Vater werden ist schwer

Nein, es geht nicht um die Wahl der vortrefflichsten Stammmutter und auch nicht um diverse Probleme bei der Zeugung. Die Strapazen einer Schwangerschaft und der Geburt sind für uns Väter auch eher unangenehme Begleiterscheinungen, nicht wirklich schwer. Der dann jedoch für ledige Väter folgende Ritt auf dem Amtsschimmel ist eine echte Aufgabe. Zumindest wenn sie Spaß an ihrer Vaterschaft haben und dem Kind auch ihren Namen geben wollen, ist das schimmelige Amtsbiest kaum zu meistern. Am leichtesten wäre es noch, sich von der Mutter auf Unterhalt verklagen zu lassen, auch wenn das bei gemeinsamem Leben im gleichen Haushalt etwas unsinnig erscheint. Denn dann würden sich Jugendamt und andere mit Gewalt auf den unwilligen Vater stürzen und ihn zu seinem Glück und der Vaterschaftsanerkenntnis zwingen. Aber wehe, der Vater macht das freiwillig. Da gibt es einen Ausweg, nämlich die vorgeburtliche Anerkennung, aber haben wir nicht alle gelernt, dass wir das Fell des Bären erst verteilen sollen, wenn er erlegt ist? Gut, unsere Ämter sind es gewohnt, unsere Steuern schon auszugeben, bevor wir sie bezahlt haben. Dieses Verfahren nennt man dann Kameralistik, wohl nach der Camera obscura. Gegen das was den frisch gebackenen Eltern blüht, ist das Finanzgebaren des öffentlichen Bereiches allerdings eine wirklich seriöse Angelegenheit. Der Papa sucht nach einigen Wochen reiner Freude an dem Kind den Dienstsitz des zuständigen Standesamtes für Charlottenburg-Wilmersdorf im Internet und wird sogar fündig. Dann stehen Mama, Papa und das Kleine im Kinderwagen frohgemut vor ihrer Haustür und ahnen noch gar nicht was kommt. U-Bahn ohne umzusteigen, hin- und zurück 8 Euro, das muss so ein Kind schon wert sein. Das Kind ist noch leicht, da machen die fehlenden Rolltreppen der BVG nichts aus. Rein ins Rathaus und danach vielleicht noch ins Cafe? Nichts da. Nachdem man den Kinderwagen und sich selbst in den Keller verbracht hat, steht dort, dass hier nur Geburtsurkunden aus finsterster Vergangenheit bearbeitet werden. Den Kinderwagen wieder die Treppen hinaufgewuchtet und hin zum Infoschalter. Immer noch guten Mutes. Ungnädig teilt der diensthabende Auskunftsverweigerer mit, dass sich das Standesamt natürlich nicht im Rathaus, sondern um die Ecke befindet. Das hat man als Bürger selbstverständlich zu wissen. Um den guten Menschen nicht weiter aufzubringen, fragt man nicht, welche Ecke denn nun gemeint sei, sondern umrundet das Rathaus, natürlich falsch herum. Dann endlich. Zumindest die Straße stimmt. Ein hochherrschaftlicher Bau, eine alte Villa. Edel für die Eheschließung, die man nicht gemacht hat. Die Treppe ist fotogen für Ehepaare, für Kinderwagen allerdings eher ungeeignet. Auch die Tür mag an einer Bank der Sicherheit dienen, ist hier aber eher störend. Nun gut, die zweite Treppe und eine zweite Tür. Dummerweise befindet sich das Geburtenbuch ein Stockwerk höher. Wieder eine sehr schöne Treppe, die in weitem Bogen ins Obergeschoss führt. Siehe da, dort in der Nähe von Kalkutta, also am Ende des Ganges befindet sich das Geburtenbuch. Zuerst den Schweiß aus der Stirn gewischt. Ein vorsichtiges Lächeln ins Gesicht gequält und dann zaghaft an der Tür geklopft. Natürlich keine Reaktion. Beamte schlafen tief. Also das Ganze etwas energischer und dabei gleich die Tür geöffnet, äh, nein, die ist verschlossen. O.k. Da gibt es weitere Türen, ha, eine ist unverschlossen. Kaum geöffnet, werden wir mit beamteter Freundlichkeit gefragt, ob wir nicht lesen können, wir sollen uns gefälligst draußen in die Warteliste eintragen und würden dann aufgerufen. Richtig. Vor einem Speisenaufzug aus besseren Zeiten, liegt eine Liste aus. Name, Krankenhaus, Begehr und Geburtsdatum des Kindes. Nein, Urinproben der Großeltern sind nicht beizufügen, und Datenschutz ist eben nur ein Wort. So erfahren wir wenigstens, wer heute schon alles da war. Ach, sieh an, Sabine war auch hier. Das hat echt kommunikativen Nutzen, da haben wir für demnächst schon ein gemeinsames Gesprächsthema. Hier sitzen wir nun im dunklen Flur und nichts Wesentliches passiert. Es gibt auch keinen geschäftig dahin eilenden Staatsdiener auf dem Gang. Für die allfälligen Tratschstunden gibt es Verbindungstüren zwischen den Büros, damit die Bediensteten nicht durch das elende Publikum belästigt werden. Nun tauchen weitere Unglückliche auf. Auch eine alleinerziehende Mutter wuchtet ihren Kinderwagen die Treppen hinauf und zerrt einen Zweijährigen mit. Was sind wir froh, dass wir zu zweit sind. Geteilte Kinderwagen sind halbe Kinderwagen. Da. Eine Tür öffnet sich. Ein drohender Blick straft uns Eindringlinge. Dann wendet sich der Blick zur Liste. Drei Einträge. Ein tiefer Seufzer, damit ist der Tag wohl endgültig versaut. Ein Herr mittleren Alters murmelt etwas von abholen. Aber so doch nicht und vor allem nicht hier. Er solle gefälligst warten, bis er aufgerufen wird, sagt die Dame und verzieht sich in ihre Amtstube. Der Mann seufzt. Elfmal sei er nun hier, und sinkt resigniert in sich zusammen. Uns wird mulmig und das Baby wird unruhig. Lüftungsanlagen – Fehlanzeige. Wozu auch für den Pöbel, selbst das Licht reicht nicht zum Lesen. Aber dann öffnet sich die Tür erneut. Ein Name wird unverständlich gemurmelt. Da wir dran sein müssten, fühlen wir uns einfach angesprochen. Ein schönes, helles Büro mit sehr viel Platz. Es gibt sogar Stühle für uns und Platz für den Kinderwagen. Bevor wir auch nur unser Anliegen vortragen können, werden zunächst die Ausweise verlangt. Natürlich erfolgt die Frage nach dem Krankenhaus und dem Geburtstag des Kindes erneut. Wie sollte sich eine Behördenangestellte das auch nur vier Schritte lang merken können. Die Liste dient wohl eher dem Nachweis der Tüchtigkeit. Wir wurden bereits abgehakt. Dann trabt die Dame mit einem dünnen Hefter an, es ist ja schließlich auch nur ein kleines Kind. Mir ist mittlerweile nicht nur der Kamm geschwollen, ich habe das, was man in Berlin einen dicken Hals nennt. Außerdem liebe ich Behörden. Bevor die Tante irgendetwas sagen kann, erkläre ich unser Anliegen. Deutlich. Das beeindruckt sie wenig. Sie hat die klassische Antwort. Das geht so nicht. Klar, ich bin in Deutschland, was habe ich erwartet. In Österreich hätte ich in gleicher Mission ein aufmunterndes „Das machen wir schon“ gehört. In Deutschland geht das alles nicht. In Deutschland gibt es einen Dienstweg. Zuerst wird das Kind unter dem Familienennamen der Mutter im Geburtenbuch registriert. Das ist der erste Verwaltungsakt. Dann müssen wir beim Jugendamt eine Vaterschaftserklärung abgeben. Auf meine zaghafte Frage, ob wir das nicht mal eben machen können und dann wiederkommen, ernte ich ein mitleidiges Lächeln. Sie könne mit dem Jugendamt nicht reden, die seien uneinsichtig. Für meine Unterredung mit denen benötige ich eine Geburtsurkunde des Standesamtes. Die kostet sieben Euro. Dann muss ich einen Termin mit dem Jugendamt machen und dann habe ich 12 Wochen Zeit, die Namensänderung des Kindes zu beantragen. Ach ja, die Geburtsurkunde gibt es erst morgen. So schnell arbeiten die im Rathaus nicht. Aber ich kann sie schon an der Kasse bezahlen. Wie gnädig. Ich rase raus. Die Kasse ist auf dem gleichen Flur und nachdem die Dame dort ihr wichtiges Privatgespräch beendet hat, darf ich ihr das Geld geben und erhalte einen Stempel auf dem Papier, das ich zur Geburtenbuchverweserin zurücktrage. Nun sind wir entlassen. Wir stürmen die Treppe runter, raus aus Laden, nicht ins Cafe. Nein, in die nächste Kneipe. Erst mal einen Schnaps. Auch die stillende Mutter. Das muss das Kind abkönnen. Der immer noch werdende Vater brauchte mehrere Schnäpse bis er diesen Wahnsinn halbwegs verdaut hatte. Dann nahmen wir lieber ein Taxi nach Hause. Aber die hohe Kneipenrechnung hatte auch einen Vorteil. Wir wussten wo das Jugendamt ist. Im Rahmen der Verwaltungsvereinfachungen wurden die Ämter bunt auf die ehemaligen Rathäuser verteilt. Am nächsten Morgen also wieder auf in das hochherrschaftliche Standesamt, diesmal ohne Mutter und Kind, dafür hatte der Vater sich allerdings mit allerlei Vollmachten versehen lassen, um den beiden diese Tortur zu ersparen und um nicht weiter Kinderwagen schleppen zu müssen. So befreit von Mutter und Kind, sind Väter auch nicht unbedingt zur Zurückhaltung verpflichtet. Also einfach angeklopft und nach der Urkunde gefragt. Natürlich muss man sich auch dafür eintragen, und die sechs wartenden Eltern zeigten mir ein mitleidiges Lächeln. Das Warten vor Amtsstuben könnte kostenpflichtig gemacht werden, ersetzt es doch Yogastunden und ist eine echte Geduldsprüfung. Mögen die Bediensteten zunächst auch viel Spaß daran gehabt haben, mich unsinnig warten zu lassen, wird ihnen dieser wohl etwas vergangen sein, nachdem ich lauthals meine Ansichten über die Arbeitsweise und Fähigkeiten der hier sichtlich nicht beschäftigten Personen geäußert habe. Wenige Stunden später jedoch war ich an der Reihe und bekam, Geburtsurkunden und Bescheinigungen für diverse Ämter zuhauf. Dummerweise alle auf den Namen der Mutter und damit nicht zu gebrauchen. Mein Einspruch verpuffte. Das kann unser Computer nicht anders, wurde ich beschieden und mit dem Hinweis getröstet, dass ich für die Namensänderung dann eben jeweils eine zusätzliche Geburtsurkunde beizufügen hätte, die ich gegen Gebühren gerne erwerben könne. Meine Erklärungen zu dem, was ich von dieser wunderbaren Einrichtung halte, verpufften zwecklos, aber wenigstens war ich etwas Dampf los. Um den sowieso schon verlorenen Tag noch irgendwie zu nutzen, also hin zum Fehrbelliner Platz, an dem das Jugendamt residiert. Die Auskunft war freundlich, aber niederschmetternd. Das Jugendamt habe geschlossen. Anstatt zu grollen, stürmte ich trotzdem die Treppe hinauf. Dummerweise hat der Nachname der Mutter einen anderen Anfangsbuchstaben als meiner und es geht hier nach dem der Mutter, wurde mir freundlich in dem ersten Zimmer erklärt. Das Alphabet kann ich. Ich also raus und nach dem R gesucht. Ich kann das Alphabet doch nicht, zumindest nicht die im Rathaus am Fehrbelliner Platz eingesetzte Variante. Aber ich kann hartnäckig sein und meine Schuhsohlen sind neu. Und dann, da war es. Ein R, ein Königreich für dieses R. Ich klopfe, keine Reaktion, ich klopfe erneut und versuche die Tür zu öffnen, abgeschlossen. Erschöpft sinke ich auf einen Sitz an der Wand. Die machen mich hier noch zum Alkoholiker. Während ich noch überlege, in welche Kneipe ich gehe, kommt eine junge Frau den Gang lang und fragt mich, ob ich zu ihr will. Ich stammle Entschuldigungen und versuche zu erklären, dass ich den Behörden einfach nicht gewachsen bin. Sie lässt mich reinkommen, nimmt meine Unterlagen, erkennt die Vollmachten an, erfasst die Daten und sagt, dass wir kurzfristig einen Termin haben können. Allerdings fehlt meine Geburtsurkunde. Während ich innerlich zusammenfalle, sagt sie mir, dass sie notfalls auch ohne leben kann, aber das Standesamt nicht. Während sie Ausweise und Urkunden fotokopiert, rufe ich mit dem Handy mein Geburtsstandesamt an. Eigentlich müsste ich sofort und im Voraus bezahlen, aber dann sind auch dort Menschen, ich bekomme eine Rechnung und die Urkunde geht heute noch raus. Glück, übergroßes Glück. Schon erhalte ich meine Originale wieder und darf gehen. Auch der zweite Akt auf dem Jugendamt läuft problemlos, wenn man mal von der vorsintflutlichen Rechentechnik absieht, die dort eingesetzt wird. Aber die Leute sind wirklich toll. Anders als beim Standesamt, müssen wir auch nicht bis zum nächsten Tag auf die Urkunden warten. Nein, es gibt sie sofort, nachdem die Notarin uns belehrt hat und wir unterschrieben haben. Nun bin ich für das Jugendamt der Vater und sorgeberechtigt. Am Ausgang des Rathauses trenne ich mich von Mutter und Kind, um diesen Beweis meiner Vaterschaft nun zum Standesamt zu tragen und endlich die richtigen Geburtsurkunden zu erhalten. Ich bin sogar noch eine Stunde vor Dienstschluss da, trage mich nunmehr zum dritten Mal in die Liste ein, werde auch schnell drangenommen, es ist ja bald Essenszeit und Feierabend für den öffentlichen Verkehr. Dann jedoch ist es mit meinem Glück vorbei und vorerst auch mit der Vaterschaft. Meine siegreich errungene Geburtsurkunde und auch die Vaterschaftsanerkenntnis sind nutzlos. Nun fällt der Eintragungsverweigerin ein, dass die Mutter geschieden ist und sie das Scheidungsurteil benötigt. Vorher sei gar nichts möglich. Da steh ich nun ich armer Tor und bin ein dummer Bürger wie zuvor. Was hilft mein Toben, was hilft die Frage, warum das nicht vorher erwähnt wurde. Die Chance ist vertan. Ich rufe meine Lebensgefährtin zu Hause an, ja, sie hat ein Scheidungsurteil, o Wunder. Trotzdem lande ich wieder in der Kneipe. Aber diesmal bin ich nicht alleine. Es hat einen anderen Vater aus gleichem Grunde dort hin verschlagen. Wir klagen uns gegenseitig unser Leid und trösten uns mit Hochprozentigem. Leicht verkatert starte ich am nächsten Tag einen erneuten Anlauf. Mit dem Scheidungsurteil. Wieder die Treppen und Türen, wieder die Liste und wieder sinnloses Warten. Dann bin ich dran, weise das Urteil vor. Nein, so leicht komme ich denen nicht davon. Da könnte ja jeder kommen. Dieses Scheidungsurteil gilt nicht. Da muss ein Vermerk drauf sein, dass der Wisch rechtskräftig ist. Contenance ist schon lange mein Ding nicht mehr mit dieser Truppe. Ich brülle die Tanten an, wieso denn die Gerichte nicht gültige Urteile verschicken. Das sei immer so, wird mir sardonisch lächelnd mitgeteilt. Die haben gewusst, dass ich in die Falle laufe. Aber dann passen sie nicht auf. Es fällt das Wort Familienstammbuch. Da könnte evtl. die rechtskräftige Scheidung eingetragen sein. Ich wünsche den Damen mittlerweile alle Qualen der Hölle an den Leib und rase hinaus. Gut, dass es Handys gibt und Vermittlung. Das Stammbuch wurde in Reinickendorf ausgestellt. Ein Anruf, und nach endloser Zeit, ja, die Scheidung ist eingetragen. Hurra. Die haben geöffnet. Ein Taxi und hin. 25 Euro, na und. Die Auskunft ist hilfsbereit, vor dem Zimmer nur wenige Leute. Ich zähle die Sekunden, ich will denen in Charlottenburg den Wisch heute noch hinknallen, koste es, was es wolle. Dann bin ich dran. Muss zur Kasse, wieder mal 14 Euro aber egal. Anstehen an der Kasse, mir brennt die Zeit unter den Nägeln. Dann hab ich meinen Kassenzettel als Quittung im Laufschritt zurück und dann hab ich den Auszug aus dem Familienbuch. Wieder rein in ein Taxi, ich spende dem Fahrer 10 Euro, extra damit er Dampf macht und erkläre mich auch bereit, eventuelle Strafmandate zu bezahlen. 11 Uhr 58 – ich bin zwei Minuten vor der Zeit. Ich habe gewonnen. Ich Idiot. Sie waren schneller, die Tür ist verschlossen. Nun raste ich aus. Ich klingele Sturm und klopfe. Ich lasse nicht nach. Im Zweifelsfall würde ich die Hütte auch abreißen. Gut, dass ich keinen Bagger habe. Dann geh ich irgendeiner Tante wohl zu sehr auf den Geist und sie öffnet die Tür. Ich mache ihr klar, das meine Funkuhr noch Dienstzeit zeigte, während dieser Sch..laden schon geschlossen sei. Sie ringt sich ein müdes Lächeln der Gewohnheit ab und erklärt, beim Geburtenbuch anrufen zu wollen. Natürlich ist da keiner mehr und ich lande wieder in der Kneipe. Aber die kriegen mich nicht klein, die nicht. Am nächsten Morgen der nächste Anlauf. 9 Uhr alles verschlossen. Es ist Donnerstag. Da haben die erst ab 15 Uhr geöffnet. Nein, ich gehe nicht wieder in die Kneipe. Irgendwann muss ich auch arbeiten. Nachmittags kann ich nicht. Freitag morgen 8 Uhr 40, ich stehe bereit. Jetzt zum siebten Mal. Wehe die machen um 9 Uhr nicht auf. Aber eine Bedienstete lässt mich rein. Wieder die Liste, nein halt, die liegt noch nicht aus. Dann kommt die Liste um Punkt 9 Uhr. Ich trage mich ein. Kochend vor Wut. Dann darf ich warten. Der schmale Gang füllt sich mit weiteren Unglücklichen. Sammelpunkt der Verdammten des Bezirksamtes Charlottenburg. Hurra, um kurz nach halb zehn müssen sie mich drannehmen. Widerwillig zwar, aber immerhin. Ich werde den Auszug aus dem Familienstammbuch los. Und dann ergibt sich die Terminfrage für die Beurkundung. Da kommt der letzte Triumph des Amtschimmels, der ist erst in 14 Tagen möglich, weil die Behörde doch so überlastet sei. Es hat keinen Sinn, auswandern ist das einzig Wahre. Nun gut. Es gibt ja immer noch den Trost der Kneipe. Der Tag ist gekommen – ich werde Vater. Die Geburtenbucheintragungsverweigerungsabteilung muss uns rannehmen, nachdem wir Treppen und Liste überwunden haben. Der Kinderwagen ist nun deutlich zu schwer für solche Aktionen. Dann drei Minuten Gerede. Am Rande fällt noch ein Satz, dass nunmehr alle Kinder von uns meinen Familiennamen tragen werden, was wir aber kaum mitbekommen. Es ist vorbei. Nicht ganz. Die Urkunden kosten 36 Euro und sind natürlich erst morgen fertig. Die Kasse ist nicht besetzt, aber ich kann auch morgen zahlen, welche Gnade. Der neunte Besuch. Die Kasse ist nicht besetzt. Es ist neun Uhr. Wahrscheinlich zählt die Gute ihr Geld, ist beim Zahnarzt oder sonst irgendwas. Andere werden unruhig. Ein Vater tobt. Wenn der wüsste, was ihm hier noch alles bevorsteht. Der Ärmste. Als dann mit einer halben Stunde Verspätung die Kassentante endlich auftaucht, blase ich sie an, aber sie zieht seelenruhig ihren Mantel aus und freut sich des Lebens. Nach einer weiteren Viertelstunde darf ich mein Geld loswerden, bekomme einen Stempel und trage mich in die Liste ein. Nach weniger als zwei Stunden Wartezeit bin ich dann dran. Nach 20 Sekunden habe ich meine Urkunden. Zum Glück habe ich mich gleich mit Freunden in der Kneipe verabredet. Wir feiern meinen Sieg über die Amtsdrachen und Amtschimmel von Charlottenburg. Ich schwöre, nie wieder Vater werden. Nie wieder in dieses Amt. Knapp 15 Monate später, das gleiche Elend. Ich Idiot. Schlau wie eine Schlange war ich präpariert und mit allem bewaffnet was ich an Unterlagen zu brauchen glaubte. Ich wies auf das Elend vom letzten Mal hin. Kein Erbarmen. Wieder die falschen Urkunden, wieder das auch diesmal sehr freundliche Jugendamt, wieder das Standesamt mit seiner Liste. Und dann, als ich siegesgewiss den Auszug aus dem Stammbuch präsentierte, wurde mir gesagt, dass man sich an mich erinnert und dass meine Lebensgefährtin nichts mehr zu unterschreiben braucht, weil jetzt doch alle unsere Kinder meine Namen von Amts wegen tragen würden Da gab ich auf. Ich habe sie nicht gefragt, warum dann erst die falschen Urkunden, und auch nicht warum ich die zusätzlichen bezahlen muss. Ich bin einfach gegangen. Wenn es einen Gott gibt, möge er dieses Amt vernichten und das Haus bis auf die Grundmauern abtragen. Nein, ich will nie wieder Vater werden. Das ist mir dann doch zu schwer.