Reemtsma – Meine Nachfragemail

Offener Brief an Jan Philipp Reemtsma, Vorsitzender des Vorstandes der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Sehr geehrter Herr Reemtsma, durch Ihren Mitarbeiter, Herrn Matthias Kamm, waren Sie so freundlich, mir Ihre Stellungsnahme (siehe Textende) zum „Fall Lütgert“ bzw. zur unberechtigten Veröffentlichung von Adorno-Texten im Internet mitzuteilen. Dafür, dass Sie mein und das Anliegen anderer ernst genommen haben, möchte ich mich zunächst bedanken. Sie titulierten Ihren Text „Eine Klarstellung“. Diese Einschätzung kann ich leider nicht teilen, wie ich auch Ihre Antworten im TAZ-Interview als unbefriedigend empfand. Es war und ist unstrittig, dass die Veröffentlichung auf der Web-Site des Herrn Lütgert nach unseren geltenden Rechtsnormen widerrechtlich war. Dabei ist es formaljuristisch auch gleichgültig ob Herr Lütgert oder andere zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wissen konnten oder wissen mussten, dass die Rechte an diesen Texten bei Ihnen und Ihrer Stiftung liegen. Mir persönlich, war es auf jeden Fall nicht bekannt. Information ist aber nach allgemeinem Verständnis eine Holschuld, auch wenn das Herausfinden eines Rechteinhabers mit normalen Bordmitteln eines Autors oder Web-Site-Betreibers kaum durchzuführen ist. Die Rechtmäßigkeit des Nachlasserwerbes und die ethische Würdigung dieses Besitzes kann ebenfalls nicht Thema dieser Auseinandersetzung sein. Dabei drängt sich diese Frage im Gesamtkontext natürlich auf. Es scheint Ihnen nicht bewusst geworden zu sein, dass die allgemeine Missbilligung sich also gerade nicht auf diese Punkte bezog, zu denen Sie ausführlich Stellung genommen haben. Es ging nicht, um die formale Rechtmäßigkeit Ihres Vorgehens, sondern um die Art und Weise, insbesondere um die gewählten Mittel. Die Web-Site des Herrn Lütgert, die ich nur einmal nach dem Hochkommen dieses Vorfalls besucht habe, machte auf mich den Eindruck einer schlecht organisierten, laienhaften und auf keinen Fall auf kommerziellen Erfolg ausgerichteten privaten Site. Kurz gesagt ein Hobbyist. Wäre auf dieser Site einer meiner Texte veröffentlicht worden, oder sonstige Texte, an denen ich Rechte besitze, hätte ich mit einer oder zwei E-Mails, in Anbetracht des Aufbaus auch mit drei oder vier Mails meine Rechte eingefordert. Erst wenn dann keine Reaktion erfolgt wäre, hätte ich weitere Schritte eingeleitet. Es geht um das Bewahren von Augenmaß. Sie und Ihre gemeinnützige Stiftung haben einen völlig anderen, formaljuristisch korrekten Weg eingeschlagen. Sie forderten über ihre Hausjuristen eine Unterlassungserklärung, die sicherlich mit den üblichen Strafandrohungen und einer saftigen Gebührennote versehen war, und ließen diese auf einem leider in unserem Rechtssystem korrekten Weg durch die Post zustellen. Wir beide leben sicherlich in völlig unterschiedlichen Welten, aber bitte glauben Sie mir, dass diese Art der Zustellung nicht sonderlich verlässlich ist und lediglich die Rechtsposition eines wirtschaftlich starken Klägers unterstützt. Trotzdem hätte Herr Lütgert darauf achten müssen, dass für seine Post eine Empfangsbereitschaft gegeben ist. Mein Vorwurf an Sie und Ihre Stiftung liegt also darin, dass Sie schon durch die Wahl der Mittel, das Gebot der Fairness verletzt haben. Ein Sebastian Lütgert ist einem Jan Philipp Reemtsma und seiner Stiftung nicht ebenbürtig. Normalerweise würde ein solches Vorgehen bei mir nur ein Schulterzucken auslösen, so ist unser System nun mal. Das Recht wird durch hohe Streitwerte und immense Kosten zugunsten der Besitzenden verbogen. Eine Gegenwehr ist praktisch unmöglich. Wahrscheinlich ist meine Erwartungshaltung an Sie einfach zu hoch. Die von mir sehr begrüßte Wehrmachtsausstellung, die Arbeit des Hamburger Instituts für Sozialforschung, sowie viele Ihrer sonstigen Aussagen haben in mir den Eindruck erweckt, als bemühten Sie sich ernsthaft, Erkenntnisse zu gewinnen und zu vermitteln. Mein Abbild von ihnen hätte von Anfang an anders reagiert und spätestens als es zum Eklat kam eine intelligente und großherzige Lösung gefunden. Witzig wäre die Übernahme der Kosten durch Sie gewesen und das Abarbeiten durch soziale Arbeit in Altenheimen durch Herrn Lütgert. Dabei wäre sowohl die Rechtsnorm erhalten geblieben, als auch Ihr persönliches Ansehen. Sie haben sich, was Ihr gutes Recht ist, anders entschieden. In Ihrer Klarstellung erklären Sie wortreich, wie großherzig ihre gemeinnützige Stiftung die Witwe Adornos, die im übrigen Gretel hieß und nicht einfach eine Witwe war, unterstützt hat. Als mickrigen Gegenwert bekamen Sie nur den Nachlass Adornos. Ja, Sie haben sogar das Erscheinen von 60 neuen Publikationen mit 6 Millionen Euro gefördert. Ihre Diktion bezüglich Gretel Adorno und die ständige Reflexion über Ihre gemeinnützige Stiftung schreit geradezu nach einer Richtigstellung. Gemeinnützig ist ein Begriff des Steuerrechts, nicht jedoch eine Wertbeschreibung. Viele dieser Stiftungen und GmbHs dienen eher dem gemeinen Nutzen und den privaten Hobbys der Stifter, als dass sie dem allgemeinen Wohl dienlich oder gar nützlich für die Allgemeinheit wären. Sie sind kommerzielle Unternehmen, die unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit steuersparend arbeiten. Solche Unternehmen pflegen ihre angeblichen Rechte mit aller Gewalt durchzusetzen und lasten einen Großteil ihrer Kosten der Allgemeinheit auf. Dies kann mangels des Vorliegens verwertbarer Zahlen für Ihr Stiftungsunternehmen nicht behauptet werden. Da Sie aber selbst Zahlen genannt haben, würde es mich sehr stark interessieren, wie hoch die Pflegekosten für Gretel Adorno waren und wie viel Sie bisher aus den Werken Adornos eingenommen haben. Die Vehemenz, mit der Sie Ihre Interessen vertreten, lässt auf ein sehr einträgliches Geschäft schließen. Sehr geehrter Herr Reemtsma, es ist nicht meine Aufgabe und entspricht auch nicht meinen Fähigkeiten, Ihr bisheriges Lebenswerk zu würdigen oder zu verwerfen. Sie werden aber sicherlich verstehen, dass ich meine bisherige konsequent positive Haltung zu Ihnen und Ihrer Stiftung nicht aufrecht erhalten kann und mich zunächst abwartend verhalten werde. Der von Ihnen und Ihrer Stiftung erhobene hohe moralische Anspruch, muss natürlich auch für Sie selbst gelten. Diesem Anspruch sind Sie mit Ihrem Schreiben für mich nicht gerecht geworden. Da Ihre Stiftung, wie ich annehme auch erhebliche öffentliche Mittel in Anspruch nimmt, würde ich vorschlagen, dass Sie fachlich geeignete Personen öffentlichen Ansehens mit einer Überprüfung beauftragen. Es steht Ihnen selbstverständlich frei, diesen Ratschlag zu übergehen. Mit freundlichen und erwartungsvollen Grüßen Jochen Hoff Zurück zum Anfang