Gefangen

Klack, klack , klack – ding, dong, ding. Peter wusste nicht mehr, wie oft er schon auf die schwarze Anzeigetafel geschaut hatte, die mit ihren grün leuchtenden Punkten so etwas wie Flughafenstimmung auf diesem Abstellgleis zu verbreiten versuchte. Nr.398 Zimmer 134 B. Das durchweichte Stück Altpapier in Peters Hand sagte seit fünf Stunden und siebenundzwanzig Minuten die gleiche Nummer vierundsechzig an und war zusammen mit seiner Stammnummer seine einzige Identität in diesem Gebäude. Und wieso überhaupt immer A, B und C. Es gab im ganzen Gebäude nur Zimmernummern und nicht ein einziges Anhängsel mit Buchstaben. Peter berührte den kalten Stahl in seiner Manteltasche. Er strahlte irgendwie Trost und Zuversicht aus, eine Art letzter Notanker. Nr. 74 Zimmer 12 C. Früher hatten Nummern doch den Sinn gehabt, Reihenfolgen festzulegen – heute purzelten sie willkürlich wie die Lottozahlen. Nr. 213 Zimmer 15 A. Aber egal, heute hatte er einen Termin mit dem Sachbearbeiter, endlich würde es vorwärts gehen, der Ausweg aus der Sackgasse, und wenn nicht… Peter streichelte den Stahl. Nr. 64 Zimmer 39 A. Peter sprang auf und bog in den richtigen Gang ein, den er vorher – wie alle anderen möglichen – bereits ausgekundschaftet hatte. Zaghaft öffnete er die breite blaueTür, und sogleich klärte sich auch die Sache mit den Buchstaben. Über jedem der drei Schreibtische waren Schilder mit Buchstaben angebracht. Ganz links unter dem A saß eine Mittzwanzigerin vom Typ graue Maus und erhob sich bei Peters Anblick. “Ah, der Herr Weidemann, wie die Stallmaschinenfirma, einen schönen guten Tag, wir freuen uns, Sie zu sehen, nehmen Sie doch Platz.” “Ja, ich seh schon, Müller und Co. Tragisch, tragisch.” “Ich wollte schon lange …” “Wissen wir, Herr Weidemann, wissen wir – aber bei über 400 Fällen pro Sachbearbeiter – Sie verstehen …” “Ich würde auch jede Art …” “Wissen wir, wissen wir, aber Sie müssen natürlich realistisch bleiben – Sie sind schon sechsundvierzig – da muss man schon Abstriche …” “Aber zwanzig Jahre und die meiste Zeit verantwortlich …” “Mein lieber Herr Weidemann, verantwortlich ist auch so ein dehnbarer Begriff, bei Müller und Co. ja, aber solch umfangreiche Tätigkeitsfelder gibt es in unserer spezialisierten Welt einfach nicht mehr, und außerdem fehlen die Papiere – sie hätten sich wirklich mal ein Zwischenzeugnis …” “Aber ich wollte doch nie weg und nach dem Tod …” “Wissen wir, wissen wir, aber mehr als Hilfsarbeiten können wir …” “Auch dazu bin ich gerne bereit, nur schnell muss …” “Ach, mein lieber Herr Weidemann, Sie sind sechsundvierzig, wir werden uns hier wohl noch oft seh…” Der trockene Knall eines Schusses und danach lähmende Stille.