Verantwortung und Empathie

In unserer Gesellschaft in der BRD werden von den Bürgern Dinge oft so ausgelegt, wie sie gerade passen, frei nach dem Motto: Wie lüge ich mir die Welt schön? Ich würde nicht sagen, dass es in der neoliberalen Epoche besonders schlimm ist, nein, es ist einerseits typisch für Klassengesellschaften, wobei wir Deutschen noch besondere Charakterzüge aufweisen, die mit der Erziehung/Sozialisation zu tun haben. 


Wenn ich einem Ausländer, der noch nie mit Deutschen zu tun hatte, erklären müsste, was typisch deutsch ist, ich würde ihm sagen: typisch deutsch ist das völlige Fehlen von echter Empathie und das Phänomen, dass Deutsche niemals für etwas verantwortlich sind. Und das, obwohl doch des Deutschen liebster Spruch ist, dass jeder seines Glückes eigener Schmied sei. 

 

Da sanktioniert eine Angestellte eines Jobcenter, das wie ein modernes KZ fungiert, eine alleinerziehende Mutter mit ihrem kleinen Kind, weil es so Vorschrift ist, weil sie diesen Ermessensspielraum hat. Weil sie vielleicht einen Bonus bekommt, wenn ihr Bereich besonders viel Geld einspart. Dieser Frau in meinem Beispiel ist es nicht nur egal, was mit der Mutter und dem Kind wird, sie kann auch gar nicht mitfühlen und mitleiden. Das lernen wir speziell hier in Deutschland nicht. Wenn beide verhungern, Pech, die Jobcenter-Schergen halten sich an die Vorschriften. Die besagen, es muss zur Generierung von schwarzen Nullen sanktioniert werden um jeden Preis. Alleine dieses Wort: Sanktion. Warum ist man nicht ehrlich und nennt es: Schikane? Existenzvernichtung? 

 

Da entscheidet irgendein hochbezahlter Arzt beim MDK, der einmal den hippokratischen Eid leistete, nach Aktenlage, ob ein chronisch Kranker arbeitsfähig ist oder nicht. Die Aktenlage ist für den Arzt angenehm: wenig arbeitsintensiv, man muss sich nicht mit dem Leid das Pöbels herum ärgern, man kann es so einem Schmarotzer mal richtig zeigen. Der Typ aus der Akte ist doch selbst schuld, dass er arm ist. Will bestimmt nicht arbeiten. Depressionen? Ist doch keine Krankheit. Man macht eben einfach seinen Job. 

 

Da läuft die DB-Sicherheit durch den Bahnhof. Dort, wo wirklich Gauner sind, Pöbler und Gewalttäter, da schauen sie weg. Dort wo ein vollkommen abgerissener Obdachloser sein Lager hat, da sind sie stark und scheuchen ihn in die Kälte. Ohne das geringste Mitleid, ohne auch nur das geringste Verständnis seiner Lage. Sie haben Vorschriften. Sollte der Obdachlose draußen erfrieren, so haben sie sich nichts vorzuwerfen. Sie haben ihre Arbeit getan, sich nach den Vorschriften gerichtet. Der Deutsche lässt eben nicht zu, was nicht den Vorschriften entspricht. 

 

Da schlägt und misshandelt ein Vater seine Kinder, demütigt sie, will ihren Willen brechen, so wie seiner einst gebrochen wurde. So wie er einmal gelitten hat – er hat es vergessen, verdrängt, es sind  nur noch Destruktivität und Dumpfheit geblieben. Er kann nicht mitleiden, weil er nichts empfindet. Außer Hass und Verbitterung. Er denkt, er tut das, was seine Aufgabe ist. 

 

Ich war einmal in Polen, habe mit Einheimischen in einem Biergarten getrunken und debattiert. Einer fragte mich, wie ich mir erkläre, dass ein Volk, das Goethe und Schiller, Beethoven und Bach hervorgebracht hat, so etwas wie in Auschwitz und Treblinka gemacht hat? Ich dachte im Nachgang darüber nach. Die millionenfache Vernichtung von Menschenleben, der pure Massenmord. Es haben die gleichen gemacht, aus deren Mitte Bach, Beethoven, Goethe,  Luther usw. kamen. Nicht irgendwelche Marsianer oder vom Himmel gefallen Gestalten. Es mordeten direkt und indirekt, durch Unterlassung, Gleichgültigkeit und Dummheit der Deutschen aus der Mitte des Volkes. Vielleicht auch Ihre und meine Vorfahren und Angehörigen. Die KZ-Wächter, SS-Mörder und die Hetzer haben sich an ihre Vorschriften gehalten, die haben ihre Arbeit gemacht, deshalb haben sie jeden einzelnen Mord durch Hunger, Arbeit, Kugel oder Gas dokumentiert. Menschen, die etwas fühlen, die menschlich sind, die mitLEIDEN können, die tun so etwas nicht. 

 

Vor allem war es ja niemand. Egal wen man als Jugendlicher fragte, es schien, als wären die Millionen Menschen durch höhere Mächte zu Tode gebracht worden. Die Deutschen, die haben von nichts gewusst. Und das, obwohl in Hannover ein KZ direkt an einem Wohngebiet lag, das man einsehen konnte. Und die Haupttäter, die haben ja in Nürnberg darlegen dürfen, dass sie nur ihren Job machten. 

 

Ich bin mir sicher, dass der Kapitalismus solche Verhaltensweisen produziert, aber dennoch gab es den Holocaust nur in Deutschland. Ich behaupte, so etwas wäre in einem friedlichen Volk wie Polen oder einem entspannten fröhlichen Volk wie in Frankreich niemals möglich. 

 

Als ich klein war, fragte ich meinen Vater einmal, warum bei uns das Bismarckgymnasium so ein schreckliches hässliches Gebäude wäre? Ich hatte  immer Angst vor diesem Gebäude. Mein Vater sagte, das muss so sein, die Rotzlöffel müssen gleich genordet werden, Einschüchterung durch Architektur. 

 

Ich bin froh, dass in dem Versuch, mich zu brechen, irgendetwas schief gelaufen ist. Aber eines ist klar: ich lebe dadurch, dass ich mitleide und mitfühle schlechter als der Dumpfdeutsche, der nur seinen Job macht. 

 

Wenn jeder seines Glückes eigener Schmied ist, dann ist jeder für das, was er tut verantwortlich. Wenn das so sein soll, wird es Zeit, dass jeder Sanktionierte die Jobcenter-Schergen persönlich haftbar macht. Vielleicht sollten wir alle gegen Dumpfheit ,Verlogenheit und Destruktiviät Widerstand leisten, und die Verursacher PERSÖNLICH zur Rechenschaft ziehen. 

 

Meine Hoffnung lag einmal auf der Generation unserer Kinder. Das ist die Generation Y oder Generation Selfie. Da setze ich doch lieber auf uns 50+.

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