Gretchens Welt

Stille. – Hoch oben, über mir, die himmelblaue Decke. Es ist kalt. So bitterlich kalt. Klitzekleine Eiskristalle mit wunderschönen Mustern fallen auf meine Nase. Ich drehe mich im Kreis, versuche sie mit geöffnetem Mund einzufangen. Auf der Zunge prickeln und knistern sie. Sie schmecken rein… – so klar und rein. Ich lasse mich in den Schnee fallen. Und wieder sehe ich die himmelblaue Decke. So wunderschön. Gerade so als ob eben aus dem Bächlein gezogen. Mutters Hände waren rauh vom ständigen auf und ab auf der Reibe. Sie waren immer genauso sauber wie die Wäsche die sie jeden Tag einseifte. Auch heute sitzt sie wieder am Ufer. Ritsch, ratsch. Ritsch, ratsch, plätscher. Es ist wirklich kalt. Ich überlege kurz wie sie dies aushalten kann, dann schaue ich wieder den tanzenden Schneeflocken zu. Zwischendurch ein Engelchen – wirklich gut gelungen. “Gretchen? Hilf mir doch eben, komm her zu mir. Bring die Laken ins Haus vor den Ofen bevor sie gefrieren.” Ich eile. Flugs schnapp ich mir die kalten, nassen Laken und bringe sie ins Haus, schmeiße ein paar Scheit Holz in die Glut und werfe die Laken über das Bast. Aus der Tür rufe ich Mutter zu. “Fertig! Mir ist kalt, ich bleib hierinnen.” Mutter nickt. Meine nassen Kleider hänge ich zu den Laken, wickel mich in eine Decke ein und lege mich auf die Fliesenbank des Ofens, so das ich aus dem Fenster schauen und die Schneeflocken sehen kann. Stille. Magie. – Wie wäre es wohl, wenn ich zaubern könnte? Ich möchte größere Schneeflocken. Unentwegt starre ich in den Himmel der nun gar nicht mehr so schön blau ist. Versuche in der Ferne des Himmels die Flocken mit meinem Auge aufzuspüren, die gerade erst von oben losgeschickt wurden. Das ist ganz schön anstrengend. Meine Augen beginnen zu tränen. Ich wische sie mir weg und strenge mich weiter an. Ich verfolge den Fall jedes erspähten Kristalls und stelle mir vor sie werden größer. Früher hatte ich eine Lieblingsmurmel. Sie hatte nicht ein einziges Luftbläschen und war mit eisblauen Fäden durchzogen. Immer wenn ich traurig war legte ich sie vor mich hin und starrte sie an. Die Fäden bewegten sich nach einer Weile. Mutter sagte immer “Gretchen, Kind.. – weißt du denn nicht, dass das eine Zaubermurmel ist? Alles was du dir wünscht macht sie für dich wahr. Du musst nur fest genug daran glauben.”. Und was soll ich sagen? es stimmte. Ich stehe auf und hole also meine Zaubermurmel aus meiner Holzschachtel. Da hab ich so allerlei drin. Gepresste Blätter, ein paar schöne glitzernde Steine, einen Fingerhut und natürlich meine Murmel. Es ist wirklich einfacher in die Murmel zu schauen als in den Himmel. Ich weiß nicht wie lange ich jetzt in die Kugel geguckt habe und schaue zum Fenster. In der Dämmerung tanzen riesige Schneeflocken und es knarrt die Tür. Es ist meine Mutter. “Na Gretchen, alles in Ordnung?” Ich lächel. “Ja Mutter.. – es ist alles in zauberhafter Ordnung.”