Reemtsma – Meine Abschlussmail

Sehr geehrter Herr Reemtsma, ich möchte mich für Ihre erneute Antwort bedanken. Sie unterstreicht für mich die Ernsthaftigkeit Ihres Handelns, zumal Sie von meinen Ausführungen sichtlich nicht begeistert sind. So fing mein Briefentwurf an Sie an. Den Rest des Textes konnte ich gerade beruhigt löschen. Wir haben uns gründlichst missverstanden. Bei der Durchsicht meiner Post war ich echt gerührt. Ihre Klarstellung, auf die ich schon geantwortet hatte, war nochmals per Post gekommen. Plötzlich wurde mir klar, dass Sie meinen einzigen Vorwurf überhaupt nicht begreifen konnten. Mein Vorwurf bestand darin, dass sie einen Vorgang, der das Internet betrifft, nicht im Internet geklärt haben, sondern das Medium wechselten. Daraus zog ich, und wahrscheinlich viele andere mit mir, den Schluss, dass Sie das System wechselten, um dadurch im Vorteil zu sein. E-Mail ist für Sie aber zusammen mit dem Internet gar kein eigenständiges Medium, sondern bestenfalls ein Additiv zu Ihrer normalen Kommunikation per Brief. Ihr Vorwurf an mich, dass ich durch eine Idealisierung Ihrer Person mich quasi selbst enttäusche bekommt dadurch Substanz. Ursprünglich wollte ich Ihnen antworten, dass ich mir der Gefahr bewusst bin, mich in der Falle, die Bertolt Brecht in seiner Geschichte “Wenn Herr K. einen Menschen liebte” beschrieben hat, selbst zu verfangen, und dass ich wirklich nicht möchte, dass Sie dem Bild, das ich von Ihnen habe, ähnlicher werden, sondern lieber versuche zu ergründen, warum mein Bild scheinbar falsch ist. Für mich stellte sich das Ganze zu Anfang als ein reines Internetproblem dar und ich konnte einfach nicht verstehen, warum nicht das Medium Internet auch zur Bereinigung des Problems benutzt wurde. Das war meine Frage, weshalb Sie Herrn Lütgert nicht einfach eine Mail schicken ließen. Mir hätte da die Antwort, daran haben wir überhaupt nicht gedacht, vollständig ausgereicht, weil selbst das Hamburger Landgericht in seinem Urteil zu Links bewiesen hat, dass für mich logische Vorgehensweisen und Verpflichtungen, nicht unbedingt Allgemeingut sind. Meine Frage an Sie war auch nicht als Unterstützung von Herrn Lütgert gedacht, sondern diente lediglich meiner Information. Wie das letzte Interview von Herrn Lütgert auf de.indymedia.org beweist, ist der Ausgang des Verfahrens eher kontraproduktiv. Ein selbsternannter Robin Hood kämpft gegen die Windmühlen des Copyright. Normalerweise wäre das völlig belanglos, wenn nicht in den letzten Jahren eine ganze Reihe von völlig unbegründeten Abmahnwellen auf die Betreiber von Internetseiten zugerollt wären. Einige hatten nicht die Spur einer Chance sich zu wehren und mussten aufgeben. Gerade deutsche Gerichte neigen zu den abstrusesten Urteilen. Deshalb sind alle Betroffenen hochsensibilisiert und versuchen, sobald es irgendeinen neuen Fall gibt, sich schnell zu informieren und nötigenfalls Schutzschriften erstellen zu lassen. Ich gehe wirklich davon aus, dass Ihnen diese Problematik weitgehend unbekannt ist. Was den Besitz von Geld und Gütern angeht, so gönne ich Ihnen, Ihrer Stiftung und auch jedem anderen soviel er auch immer haben mag. Besitz schändet sicher nicht und für mich adelt der verantwortungsvolle Gebrauch, aber auch der unsinnigste Verbrauch ist reines Privatvergnügen, das sich der Beurteilung Dritter entzieht. Ob Sie Millionärslaunen haben, entzieht sich meiner Kenntnis, mich selbst erwische ich oft genug bei einem nicht gerade sachgemäßen Umgang mit meinen Mitteln. Der Preis, den Sie mit Ihrer Entführung für diesen Besitz zahlen mussten, ist für mich jedoch höher als der Wert allen nur denkbaren Geldes. Der private Besitz eines Bildes ohne öffentliche Ausstellungen, das zum Weltkulturerbe gehört, würde mich ärgern, der Besitz von Textrechten ist, solange die Texte weiterhin publiziert werden, für mich unbedenklich. Ich habe auch nichts gegen Gewinne. Ganz im Gegenteil. Bei den meisten Dingen, die ich tue, erwarte ich Erträge oder doch zumindest positive Ergebnisse. Misserfolge und vermeidbare Verluste sind mir ein Greuel. Mein Misstrauen gegenüber der Gemeinnützigkeit an sich ist allerdings wohl begründet. Eine ehemalige Wohnungsbaugesellschaft, die zum Schluss für den stolzen Preis von einer DM plus teilweiser Schuldenübernahme den Besitzer wechselte, die seltsamen Praktiken einiger humanitärer Hilfsorganisation, Schlösser, die gemeinnützig als Kloster renoviert wurden und dann doch wieder in privater Nutzung landeten, und vieles anderes mehr machen misstrauisch. Das einfachste Mittel dies zu beseitigen ist Information. Auch da bin natürlich in meinem eigenen Denken gefangen. Die Jahresberichte der hamburgischen Kulturstiftung, finde ich problemlos im Internet, wie die vieler anderer Stiftungen auch. Das sind vertrauensbildende Maßnahmen, wobei eine fehlende Veröffentlichung natürlich nicht auf das Gegenteil hindeutet. Wahrscheinlich könnte ich Ihren Stiftungsbericht sogar problemlos anfordern. Die Auswirkungen, die Ihr 6-Millionen-Euro-Statement im taz-Interview und Ihrer Klarstellung haben muss, hätten Ihnen, wie Sie selbst erwähnten, klar sein müssen. Sie können einfach nicht erwarten, dass Otto Normalbürger auch nur die Spur einer Ahnung davon haben kann, welchen Aufwand die Herausgabe der Edition darstellt. Als amateurhaft Schrift stellender Mensch vermag ich den Aufwand zwischen meinen Rohtexten und einer Druckvorlage noch halbwegs nachzuvollziehen, kann sie aber nicht auf den von Ihnen genannten Betrag abstrahieren. Vielleicht habe ich auch noch eine vage Vorstellung davon, was handschriftliche Texte bedeuten können, weil ich ab und zu meine Einkaufzettel zu entziffern versuche. Mit ein paar erläuternden Worten würden Sie auch hier leicht ein breites Verständnis erzielen können. Ich würde mich freuen, in Zukunft einfach mehr Informationen im Internet zu finden, damit es gar nicht erst zu Irritationen kommen kann. Gleichzeitig sollten Sie mit den beteiligten Verlagen darüber nachdenken, ob es nicht ein Möglichkeit gibt, bestimmte Texte auch gegen Entgelt im Internet zu Verfügung zu stellen. Gegen eine gewollte illegale Verbreitung ist wahrscheinlich nur dann eine Gegenwehr möglich, wenn das Netz sich selbst diesen Tätern verweigert. Das wird es aber nur dann tun, wenn die geforderten Inhalte legal zu erreichen sind. Nach meinen Erfahrungen, geht es in erster Linie um schnelle Recherchen, ein ganzes Buch haben wir alle lieber in gedruckter und gebundener Form vor uns. Mit freundlichen Grüßen Jochen Hoff Zurück zum Anfang