Mein Freund, der Milliardär

Kurz vor Weihnachten rief mich ein deutscher Milliardär an, der mich in alten Tagen gekannt hatte und dem ich nach einem schweren Trauma durch ein paar einfache Maßnahmen helfen und neuen Mut geben konnte. Damals habe ihn bedauert, weil er nicht nur wegen dieses Traumas schwer belastet war, sondern auch von seiner Familie ständig in Rollen gedrückt wurde, die er nicht ausfüllen wollte, obwohl er es gekonnt hätte, wie er auch später bewies.

Nun bin ich nicht der große Kontaktpfleger. Ich war und bin mir oft, vielleicht viel zu oft, selbst genug, und schon damals verbanden uns nur wenige gemeinsame Interessen. Während er sich noch eine Zeit lang gemeldet hat, zu Feiertagen und Geburtstagen, war ich längst zu neuen, anderen und hoffentlich besseren Ufern aufgebrochen. Ich wollte nichts von ihm, und seine Dankbarkeit war mir ein Stück peinlich.

Ich habe ihn also aus den Augen verloren und er mich auch. Kürzlich hat er mich wiedergefunden, weil ihm einer seiner Berater meinen ersten Krimi gegeben hat, den er angeblich mit viel Vergnügen las (auch wenn der Sex und die Gewalt zu hart sind). Den Berater kenne ich auch. Es ist denkbar. Auf jeden Fall hat er mich in diesem “Neuland” suchen und meine Kontaktdaten ausdrucken lassen.

Dann hat er mich auf ein Plauderstündchen angerufen bzw. sein Büro hat mich zu ihm durchgestellt. Wir haben uns über dies und das unterhalten. Sein Neffe war ein Thema, der mit dem Leben genauso wenig fertig wird wie er damals, und wir haben über mögliche Unterstützung des Neffen gesprochen, aber ich konnte wenig dazu sagen, weil ich den Neffen nicht kenne. Wir sprachen über ihn selbst, über mich, wobei ich in solchen Gesprächen nicht sehr gesprächig sind.

Ich erzählte von meiner Diabetes, den kaputten Augen, und dass natürlich mit dem Beruf Schluss sei und ich am meisten bedauere, nie wieder Autofahren zu können, was mir Hartz IV aber erleichtert, da ich ja eh nicht wegdürfe. Geplauder halt, auf billigstem Niveau. Er wurde viel deutlicher, er hat schließlich gelernt, seine Probleme zu erkennen und zu bearbeiten, und hofft, dass ihm das Reden hilft.

Ganz am Schluss kam er mit seiner eigentlichen Frage. Er hat in Lübeck mit einem anderen Bekannten gesprochen, der als Börsenjournalist die Dinge mehr als kritisch sieht. Und der hat in seiner Argumentation auf mich verwiesen, weil ich die Entwicklung genau wie er für ziemlich hoffnungslos halte. Mein Milliardärsfreund wollte wissen, ob dies meine alte Sozialromantik von damals sei, oder aus welchen Gründen ich Untergangstheorien stütze.

In alten Zeiten, als ich selbst noch viel Geld hatte, habe ich oft Telefonate mit dem Satz “Viva la Revolución” beendet, teilweise auch sehr bewusst, um an den Festungen meiner Gesprächspartner zu rütteln, oft aber leider auch völlig gedankenlos. Ja, ich war auch als Kapitalist immer ein Linker. Überzeugungen gibt man schließlich nicht an der Tür ab.

Ich verstand die Anspielung also gut und erzählte ihm das, was ich hier im Blog und anderswo seit Jahrzehnten immer wieder schreibe und sage. Unser auf Wachstum und ständige Neuverschuldung aufgebautes System hat ein natürliches Ende, an dem die Masse der Menschen, die nichts besitzen, die Schuldenlast nicht mehr tragen kann. Dann kommt es entweder zu einem großen Krieg oder zu einer Revolution. Nur Franklin D. Roosevelt hat mit seinem “New Deal” das Ganze einmal friedlich abgewickelt, was aber nur für die USA galt und dann trotzdem zum zweiten Weltkrieg führte.

Das ist wie ein Wagenrad an einem alten Pferdefuhrwerk, das sich zwar langsam dreht, bei dem aber immer wieder der gleiche Punkt die schmutzige Straße berührt. Wir Menschen haben nie einen Ausweg aus dieser Misere gefunden, weil wir Teil des Systems sind, das uns kaputtmacht. Wir sind ein Rädchen eines Uhrwerks, das den Zeiger unerbittlich auf die zwölfte Stunde bringt. Unsere einzige Hoffnung besteht darin, das wir hoffen dürfen, dass es erst die nächste Generation trifft oder uns doch noch ein paar Jahre bleiben.

Ich konnte meinen alten Milliardärsfreund beruhigen. Es bleibt noch etwas Zeit, auch wenn schon morgen die Manöver im Baltikum, die die Kriegsvorbereitung der USA gegen Russland sind, in einen offenen Krieg umschlagen können, den der Natooberirre Stoltenberg so gerne hätte. Der Krieg würde das Rad zurückdrehen und dem System ein paar neue Jahrzehnte schenken, bevor es wieder crasht.

Mein Milliardärsfreund zählte mir all die Wohltaten auf, die seine Klasse dem gemeinen Volk doch angedeihen lasse, und er war davon überzeugt, dass das Volk nur undankbar sei und nicht erkenne, wie gut es ihm doch gehe. Er glaubt den Scheiß, den er verzapfte, wirklich. Seine Berater, die Systemmedien und auch die DGB-Gewerkschaftler, mit denen er ständig in Kontakt ist, haben rund um ihn ein potemkinsches Dorf aufgebaut, dass er behaglich betrachtet. Er ist ein Guter.

Aus Sicherheitsgründen geht er kaum noch in die Welt da draußen. Er könnte ja erkannt werden und Neid hervorrufen. Er ist von dem Gefängnis seines Elternhauses mit ein paar Monaten Freiheit in Angst dazwischen in ein anderes Gefängnis umgezogen. Oh, er darf ins Theater und die Oper. Er wird vorgefahren, kurz vor Beginn, und wird kurz vor Schluss wieder weggebracht. Er kann essen gehen, in genau ausgesuchte Restaurants.

Er bekommt einen Early Bird, eine Zusammenstellung von Zeitungsmeldungen, die ihn interessieren könnten. Die Zusammenstellung dieser Zeitungsmeldungen übernehmen seine Mitarbeiter. Er kann fernsehen und sich sogar wichtige Journalisten kommen lassen, um ihm direkt zu berichten. Das Gleiche gilt für Wissenschaftler und Politiker. Er braucht kein Internet. Da sammeln sich eh nur die Verlorenen, die Verschwörungstheoretiker und anderes Gesindel in diesem Neuland.

Er bemerkt sein Gefängnis nicht. Er kann die Terroristen, vor denen er sich fürchtet, nicht einmal benennen. Wie lange sind die letzten Entführungen von Superreichen her. Das versucht heute keiner mehr, weil sie zu gut bewacht sind. Er könnte alle Freiheiten haben und ist schlimmer eingekerkert als ich mit Hartz IV in finanzieller Dauernot. Ich kann meine Gitterstäbe sehen und dran rütteln, er schaut auf blühende Ranken, die seine Gitterstäbe verbergen.

Ich kann ihn mit Reden nicht erreichen. Dieser Artikel hier wird es nicht in seinen Early Bird schaffen. Da wird stehen, welch große Gefahr Putin ist. Sein Gefängnis ist übrigens keine Verschwörung gegen ihn. Alle seine Leute wollen nur sein Bestes. Er soll glücklich sein, und die Wahrheit macht nur selten glücklich, auch wenn sie frei macht.

Ich muss da immer dran denken, wie wunderschön gefangene Vögel in ihren Käfigen singen, und weiß: Gefangene Vögel singen von der Freiheit, freie Vögel fliegen! Das ist übrigens nicht von John Lennon, auch wenn es immer wieder behauptet wird. Es ist eine alte türkische Volksweisheit.

Ich habe schnell erkannt, dass ich meinen Milliardärsfreund nicht erreichen kann. Wir leben vielleicht auf dem gleichen Planeten im gleichen Land, aber in völlig unterschiedlichen Universen. Aber er ist ein freundlicher, ein guter Mann. Am Ende unseres Gespräches wünscht er mir, dass ich bald wieder gesund werde und dann voll im Leben stehen kann.

Der Gute. Er meint das wirklich ehrlich. Wahrscheinlich hätte er mich mit Geld überschüttet, wenn ich ihn gefragt hätte. Eine neue Brille, ein größerer Monitor. Alles, was er hätte tun können, um mich glücklich zu machen. Er hat nicht begriffen, dass ich sterben werde, wobei auch da der Zeitpunkt eben noch nicht feststeht.

Nein, er ist nicht mein Feind und auch nicht der Menschenfeind, den wir doch immer unter diesen Reichen suchen. Für mich ist er ein Opfer, das ich nur bedauern kann. Wir müssen auch für ihn Revolution machen, wie auch immer diese Revolution aussehen mag.

Sie meinen, er ist der berühmte Einzelfall. Glaube ich nicht. Ich halte ihn eher für typisch. Die Hartz-IV-Opfer lassen sich doch genauso einlullen, und einige malen die Gitterstäbe ihres Gefängnisses noch bunt an, damit sie schöner sind. Erinnern sie sich noch an die tollen gestrickten Hütchen, die früher auf der Hutablage im Auto eine Rolle Klopapier verbargen und doch stolz präsentierten, dass man auf alles vorbereitet sei?

Wir Menschen sind ein beklopptes Volk. Wir verbiegen uns bis zur Selbstaufgabe, wollen doch so gerne glücklich sein, ja, einige singen sogar von der Freiheit, aber in die Freiheit fliegen wollen wir nicht.

9 comments

  1. Stephan Becker says:

    Hallo Herr Hoff,
    ich dachte mir fast schon, dass Sie meinen Kommentar nicht veröffentlichen. Er enthielt wahrscheinlich zu viel Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben für alle, das wirklich möglich wäre. Warum nur haben so viele Linke ein Problem mit Lösungen und schwelgen lieber in Untergangsszenarien?

    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie trotzdem alles Gute für das neue Jahr. Vielleicht erkennen Sie irgendwann die Ursachen für Ihre Diabetes und für Ihre schlechten Augen, dann werden Sie nämlich wieder gesund. Die Hoffnung dafür halte ich allerdings für sehr gering, dass Sie nach dieser Ursache suchen werden.

    1. Jochen ( User Karma: 1 ) says:

      Herr Becker ich habe überhaupt nichts damit zu tun wenn ihr Kommentar nicht veröffentlicht wurde. Sie müssen ihn einfach nur abschicken. Ich moderiere nämlich im erst im Nachhinein, weil ich von der Ihrem Kommentar erst dann per Mail erfahre. Andere Autoren auf Duckhome moderieren erst, aber das ist die Sache eines jeden Autor.

      Ich weiß gar nicht ob ich im klassischen Sinne ein Linker bin. Viele Linke sehen das durchaus anders.

  2. epikur says:

    Sehr guter Artikel!

    Genau diese Angst der Reichen haben viele nicht auf dem Schirm, wenn sie ständig davon träumen, unbedingt reich sein zu wollen. So frei und glücklich sind die nämlich ganz und gar nicht.

    1. Jochen ( User Karma: 1 ) says:

      Wenn es etwas nützen würde, wäre ich sofort dabei. Aber wie gerade dieses Beispiel eines Milliadärs zeigt, ist das dann vielleicht auch nicht die Lösung.

        1. flurdab ( User Karma: 1 ) says:

          Ich denke ja auch das die angekündigten “Wohnungsbauprojekte” sich auf Gefängnisse beschränken werden.
          Wo sollen auch sonst die ganzen Obdachlosen hin, die bereits heute hergestellt werde?
          Die Alterskriminalität soll bereits heute steigen.

          Grüße

          1. Publicviewer says:

            Nur meine ich das völlig im Ernst.
            Die Amis machen das ja schon.
            Die privatisieren ihre Knaststruktur und speeremn einfach alle ein, scheint ein riesen Geschäft zu sin… lächel
            Nirgendwo auf der Welt sitzen so viele Leute im Gefängnis wie in den Staaten….der sprichwörtliche amerikanische Traum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.