herauskamen. 

Egal was uns auch immer erzählt wird und mit welcher Wahrheit sich die Justiz zufrieden gibt. Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Das mittlere Management kommt nicht von alleine auf die Idee, zu betrügen. Aber es ist durchaus möglich, dass es wie bei der Mafia zuging. 

Der Mafiaboss wollte Lorenzo den stinkenden Fisch loswerden. Aber aus Angst abgehört zu werden wollte er nicht sagen das man Lorenzo umbringen solle. Deshalb sagte er: "ich kann mir nicht vorstellen, das ich Lorenzo noch einmal hören oder seinen Geruch wahrnehmen werde, aber sein Geruch wird seine fischigen Brüder sicher nicht stören." Wundert es irgendjemand das Lorenzo mit Betonstiefeln im Hafenbecken auf den Grund stehend gefunden wurde und der Mafiaboss nie dafür verurteilt wurde?

Natürlich sind VW, Daimler Opel und all die anderen nicht die Mafia. Da sind seriöse Manager am Werk die nur das beste, möglichst hohe Boni, für sich selbst wollen. Und selbstverständlich haben all die anderen auch nicht bei Abgas- und Verbrauchswerten betrogen. Das ist wie bei den US-Sportlern die ja alle nicht dopen. 

Neu an der ganzen Situation ist jetzt nur, das ein Zulieferer, dem das Wasser bis zur Oberkante Unterlippe stand, die Notbremse gezogen und VW nicht mehr beliefert und Daimler damit bedroht hat. Das was früher einmal Gewerkschaften – als die noch nicht vom Kapital gekauft waren – mit dem starken des Arbeiters bewirken konnten, nämlich den Stopp der Produktion hat diesmal ein Zulieferer geschafft. 

Also jemand der seit Jahren selbst seine Leute ausbeutet, muss um die eigene Ausbeutung zu begrenzen in einen Streik treten. Das hat schon etwas komisches. Noch viel besser aber ist, dass VW einknicken musste. Alle Zulieferer zu denen sie hätten wechseln können, hat VW selbst mit seinen Preisen aus dem Rennen genommen und außerdem fehlte Zeit. Das ist das Herzeleid dass sich VW selbst angetan hat und es lässt mich genüsslich grinsen. 

VW zahlt das Forschungsgeld und sichert für 6 Jahre weitere Aufträge zu. Kein Wunder das der Herr Osterloh, der angeblich die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat vertritt, da vor Wut schäumt. Während er und sein DGB die Interessen ihrer Mitglieder immer den Unternehmensinteressen unterworfen haben, gehen die Zulieferer in den Streik. 

In jenen Streik den der DGB immer für undurchführbar erklärt, weil er ja die besten Freunde des DGB, das Kapital  verärgern würde. Es ist schön eine ganze Reihe von betrogenen Betrügern in dieser Sache zu sehen. 

Ich hab schon Popcorn bereit für die nächsten Folgen Zulieferer gegen Auftraggeber. Schade nur dass das den Arbeitern nichts nutzt. Aber die haben ja den DGB der sie in den Schlaf singt. Wer möchte das seine Interessen vertreten werden, muss neue Gewerkschaften schaffen. Mit dem DGB geht nichts mehr. 

Unsere Politik hat übrigens auch gezeigt wie toll sie ist. Von den Bundesfuzzis bis hin nach Niedersachsen haben sie alle schon fast den Einsatz von Panzern gegen die unbotmäßigen Zulieferer gefordert. Die Niedersachsen haben nicht einmal gemerkt, dass die Zulieferer niedersächsische Unternehmen sind, sie eigentlich schützen müssten. 

Natürlich werden VW und andere nun alles tun, damit sie nie wieder in diese Lage kommen. Aber das dauert. Ein Gesetz gegen den Missbrauch von Marktmacht könnte bis dahin fertig sein, wenn wir anständige Politiker und Gewerkschaften hätten, die Kammern funktionierten und der Mittelstand sich als eigenständiger stark gefährdeter Bereich begreifen würde. 

So bleibt nur Popcorn.

 

One comment

  1. He-Ka-Te ( User Karma: 0 ) says:

    Als niederer Sachse kann ich eigentlich nur dazu sagen, dass hier die Landesregierung – als 2. grösster Anteilseigner – schlicht und ergreifend sich lieber mit persönlichen Fehden im Landtag beschäftigt als (so wie sie es gern und zu genüge immer rausbrüllen) verantwortlich für die Firma zu handeln. Dazu würde auch gehören den Zulieferfirmen eine gewisse Unterstützung zukommen zu lassen, damit der Konzern nicht ständig machen kann wie ihm beliebt.
    Ich kenn das Problem der Zulieferer nur allzu gut. Auftrag erteilt; VW macht wenige Tage später Zeitdruck; will die Kosten weiter drücken und lässt den Zulieferer wie eine heisse Kartoffel – mitten in der Produktion – einfach mal hängen; vergibt den Auftrag einem anderen – so das dem Ursprünglichen plötzlich die Aufträge einbrechen und die Beschäftigen vorrübergehend mal in den Zwangsurlaub geschickt werden müssen. Die LR NDS schert sich einen Teufel darum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.