LOGIK FÜR JURISTEN

Kurzrezension von Richard Albrecht


Für Rechtswissenschaft als theoretische Jurisprudenz könnte Ulrich Klugs „Juristische Logik“ bedeutsam gewesen sein[1]. Für praktische Ausbildung/en hätte Egon Schneiders „Logik für Juristen“[2] wichtig sein können.

Egon Schneider, ehemaliger Kölner Oberlandesgerichter, danach Rechtsanwalt und streitbarer Fachpublizist („Justizspiegel“)[3], inzwischen hochbetagt und nicht mehr aktiv, führt in die formale Logik und den basalen Justizsyllogismus des Barbaraprinzips ein: a-a-a, nämlich logische Ableitung eines Urteils aus zwei anderen Urteilen, die durch einen gemeinsamen Mittelbegriff verbunden sind. Woraus, logisch, folgt: Auch Juristen (künftig die -innen immer eingeschlossen) müssen, wie Wissenschaftler, die diesen Namen verdienen, mindestens bis Drei zählen können; dies ist die unumgängliche Voraussetzung („conditio sine qua non“).

Schneider nennt auch die Grenzen seiner Darstellung: Logik ist intellektuell-analytisches Hilfsmittel (etwa vergleichbar der Quellenkritik im Rahmen Historischer Hilfswissenschaften im Zusammenhang mit Geschichtswissenschaft). Nicht mehr. Nicht weniger.Logik kann weder Wahrheitsprüfung/en noch Normbegründung/en ersetzen. Sondern („nur“) Denkfehler aufdecken.

Insofern ist auch für Juristen Logik als analytisch-intellektuelles „Handwerkszeug“ fürs Denken unerlässlich.

Versucht man, wie folgend, Schneiders Kernaussagen herauszuarbeiten, dann sind für jedwede „Logik für Juristen“ zentral: Prüfung/en der Voraussetzungen („Grundirrtum“) und des Mittel- und Untersatzes zwischen Voraussetzung und Folge einerseits und das Aufdecken von Denkfehlern durch gründliches Lesen (z.B. von Gerichtsentscheiden) andererseits, genauer: Ein logisch tragfähiger Schluss ist nur dann als „Mittel der Erkenntnis“ brauchbar, wenn die „Konklusion aus wahren Prämissen folgerichtig abgeleitet wird.“

Und:

„Eine – an sich mögliche und sinnvolle – kritische Überprüfung lohnt in der Regel nicht, wenn die Begründungsweise erkennen lässt, dass nicht ehrlich argumentiert wird.“

Für richterliche Rechtsprechung, wenn sie denn nicht „Rechtsbeugung durch Rechtsprechung“ (Günter Sprendel) sein soll, gelten zwei zentrale Voraussetzungen: i) „Der Richter muss sich für jede Entscheidung, die er fällt, auf einen Rechtssatz berufen“; und ii) „Alle Entscheidungen sind aus dem Gesetz zu begründen“.

Entscheidend ist für Schneider die richterliche Entscheidungsbegründung. Fehlen diese Gründe, dann gilt:

„Nach unseren logischen Überlegungen […] reicht die Möglichkeit aus, dass das Urteil auf einer Gesetzesverletzung beruht“ – und zwar immer dann, wenn die Berufung auf einen Rechtssatz und/oder die Begründung aus dem Gesetz fehlt.

Das sind dann jeweils materielle Rechtsverletzungen und im Sinne der Strafprozessordnung (§ 337) bzw. der Zivilprozessordnung (§ 548) Revisionsgründe, weil Rechtsnormen sei´s gar nicht sei´s falsch angewandt wurden: Denn wenn weder Rechtssätze noch Begründungen im richterlichen Entscheid mitgeteilt werden, kann – logischerweise – nicht überprüft werden, ob Gerichtsentscheide rechtsnormenkonform sind oder nicht.

Schneiders Überlegungen sind in praxi nicht konkret-juristische h.M. (hier nicht: His/Her Majesty, sondern herrschende Meinung oder ´mainstream´). Sie stellen jedoch eine wichtige Denkposition dar. Deshalb fand ich´s wichtig, dass sich deutsche Obergerichter des Bundesgerichtshofs noch 2001 auf diesen Autor beriefen als es um Grenzen des NS-Rechtsberatungsgesetzes ging[4] …

Im forschungslogischen Zusammenhang sozialwissenschaftlicher Hermeneutik sind Egon Schneiders Hinweise in seinem derzeit in 5. Auflage vorliegendem Lehrbuch „Logik für Juristen“[5] eingängig und kompatibel etwa mit Überlegungen zur kulturwissenschaftlich-gedankenexperimentellen Methode (C.Wright Mills[6]), des historisch möglichen Bewusstseins (Lucien Goldmann[7]) und des ´utopischen Paradigma´ in der empirischen Sozialforschung (Richard Albrecht [8]).

[1] Ulrich Klug, Juristische Logik; Springer-Verlag; Berlin etc. 1958, 2. verbesserte Auflage, 164 p.

[2] Egon Schneider, Logik für Juristen. Die Grundlage der Denklehre und der Rechtsanwendung; Verlag Franz Vahlen; Berlin-Frankfurt/Main 1965, XIII/397 p.; – das dort erwähnte Lehrbuch des Autors: „Rechtswissenschaft – eine Einführung in das Studium“ (1963) konnte ich bisher übers NRW-Fernausleihsystem nicht bekommen

[3] [der verwiesene gabnet-link geht nicht mehr]

[4] BHG III ZR 172/00 vom 26.7.2001 mit Bezug auf einen Aufsatz Schneiders von 1976

[5] letzterschienen [war] die 5., neubearbeitete und erweiterte Auflage (München: Franz Vahlen, 1999, XV/300 p.) [seitdem sollen nicht vom Autor bearbeitete Neuauflagen erschienen sein]

[6] C. Wright Mills, The Sociological Imagination; Grove Press, N.Y. 1961², pp. 195-226

[7] Lucien Goldmann, Kultur in der Mediengesellschaft; S.Fischer, Ffm. 1973, pp.7-18

[8] Richard Albrecht, The Utopian Paradigm – A Futurist Perspective; in: Communications, 16 (1991) 3, pp. 283-318; englische, französische und deutschsprachige Zusammenfassung/en: http://www.richard-albrecht.de

[Erstveröffentlichung -> _http://rechtskultur.de_, 1. Jg. 2002/03]

*Richard Albrecht* ist unabhängiger Sozialforscher & freier Autor in Bad Münstereifel und veröffentlicht seit Oktober 2010 regelmäßig unregelmäßig in diesem Blog -> *duckhome-Beiträge* -> *JustizKritik* -> *„Feminismus“* -> *Grundkurs Soziologie* -> *flaschenpost.* – Der Autor publizierte in den letzten Jahren vor allem in wissenschaftlichen Zeitschriften wie soziologie heute (sh), Zeitschrift für Politik (ZfP), Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG) und Aufklärung und Kritik (A&K). – Letzterschienene Bücher: *SUCH LINGE* (2008, wiss.); *HELDENTOD* (2011, lit.); *FLASCHEN POST* (Editor, 2011, publ.). Netzarchiv des Autors -> *eingreifendes-denken;*

Kontakt zum Autor -> _eingreifendes.denken@gmx.net_

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