Qualität, Stolz und Liebe

Ich war kürzlich zu Besuch bei einem Kumpel aus alten Tagen, der dem armen alten Jochen mal so richtig zeigen wollte wie weit er es gebracht hatte. Vierte Frau, jünger als seine Erste damals. Die Neue hat aber zum Glück schon eine halbflügge Tochter mit in die Ehe gebracht. Er selbst hat wohl Probleme ein Kind zu zeugen. Schicksal, vielleicht auch böses Schicksal. Ich lobte und bewunderte pflichtschuldigst die neue Tochter, die schon die harten Augen der neuen Frau hatte. Mir hätten diese Augen Angst gemacht, aber ich bin halt ein Feigling. 

Und dann musste ich die Hütte bewundern. Mein Kumpel meinte er habe es bewusst schlicht gehalten. Polnische Stuckateure hatten alle Zimmer mit prächtigem bunten oder vergoldeten Stuck versehen. Echt Gold versteht sich. Von wegen schlicht. Die Küche ein Traum. Dafür hätte ich auch die Dame mit den harten Augen ertragen. Fast hätte ich mich beeindrucken lassen, aber auf dem Weg zu seiner Wellness Oase im Tiefgeschoss hielten wir auf dem Treppenabsatz, weil er sich mit irgendwelchen Leuten unterhalten musste. 

Das Treppengeländer war aus edelster Mooreiche hervorragend gemacht. Trotzdem stand ein bekümmerter Treppebauer da und mit einem Blick konnte ich sehen was los war. Bogen und Glattstrecke hatten unterschiedliche Maße. Beim Übergang stand die Glattstrecke ca.  2 Millimeter über. Au Scheiße! Aber der Treppenabauer war ein gewitzter Mann, hing seine Jacke über die Stelle und holte aus dem Wagen ein Zieheisen und Schleifpapier. 

Was dann kam war ein sauberes Stück Handarbeit. Er stellte mit der freien Hand einen sauberen Übergang her an dem es nichts zu mäkeln gab und als er diese Stelle fertig hatte strich er mit der Hand darüber um zu prüfen ob der Tastsinn nicht etwas findet, was dem Auge verborgen blieb. Da war nichts. Er straffte sich sichtlich, lächelte glücklich und stolz, als ich es mit der Hand probierte und ihm dann den nach oben gereckten Daumen zeigte. 

Während mir mein ehemaliger Kumpel noch ziemlich grässliche Fliesen zeigte, die niemand wirklich sauber halten kann und mich vollschwatzte hatte er den wichtigsten Moment an seinem Haus verpasst. Für ihn dürfte das egal sein. Es ist ja nur ein Haus mehr zu einer neuen Frau. Nichts was man liebt. 

Früher habe ich solche Handwerker öfter gesehen. In allen Gewerken. Auch Sekretärinnen die sich über ein Lob nach einem schweren Brief freuten. Mensch die stolz auf ihre Arbeit waren und die ihre Arbeit und ihre Produkte liebten. Jeder lieferte an seinem Platz sein bestes ab und alles zusammen führte zu stolzen Firmen mit Mitarbeitern die ihr Markenzeichnen stolz trugen und Abends am Biertisch in  den Raum warfen, Ich bin ein ….Mitarbeiter und damit ihre Position und ihren Platz in der Gesellschaft für sich darstellten und ausfüllten. 

Stolze Leute, die beste Qualität zu anständigen Preisen lieferten und viele Probleme auf dem kleinen Dienstweg lösten und den Zeitdieben von der Arbeitsvorbereitung bestenfalls mitteilten das es jetzt anders laufe. Sicher in dem was sie taten, wie sie es taten und auch stets bereit für ihre Rechte zu kämpfen. 

Das sieht man heute nur noch in kleinen Firmen. In den großen versuchen die Leute zu verschwinden, nur nicht aufzufallen. Spricht man sie auf den Murks an, der gemacht wird, winken sie ab. Jochen sei leise, der Dings könnte das hören und der ist mit dem Schulz befreundet und dessen Freundin schläft mit einem vom Vorstand. Hängende Schultern, Angst um den Job, keine Freude, keine Hoffnung und keine Liebe. Natürlich auch keine Qualität mehr. Das was heute für unnötige Qualitätskontrollen ausgegeben wird, ist genau das Geld was man an den Mitarbeitern gespart hat. 

Noch schlimmer ist es auf den Arbeitsämtern und in den Jobcentern. Da sitzen die endgültig Geschlagenen. Ohne Hoffnung, ohne Zukunft ohne jede Chance. Zerbrochene Menschen die wir doch so notwendig brauchen würden, wenn es wieder aufwärts gehen soll. Statt dessen stoßen wir von Jahr zu Jahr mehr Menschen aus. Die steigenden Gewinne gehen an das Großkapital, die Verluste trägt die Gesellschaft bis sie zusammenbricht. 

Warum beginnen wir nicht eigentlich in den Schulen damit, die Kinder wieder stolz auf ihre Leistung und ihre Leistung in der Gruppe zu machen. Liegt es vielleicht daran, dass unsere Eliten die ja nur Scheineliten sind, sich davor fürchten, welches Potential in den Menschen steckt, die unsere Gesellschaft einfach wegwirft? Ein anderer Grund fällt mir nicht ein. 

 

 

 

One comment

  1. Derweg says:

    Ich erinnere mich da an eine Szene aus Harry Potter in der Luna Lovegood zu Harry sagt, dass es Voldemorts möchte, dass Harry glauben soll, dass er allein ist, weil er damit nicht so ein starker Gegner ist.

    Wir sind genauso. Wir belügen uns selbst, wir zensieren uns selbst. Das leben wir Kindern vor und wundern uns dann, dass sie genauso sind wie wir. Man könnte die
    Hartzgesetze binnen 3 Tagen in Schutt und Asche legen, aber das hieße aufstehen und da wartet der eine auf den anderen und warten und warten und warten.

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