Sunniten, Schiiten – ein Erklärungsversuch zu Syrien

Eine Auseinandersetzung mit dem Konflikt in Syrien und der Suche nach dem Verständnis dafür. Ich habe nie verstanden, warum sich Religionsintern Streitigkeiten ergeben können. Nun habe ich den Versuch gestartet dahinter zu kommen.

Um den Einstieg etwas zu erleichtern suchte ich Beispiele aus dem europäischen Raum, die auch wir recht gut kennen.

Während des militärischen Vorstosses Englands auf deren Nachbarinsel Irland war Heinrich dem II. daran gelegen seine Macht dort dauerhaft zu verfestigen. 1541 krönte er sich selbst zum König Irlands. Die überwiegend katholischen Iren fanden das selbstverständlich nicht so toll und begehrten auf. Die englische Krone konnte dieses Aufbegehren natürlich auch nicht so stehen lassen und begann 1609 mit der Besiedlung Irlands durch englische und schottische Protestanten. Enteignungen und blutige Auseinandersetzungen folgten. Bis in die heutige Zeit hinein. Die IRA dürfte vielleicht vielen noch ein Begriff sein. Diese paramilitärische Gruppe endstand aus eben jenem geschichtlichen Kontext heraus.

Genug der einführenden, europäischen Geschichtsstunde. Werfen wir einen Blick in den Nahen Osten.

Nach dem Tode des Propheten Mohammed zerstritten sich seine Nachfolger. Auf der einen Seite stehen die Sunniten, streng gläubige Menschen, die sich nach dem Propheten richten. Die Schiiten, auf der anderen Seite – ebenfalls gläubig – aber vom Vetter des Propheten – namentlich Ali – inspiriert sind. Über 1000 Jahre lebten diese Glaubensrichtungen halbwegs friedlich nebeneinander. Erst als 1979 der Exilant Ruhollah Chomeini in den Iran zurückkehrt und dort einen schiitischen Staat ernennt ändern sich die Verhältnisse. Im angrenzendem Land Irak – damals geführt von Saddam Hussein (sunnitisch-arabischer Abstammung) – kommt es zu einer Kettenreaktion daraufhin. Die Schiiten wurden blutig unterdrückt. Saddam Hussein wird nachgesagt verantwortlich für den Tod eines bedeutenden schiitischen Iman verantwortlich zu sein.
2003 übernimmt die USA militärisch den Irak und stürzt den Machthaber. Daraufhin übernimmt die schiitische Mehrheit die Macht. Am wichtigsten islamischen Feiertag, dem Opferfest, erliegt Saddam Hussein 2006 dem Tod durch den Strang.

Neben dem Iran und dem Irak – welche nun in schiitischer Hand sind, liegt ein weiteres Land unter schiitischer Führung. Syrien. Alle zusammen werden sie als "schiitischer Halbmond" bezeichnet. Ein Bündnis, welches die Sunniten nicht gut heissen. Warum, erklärt vielleicht der weitere Text.

Kommen wir erst einmal zum Libanon.
Dort leben Schiiten, Christen und Sunniten nebeneinander. Südlich Beiruts ist das Land allerdings schiitisch – Tendenz steigend. Der Iran finanziert den Süden und die politischen Kräfte, bekannt als Hisbollah – ebenfalls schiitisch. Das sind die Leute, die dafür bekannt sind gegen Israel zu intervenieren. Sie wurden als "terroristische Vereinigung" eingestuft.

Auch im Libanon versuchen die sunnitischen Kräfte gegen die Erstarkung der Schiiten anzugehen. Unterstützung finden die Sunniten in Saudi-Arbien, die sich dem Kampf gegen die Schiiten verschrieben haben. Die Sunniten sind fest überzeugt davon, dass die Schiiten ihre Macht erhöhen, verfestigen und sogar ausbauen wollen, was bei Betrachtung der Landkarte nicht verwundert. So ist es ebenfalls nicht verwunderlich, dass Sunniten im Libanon Waffen an Glaubensbrüder ausgeben um gegen die "schiitische Bedrohung" aufzubegehren. Scheich al-Assir, der Sprecher der Sunniten im Libanon, fühlt sich durch Bin Laden inspiriert. Seit dem sein Büro von der Armee überfallen wurde, ist er im Ausland untergetaucht.

Bevor ich jetzt auf Syrien zurückkomme, gehen wir die Landkarte noch ein kleines Stückchen weiter ab. Nächstes Ziel: Gaza.

Dieser Landstrich – abgeschottet von Israel – ist in sunnitischer Hand. Was die schiitischen Kräfte aber nicht davon abgehalten hat jedes Jahr (2007 bis 2012) ca. 250 Millionen Dollar dort hinein zu pumpen. Dann schaltete sich Katar ein – ebenfalls sunnitisch. 400 Millionen Dollar der Einsatz. Für wen sich Hanija (Hamas-Führer) entschieden hat brauch nicht gesondert erwähnt werden. Der sunnitische Imam Yusuf al-Qaradawi bekräftigte eine neue UMMA (Gemeinschaft); man verzichtet fortan auf die Zusammenarbeit mit schiitischen Kräften.
Als Schiit ist man im Gaza-Strip nicht mehr willkomen. Sie gelten als "Ungläubige" und "Mörder".
Katar, Saudi-Arabien und Gaza bilden den "sunnitischen Halbmond". Wobei Saudi-Arabien unter den Sunniten eine besondere Position einnimmt, da dort der Wahhabitismus als Staatsreligion herrscht.

So, das war im groben ein Überblick. Zu Syrien braucht man jetzt – hiernach – eigentlich kaum noch etwas erklären. Vielleicht ist es noch erwähnenswert, dass Syriens Präsident Baschar al-Assad Alawit ist, eine weitere Ausrichtung des schiitischen Islam. Es ist nicht nur ein Kampf innerhalb eines Glaubens, es geht hier auch um Politik und Einfluss. Die Schiiten auf dem Vormarsch und die Sunniten als jene die ihren Teil zu verteidigen suchen. Wie manche Sunniten sich allerdings wehren… – ist nicht jedermanns Sache.


Meine persönliche Meinung:
Man kann und darf nicht einfach hergehen und irgend jemandem etwas überstulpen was er nicht möchte. Ich kann das Vorgehen beider Seiten nicht gutheissen. Und mein Appell an Menschen die sich angesprochen fühlen:

Ihr werdet durchs Töten Anderer nicht zu etwas verehrenswertes; ihr werdet dadurch auch nicht grösser oder stärker oder reicher. Ihr macht Euch damit zu dem was ihr bekämpfen wollt. Ihr seit Euch euer eigener Feind.

 

 

 


Eingehendere Informationen zu speziellen Themen aus dem Nahen Osten hatten wir vor Jahren auf Duckhome bereits veröffentlicht. Darunter auch Informationen zu Giftgas-Angriffen. Ich werde alles hier noch einmal verlinken was ich finden konnte:

Dokument: Chemical Warfare 1 (Bitte nicht in der Nähe von Kindern öffnen)

Dokument: Chemical Warfare 2 (Bitte nicht in der Nähe von Kindern öffnen)

Dokument: Chemical Warfare 3 (Bitte nicht in der Nähe von Kindern öffnen)

Dokument: Chemical Warfare 4 (Bitte nicht in der Nähe von Kindern öffnen)

Artikel: Spiel mir das Lied vom Tod

Artikel-Serie: Texte des Terrors, Terror der Texte Teil 1, Teil 2, Teil 3

Artikel: Der 11. September und Pakistan

Artikel: Irak – Alles auf Anfang

Artikel: Die Zerlegung des Irak

Artikel: Ist das der "neue" Nahe Osten?

Dokument: In a Nutshell

5 comments

  1. Hans says:

    “Über 1000 Jahre lebten diese Glaubensrichtungen halbwegs friedlich nebeneinander. Erst als 1979 der Exilant Ruhollah Chomeini in den Iran zurückkehrt und dort einen schiitischen Staat ernennt ändern sich die Verhältnisse.”

    Das ist leider nur die halbe Wahrheit! 1979 war sozusagen der Start zur schiitischen Emanzipation, davor war es jahrhundertelang den shiiten in fast allen arabischen Ländern verboten ihre Religion und Bräuche auszuleben

  2. He-Ka-Te ( User Karma: 0 ) says:

    Hallo
    Sicher ist das ganze Bild etwas umfangreicher und auch undurchsichtiger, als ich es oben versucht habe darzulegen. Ich erhebe auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – deswegen schrieb ich auch davon, dass es nur “ein grober Überblick” ist. Leider habe ich den Gross – vornehmlich den Wahhabismus – nicht ausführlicher erwähnt; es sei mir verziehen. Auch wenn ich das Geschriebene nur als “Versuch” einer Erklärung betrachte, so vermag ich dennoch nicht hinter “alles” im Nahen Ostenn “hinterzusteigen”. Das können nicht mal “all” jene die dort leben.

    Danke für den Link.

    1. Derweg says:

      Wie kann man so blöd sein zu glauben, dass die dortigen Konflikte auch nur irgeneinen Furz mit Fragen der Religionsauslegung zu tun haben?

  3. Bandolero says:

    Man sollte noch dazu sagen, dass die hier verbreitete Sichtweise eines sunnitisch-schiitischen Krieges in Syrien die Sichtweise eines Teils der Regierungsgegner und ihrer Unterstützer ist, und unter anderem der von ISIS und Al Kaida zum globalen Rekrutieren von Mitgliedern verbreiteten Propaganda entspricht. Bei genauerer Betrachtung der Fakten wird aber schnell klar, dass die von Saudi Arabien, AIPAC und Al Kaida verbreitete Betrachtungsweise des Krieges in Syrien als sunnitisch-schiitischen Krieg wichtige Fakten ausblenden muss, um plausibel zu erscheinen.

    Das wichtigste Faktum ist da zunächst einmal, dass es in Syrien nur sehr wenige Schiiten gibt, und auch die von Khomeini zum Schutz vor Takfiristen zu Schiiten erklärten Alawiten in Syrien, deren Glaubensgemeinschaft Bashar Al Assad entstammt, nicht sehr zahlreich sind. Wenn es nur wenige Schiiten und Alawiten gibt, wer kämpft dann da in der syrischen Armee seit fünf Jahren so erfolgreich, dass beinahe alle Bevökerungszentren unter Regierungskontrolle sind? Es sind vornehmlich Sunniten, aber auch viele Christen, die in der syrischen Armee kämpfen, wobei Alawiten zwar überproportional zu ihrem kleinen Bevölkerungsanteil in der syrischen Armee vertreten sind, sie aufgrund ihres kleinen Bevölkerungsanteiles aber eben auch nur einen kleinen Teil der syrischen Armee ausmachen. Unterstützt wird die syrische Armee durch vornehmlich schiitische Kräfte aus dem Iran und Irak, der ursprünglich von Schiiten zur Beendigung der israelischen Besatzung des Südlibanon gegründeten, aber heutzutage zunehmend auch aus Christen und Sunniten bestehenden anti-israelischen libanesischen Widerstandsorganisation Hisbollah, vornehmlich sunnitischen exil-palästinensischen Quds-Brigaden sowie vornehmlich christlich-othodoxen russischen Militärkräften. Es kämpft also eine Vielfalt an Religionen und Sekten auf der Seite der syrischen Regierung. Ihr Kriegsziel ist die Beendigung des Krieges bei Bewahrung der territorialen Integrität, der religiösen Vielfalt und Bewahrung der außenpolitischen Ausrichtung Syriens als Teil des anti-israelischen und anti-imperialistischen Widerstandes im geopolitischen Rahmen der Kräfte der multipolaren Welt, was sich unter anderem aus der anhaltenden Besatzung des syrischen Golan durch Israel ergibt.

    Auf der anderen Seite kämpfen in den Reihen der Aufständischen, abgesehen von den separatistischen kurdischen Kräften, nahezu ausschließlich wahhabitische Fanatiker, die einen “sunnitischen” Gottesstaat nach dem Vorbild des islamischen Emirates der Taliban in Afghanistan anstreben. Diese werden unterstützt von wahhabitischen Golfstaaten wie Saudi Arabien und Katar, die ihre Sicht auf den Krieg als Teil eines sunnitisch-schiitischen Konfliktes teilen, sowie NATO-Staaten, die ihren geopolitischen Herrschaftsbereich auf den früher mit der Sowjetunion verbündeten Staat Syrien ausbreiten wollen. All die Propaganda der Aufständischen und ihrer Unterstützer davon, dass sie sich angeblich in einem sunnitisch-schiitischen Konflikt befinden würden, bei dem es ihnen darum geht, anstelle von Bashar Al Assad eine sunnitische Herrschaft im von einer sunnitischen Bevölkerungsmehrheit geprägten Syrien herzustellen, wird schnell dadurch als Lüge überführt, dass sie mit der Herrschaft von Sunniten, die für eine Fortsetzung der außenpolitischen Ausrichtung Syriens als Verbündeter Russlands stehen würden, etwa Asma Al Assad, Fahd Jassem al-Freij oder Walid Muallem, nicht einverständen wären, und sie als eines ihrer größten Feindbilder den sunnitischen Mufti von Syrien, Ahmad Badreddin Hassoun, betrachten. Der von den Aufständischen ausgehende religiöse Hass gegen alle Andersgläubigen und -denkenden – ähnlich wie es bei den Taliban in Afghanistan war – erklärt, warum die Christen in Syrien praktisch komplett auf der Seite der Regierung stehen.

    Dieser religiöse Hass ist in der saudischen Staatsdoktrin des Wahhabismus verwurzelt, die überall da, wo sie hinkommt, zu Problemen durch religiöse Intoleranz und Extremismus führt. ZUm Hintergrund des Problems des Wahhabismus gab es gerade in der NYTimes, die sicher kein Sprachrohr Irans ist, einen längeren Artikel, der einige Aspekte dieses globalen Problems recht vernünftig ausleuchtet:

    http://www.nytimes.com/2016/08/26/world/middleeast/saudi-arabia-islam.html

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