Fremdes Land – Anne Kuhlmeyer

Der Spätsommer 1975 mochte uns, er verwöhnte uns mit seiner Sonnenseite. Dabei hatte ich mir Deutschland ganz anders vorgestellt – regnerisch, grau, mürrisch.Auf Tel Aviv fiel feiner Nieselregen als unser Flieger abhob, aber in Frankfurt ging strahlend die Sonne auf. Gegen den Willen meines Vaters, hatte Mutter Sommersachen in den Koffern verstaut.Behutsam umarmte sie Großmutter, die uns vom Flughafen abholte, während mein Vater seine Schritte so vorsichtig setzte, als müsse er prüfen, ob der Boden, den er dreißig Jahre nicht betreten hatte, standhielt. Hannah, meine jüngere Schwester, war ein wenig schlaftrunken, wurde aber hellwach, als Großmutters Hund Otto seine Schnauze in ihre Seite stupste. Es begannen wundervolle Tage für uns fünf und Otto. Ich war elf Jahre alt und das Leben hatte mich lieb. Hannah und ich tollten durch Großmutters Garten, es gab selbstgebackene Bagels und lange Gespräche, wenn wir von unseren Radtouren zurückkehrten. Ich war fasziniert von dem vielen Grün, den glasklaren Morgen, den liebenswürdigen Nachbarn, und doch wich ein diffuses Unbehagen nicht von meiner Seite. Durch das geöffnete Fenster hörte ich abends den Stimmen der Erwachsenen zu. In das freundliche Murmeln ihrer Gespräche mischte sich ein scharfer Ton, eine Andeutung, eine Irritation. Vater hatte Bedenken gehabt, bevor wir die Reise antraten. Er kannte Deutschland nur als Ödland, das sich vom Horizont bis zu dem Stacheldraht erstreckte, hinter dem er aufwuchs. Er war ein Lagerkind. Mutter wurde in Jerusalem geboren, weil Großmutter rechtzeitig, um dem Naziterror zu entgehen, nach Palästina emigrierte. Erst später, als Palästina schon Israel war, kehrte Großmutter in die alte Heimat zurück. Mutter blieb. Sie hatte Vater früh kennen gelernt. Mit anderen junge Leuten, teilweise elternlosen, bauten sie einen Kibuz auf. An einem Abend waren die Stimmen lauter, härter. Ich schlich zum Küchenfenster, die kalten Fließen unter meinen Füssen. Vater ging auf und ab, Mutter und Großmutter saßen in Gartenstühlen und wandten mir den Rücken zu. “Du kannst doch nicht wollen, dass die Kinder in diesem Land heranwachsen.” Vater fuhr sich mit der Hand durchs dunkle Haar und blickte seine Frau ernst an. “Es ist anders, jetzt ist alles anders”, sagte Großmutter beschwichtigend. “Es wird nie anders und du weißt das.” “Glaubst du, ich würde hier leben wollen, wenn sich nichts geändert hätte? Du hast meine Nachbarn kennen gelernt – reizende junge Leute.” “Und was ist mit den alten? Was ist mit dem feinen Herrn Schmidt, dessen Name immer noch auf dem Schaufenster steht, wo vorher Aaron J. Silberstein stand? – Dem Herrn Schmidt, der der Gestapo mitteilte, dass dein Mann im Cafè saß. Aaron durfte nicht mal seine Sachen packen. Sie haben ihn gleich nach Theresienstadt verfrachtet und du musstest bei Nacht und Nebel weg, nur weil er, der Jude, sich erdreistete, in einem Cafè zu sitzen.” Großmutter blickte zu Boden und atmete schwer. ” Komm zu uns, Mutter. Wir gehören dorthin”, sagte Vater mild. “Ich kann nicht, meine Luft…” Sie setzte ab. “Es ist zu heiß in Israel.” Mutter erhob sich und legte Vater ihre Hand auf den Arm. Ich sah, dass sie weinte. “Ich kann sie jetzt nicht allein lassen. Wer soll sich denn um sie kümmern? Du siehst doch, dass es ihr nicht gut geht.” “Und wer kümmert sich um uns? Um die Kinder, um mich? Wir haben Bäume gepflanzt, die Wüste bewässert. Wir gehören nach Israel, das ist unser Land. Hier werden wir immer Fremde sein.” ” … und in Israel nicht? Weißt du nicht, wie sie solche wie dich nennen? ,Seife’ nennen sie euch. ,Seife’! Als hättet ihr nicht überlebt.” Mutter machte eine Pause und fügte ruhiger hinzu: “Bleib mit mir und den Kindern.” Er senkte die Stimme. “Es gibt überall ein paar miese Leute. Du hast das nicht erlebt. Ich kann hier nicht bleiben.” Der Wind raschelte im Laub des Haselnussstrauches. Sie schwiegen. Großmutter stand auf, strich die Kittelschürze glatt und atmete mühsam. Ich beeilte mich, in mein Bett zu kommen, stieg leise die Stufen hinauf und zog die Tür hinter mir zu. Ich zitterte trotz der Schwüle. Sie haben nie davon gesprochen. Seife, dachte ich und die Härchen auf meinem Arm stellten sich auf. Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich muss doch in die Schule und was wird aus meinen Freunden? Aber was macht Großmutter, wenn wir wieder nach Hause fahren und fahren wir wieder nach Hause? Wir alle? Ist das mein zu Hause, wo sie Vater ,Seife’ nennen? Oder ist mein zu Hause da, wo Herrn Schmidts Name am Schaufenster steht, statt Aaron Silbersteins? Alles, was vor einigen Tagen noch sonnenklar für mich schien, war aus den Fugen geraten. Tränen rannen mir über die Wangen und ich weinte bis in den Schlaf. Es wurde gerade hell, als ich in Großmutters graue Augen blickte. “Komm”, sagte sie: “es geht nach Hause. Das Flugzeug fliegt sonst ohne uns.” Mein Herz machte einen Luftsprung. Ich warf meine Arme um ihren Hals bis sie sich sanft von mir löste. Dann ging alles ganz schnell. Ich verabschiedete mich von Großmutters Haus, von dem vielen Grün, von dem glasklaren Morgen und den Nachbarn, die freundlicherweise Otto übernahmen. Nur Hannah weinte ein bisschen, wegen Otto. In Tel Aviv nieselte es. Meine Großmutter starb am 18. Oktober 1975 an einem Asthmaanfall.

 

© Anne Kuhlmeyer November 2003