Fremdbestimmt – Zeugung, Geburt und Tod

Wir leben in einer Gesellschaft, in der von interessierter Seite, also vom Großkapital und seinen Helfern immer auf die Eigenverantwortung der Menschen hingewiesen wird. Aber gerade an den wesentlichen Punkten des menschlichen Lebens kann oder darf der Mensch nicht selbst entscheiden, was er wirklich möchte. Er wird fremdbestimmt. Niemand ist je gefragt worden ob er oder sie gezeugt werden möchte. Das gleiche gilt für die Geburt. Niemand kann sich seine Eltern aussuchen und damit hat auch niemand einen Einfluss auf die gesellschaftliche Stellung und das Umfeld in das er oder sie hineingezeugt oder geboren wurde. Kein Gezeugter kann verhindern dass er oder sie abgetrieben wird.

Natürlich sind das keine wirklich neuen Erkenntnisse. Aber man muss sie mal wiederholen, damit deutlich wird, das der Beginn des Lebens, wie auch sein Ende nicht der Eigenverantwortung unterliegen. Ja auch das Ende. Niemand darf unter vernünftigen Bedingungen, sprich mit geeigneten Medikamenten Selbstmord begehen. Jeder wird zum Leben bis zum bitteren Ende gezwungen, egal ob dies endlosen Schmerz und Krankheit oder auch tiefste Depression verursacht. Aber auch ansonsten ist man für den eigenen Tod und die eigenen Krankheit kaum verantwortlich.

Das Elternhaus prägt die Ernährungsgewohnheiten und die sind weitgehend von der wirtschaftlichen Lage des Elternhauses bestimmt. Falsche Ernährung ist der Auslöser für viele Krankheiten und oft auch für den Tod. Der nächste wichtige Punkt ist die genetische Disposition. Auch sie hat man bei der Zeugung mitbekommen und ist an ihr schuldlos. Dann kommen die Umwelteinflüsse, also die im Sinne des maximalen Gewinnstrebens verteilten Gifte in Umwelt, Lebensmitteln und Kleidung, die auch niemand wirklich beeinflussen kann. Fremdbestimmung soweit man sieht. Zum Schluss sind die Unfälle zu nennen.

Natürlich ist der Fahranfänger der sich überschätzt selber schuld. Aber vielleicht war er auch nur nicht gut genug ausgebildet. Millionen Menschen reiten und fallen ohne Folgen vom Pferd, nur wenige verletzten sich ernsthaft und sind gelähmt. Waren die wenigen wirklich verantwortlich. Das gleiche gilt für Motorradfahrer und Menschen die Ski fahren. Der Tennisarm kann, aber muss keine Folge von Tennis sein. Wo ist da Verantwortung und wo Schicksal oder Zufall.

Gut, man muss nicht trinken oder Drogen nehmen. Zumindest nicht in einer idealen Gesellschaft. Aber auch hier sind Erziehung, das Geburtsumfeld und viele andere Einflüsse am Werk, die eben nicht selbstbestimmt sind. Natürlich gibt es hier auch positive Beispiele. Der Sohn der nie trinkt weil er die besoffenen Eltern ständig vor Auge hatte, aber ob das wirklich Selbstbestimmung oder eine ängstliche Reaktion auf den täglichen Schrecken der Jugend ist, weiß niemand.

Im Grunde genommen beginnen sich für die Entwicklungmöglichkeiten eines Menschens bereits im Moment der Zeugung die Türen zu schließen. Eine rauchende und saufende (hier sind die Extreme gemeint) Mutter, oder einfach nur eine selbst schlecht ernährte Mutter senken die Chancen des Fötus auf eine gesunde Entwicklung und damit schon an dieser Stelle die Entwicklungsmöglichkeiten. Dazu kommt die genetische Disposition. Dann die Umstände der Geburt, bei der in Deutschland immer noch viel zu viel Murks passiert, von den Zuständen in noch ärmeren Ländern gar nicht zu reden.

Einmal geboren entscheidet die gesellschaftliche Stellung und die finanziellen Fähigkeiten der Eltern wie die weitere Entwicklung vor sich geht. Eine gute Erziehung und Ernährung in den ersten Lebensjahren braucht Eltern, die die finanziellen Lasten problemlos tragen können und neben der Arbeit (auch der Hausarbeit) noch genügend Muße für eine liebevolle Beschäftigung mit dem Kind finden. Der Schade, der in dieser Phase angerichtet wird, lässt sich nie wieder gut machen.

Dann braucht es Hort und Kindergartenplätze die über eine reine Bewahranstalt hinausgehen und personell wie finanziell bestens ausgestattet sind. Die traurige Realität kennt jeder. Weiter geht es in der Schule. Jahrgangsübergreifendes Lernen (JÜL) ist wirklich eine tolle Sache. Aber nur dann wenn für solch eine Klasse wirklich zwei Lehrer und ein Sozialarbeiter bereitstehen. In Berlin verwalten ein Lehrer und ein halber Sozialarbeiter bis zu 30 Kindern. Das ist Murks und kann nur Murks liefern. Da werden für die Kinder Weichen gestellt und Türen zugeschlagen, die an dieser Stelle noch meilenweit geöffnet sein müssten.

Ab wann mögen Kinder wohl in der Lage sein, die Wichtigkeit einer guten Ausbildung wirklich zu erkennen und nicht nur die Parolen ihrer Eltern nachzuplappern. Das ist sicherlich von Kind zu Kind unterschiedlich. Einige scheinen es in der vierten Klasse schon begriffen zu haben, andere wissen es in der achten Klasse noch nicht. Dabei ist die Frage ob Haupt-, Realschule, Oberstufenzentrum oder Gymnasium, die Entscheidung die das weitere Leben prägen wird. Die Schüler können die Frage nicht einmal annähernd beurteilen und viele Eltern, sind mangels eigener Bildung nicht in der Lage sie überhaupt zu erfassen. Da gibt es kaum freie Entscheidungen der Kinder. Fast alles ist fremdbestimmt.

Die Schulabschlüsse und die Noten bestimmen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Berufe werden ständig geändert, so dass selbst eine gute Berufsausbildung schon nach wenigen Jahren nichts mehr wert ist, weil es den Beruf einfach nicht mehr gibt. Das macht aus Facharbeitern dann wieder Angelernte und senkt deren Lohnkosten, aber natürlich auch deren Lebenschancen. Ein Land in dem die Produkte aus ausländischer Kinderarbeit, die zudem noch hochgiftig sind verkauft werden dürfen, ruiniert natürlich die Möglichkeiten der eigenen Arbeitnehmer. Sie werden amtlich zu Arbeitslosen gemacht.

Regierungen die nur Löhne drücken, nehmen den Menschen jede Chance auf eine Entfaltung und ruinieren damit auch wieder die Chancen von deren Kindern. Die infolge solch einer Gesetzgebung zwangsweise auftretende Altersarmut macht es unmöglich, das Oma und Opa unterstützen und helfen können, zumal die Arbeitnehmer ja nicht im örtlichen Umfeld bleiben sollen, sondern möglichst weit verstreut eingesetzt werden sollen, damit es keine Solidarität gibt. Solidarität wäre ja die Grundlage zum Widerstand.

Deshalb wird ja auch Leiharbeit gefördert. Zum einen weil sie den Sklavenhaltern Gewinne verschafft, zum anderen weil sie in den Betrieben Kasten schafft. Die Unberührbaren sind da die Leiharbeiter und bevor sich die Stammbelegschaften richtig umgesehen haben, stecken sie auch in der Leiharbeit. Wo ist da Eigenbestimmung? Nirgendwo! Wo es aber keine Eigenbestimmung gibt, da gibt es natürlich auch keine Selbstverantwortung. Menschen die vom Großkapital und dem politischen Abschaum in eine Ecke gedrängt wurden, aus der sie mit eigener Kraft nicht mehr herauskommen können, sind nicht verantwortlich.

Noch deutlicher wird das bei jenen die krank sind und der Pflege bedürfen. In der Mehrheit sind sie nicht verantwortlich. Sie sind Opfer ihrer Zeugung, Geburt, ja ihres Lebens. Sie haben sich diesen Status nicht ausgesucht. Wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel. Aber trotzdem wird so getan, als ob die Kranken und Pflegebedürftigen oder gar ihre Familien an dieser Situation schuld wären. Einfach um Geld zu sparen. Geld, das in sinnlosen Kriegen und in riesigen Subventionen an die Reichen und Superreichen verballert wird.

Wer Selbstverantwortung fordert, der muss zunächst einmal dafür sorgen, dass es Selbstbestimmung gibt. Da wo eine Selbstbestimmung nicht möglich ist, muss die Gemeinschaft alles, aber auch wirklich alles tun um eine Selbstbestimmung zu einem späteren Zeitpunk möglich zu machen. Da ist übrigens nicht nur gut für die Kinder und Jugendlichen. Es ist die einzige Chance für den wirtschaftlichen Erfolg eines Gemeinwesens.


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9 comments

  1. willi says:

    Nachtrag weil es gerade dazu passt:

    “Den Armen liegt es ob, die Reichen in ihrer Macht und ihrem Müßiggang zu erhalten. Dafür dürfen sie arbeiten unter der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.” Anatole France

  2. willi says:

    War mal nötig, auf den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung hinzuweisen, weil die Dinge hier vollkommen durcheinander gehen und heute gerne von Freiheit die Rede ist, wenn Verantwortungslosigkeit gemeint ist.

    Was wir derzeit sehen ist die massive Reprivatisierung sämtlicher Lebensrisiken, die man einst aus gutem Grund durch die Einführungen einer Sozialversicherung sozialisierte. Die Zyniker der Macht verkaufen das den Schäfchen als Freiheitsgewinn.
    Sobald dann die Gesellschaft durch den universellen Anspruch des Marktes auf Mobilität und Flexibilität der Arbeitskräfte vollkommen atomisiert und alles in solitäre Existenzen zerfallen ist, können wir den Endsieg der Freiheit feiern. Eine schöne neue Welt.

  3. Habnix says:

    Ein,nach meiner Ansicht,guter Weg ist es mit Selbstversorgung zu probieren.

    Im Wort Selbstversorgung und in der Tat der selbigen steckt viel Brisanz.

    http://www.ginsterburg.de/t72f4-Die-wahre-Revolution-ist-die-Selbstversorgung.html

    1. Brigitte ( User Karma: 0 ) says:

      Das predige ich schon seit Jahren, das die Menschen wieder zumindest in Teilen eine Selbstversorgung anstreben sollten.
      Es müssen keine Tomaten aus Holland sein oder Kartoffeln aus Ägypen. Will ich alles nicht haben.
      Mein Balkon ist auch zweckentfremdet und derzeit bin ich dran, meinem Sohn einen kleinen Garten anzulegen, allerdings ohne selber zu gärtnern, weil ich es nicht mehr kann. Das geht dann nach “Anweisung”
      Aber ein Kartoffelturm- den kann sich jeder anlegen, Tomaten und Kräuter, Gurken geht auch und einiges mehr.

      Nach dem 2.WK hatten so viele Menschen diese Möglichkeiten. Erst mit den Supermärkten wurden sie wieder bequemer. Alles so schön billig – dachte man und niemand fragte, wie was angebaut wird oder wo es her kam.

      Ich finde es traurig, wie gleichgültig die Menschen geworden sind und wie sie sich fügen- ohne zu murren.

      Eigenverantwortung ist ein großes Wort- nur kann man die auch nur haben, wenn man an einer Gesellschaft teilnehmen kann. Mit Hartz IV ist das zum Beispiel fast ausgeschlossen. Immerhin leben hier 11,5 Millionen Menschen in Armut. Auch Samen und Erde kosten Geld. Was da eher sinnvoll wäre ist, das man sich zusammenschliesst, aber viele sagen aus Scham nichts- und Kontakte knüpfen ist hier bei mir so gut wie ausgeschlossen.

      Toller Artikel, Jochen-vielen Dank.

      1. Norbert says:

        Hallo Brigitte,

        deshalb meine Forderung: “Land kann niemand besitzen oder verleihen. Land kann man nur vom Staat pachten (Steuer – einzige Einnahme-Quelle des Staates). Es gibt nur so viel Land wie ein Mensch oder eine Familie selbst bearbeiten kann.”

        Hallo Jochen,

        ja, daran muß man erinnern. Auch daran, daß unser Leben endlich ist. Meines, ebenso wie das vom amtierenden Rothschild. Die Schöpfung, oder Erde, oder der Energie-Erhaltungssatz läßt nichts verkommen. Nach unserem Ableben wird alles von unserem Körper wieder verwertet. Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, daß ein Na-Atom von mir irgendwann in einem Schwein seine Arbeit verichtet? Vielleicht im Gehirn? Ist es nicht ein schöner Gedanke, daß mein Na-Atom beteiligt ist an einer Anweisung in diesem Organismus, daß das Mg-Atom dieses ehemals mächtigen Mannes seine Arbeit verrichten muß? Beispielsweise den Schließmuskel zu öffnen. Wer sagt denn daß der Mächtige von heute nicht der A…. von morgen ist. Wenn es anders rum ist dann hat sich auch nichts geändert an der momentanen Situation. Aber weder er noch ich bestimmen, was nach unserem Tod mit unseren Resten passiert.
        In diesem nachdenklichen Sinne, Grüße aus Baden, auch an das Mg-Atom.

    2. Jochen Hoff ( User Karma: 0 ) says:

      Selbstversorgung, vorzugsweise in Form von Genossenschaften auf lokaler, kommunaler Ebene würde unabhängigkeit bedeuten und das ist das, was dieses System am meisten fürchtet.

  4. John D. Sitarz says:

    evtl. koennte man aus dem streifen “das gluecksprinzip” (pay it forward) etwas lernen. sehr viel “schmalz” und “traeume” sind in diesem film enthalten, jedoch auch eine garnicht so schlechte vision, die durchaus chancen in der umsetzung in der realitaet hat.

  5. Anna says:

    Die Menschen, die mehr Eigenverantwortung von den Bürgern fordern, meinen eine andere Eigenverantwortung als die Bürger selbst.

    Eigenverantwortung wird dort gefordert, wo man sich aus sozialen Bereichen rausschleichen will.

    Fremdbestimmung wird dort gestärkt, wo abkassiert werden kann.

    Leider will keiner diese Worte beherzigen, der etwas ändern könnte.

    Fremdbestimmung = Zwangsbeiträge für die Sozialversicherungen

    Übertragung der Eigenverantwortlichkeit = die Bürger müssen selbst sehen, dass sie Zusatzversicherungen abschließen, um nicht in Notlagen zu geraten.

    Fremdbestimmung = Steuern unter bestimmten “Erfordernissen” eintreiben

    Übertragung der Eigenverantwortlichkeit = für Schäden an öffentlichem Eigentum die Bürger gesondert zur Kasse bitten.

    Beispiel: Schulen, Krankenhäuser, Straßenbau, Pflege, Zuzahlungen im Gesundheitswesen uvm.

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