Frauentausch war gestern, jetzt kommt die taz

Die Diskreditierung der Bezieher von Hartz4 gehört mittlerweile zu den deutschen Medien wie der Gestank zum faulen Fisch. Normalerweise wird dafür aber immer gerne der gemeine Durchschnittsproll hergenommen. Der quasi klassische Unsympath aus der Plattenbauwohnung. Der seine Tage auf Kosten der Allgemeinheit kettenrauchend und biersaufend vor der Mattscheibe des Krawallfernsehens verbringt. Dabei in schlechtem Deutsch und mit seiner ganzen Ungebildetheit die Gesellschaft für sein Elend verantwortlich macht. Das typische Feindbild jedes zivilisierten Menschen eben. Mit solchen Leuten hält sich das Mitgefühl dementsprechend in sehr engen Grenzen.

Doch mit der weiteren Ausbreitung von Hartz4 über das Prekariat hinaus nutzt sich die Masche langsam ab. Plötzlich wird deutlich, dass auch die vormals so sichere Mittelschicht schon längst am Abgrund steht. Denn bei der Umverteilung von Unten nach Oben ist das Ganzunten mittlerweile ausgelutscht. Da lässt sich beim besten Willen nichts mehr heraus pressen. Nun ist man also eine Gesellschaftsschicht höher am aussaugen. Damit das ungestört möglich ist wird aber eine Ruhigstellung der Betroffenen benötigt. Hier wird der bisherige Weg einfach fortgesetzt. Schließlich hat es sich bewährt, durch die Bedienung von Ressentiments, die nötigen Vorurteile zu schaffen, welche eine Solidarisierung verhindert.

Allerdings gilt es diese etwas zu modifizieren. Es muss dem Lebensumfeld und dem Intellekt der Betroffenen angeglichen werden. Schließlich sollen Angst und Ablehnung möglichst nah heran an die Herde. Was nützt der beste Hirtenhund, wenn die Schafe meinen, sein Gebell ist weit weg. Ein Beispiel für diese modifizierte Hartz4-Hetze hat Susanne Messmer mit ihrem Artikel „Annas Träume“ vom 31.08.2011 auf taz.de abgeliefert.

Da wird in einer herzlich wirkenden Rührseligkeit über das Leben einer alleinerziehenden Mutter aus Berlin berichtet. Wie gesagt, es geht um keine Cindy oder Mandy, die sich, nach abgebrochener Schule, mit Zigaretten und Sonnenstudiobesuchen durch den Alltag schlägt. Nein, hier heißt die Arme natürlich Anna. Sie muss so heißen, denn dieser Name geht der Zielgruppe ordentlich nahe. Die gute arme Anna mit der lieben und so aufgeweckten Mathilda. Das geht zu Herzen. Soll es auch. Denn je gebildeter die Leute sind, um so wahrscheinlicher ist auch ein kritisches Hinterfragen. Darum sollte man das Gift bei diesen Leuten auch besser über das offenen Herz injizieren. Über den Blutkreislauf erreicht es dann schon das Gehirn.

Genau das tut Susanne Messmer in ihrem Artikel. Indem sie mehr und mehr von Annas Leben, ihrem Alltag und ihren Einstellungen berichtet, gibt sie Tröpfchen um Tröpfchen hinzu. Dabei steigert sie gekonnt die Dosis. Was mit der Beschreibung von Annas Wohnung, selbstverständlich in Berlin-Mitte, beginnt steigert sich über Sätze wie die Folgenden

“Irgendwas mit Stadtentwicklung wäre toll”, sagt sie, und denkt an eine Auftragsarbeit an der Uni. Sie musste Passanten befragen, und es gab sogar Geld. Das war vor knapp zehn Jahren. Damals verkaufte Anna noch hauptsächlich Drinks in Bars, die heute in jedem Reiseführer stehen. Dann ging sie nach Südafrika. Als sie zurückkam, verliebte sie sich und wurde schwanger. “Ein Kind zum passenden Lebensabschnitt zu planen, das ist eben nicht mein Ding”, sagt sie. Und jetzt? Kellnern geht mit Mathilda nicht mehr. Die Uni ist so lange her. Anna weiß nicht, wo sie anfangen soll. Sie bräuchte mehr Zeit. [Quelle : taz.de]

bis zum endgültigen Kopfschütteln, über eine menschliche Existenz die trotz eines Studiums der Sozialwissenschaften nicht in der Lage ist ihr Leben, selbst in den Griff zu bekommen.

So bleibt man dann am Ende mit jenem Gefühl zurück, was erreicht werden sollte. Die ist doch selbst Schuld, nur ihre kleine Tochter kann einem wirklich Leid tun. Man kann sagen wenn es um Hartz4-Hetze 2.0 geht, dann hat Frau Messmer hier wirklich ein Meisterstück abgeliefert. Es kann also munter weitergehen. Denn auch die neue Herde für die Schlachtbank hat wieder einen Hirtenhund gefunden. Passender Weise eben nicht RTL sondern die taz.

[ … ]
– parallel veröffentlicht im Weblog und im Entenhaus / 04.09.2011

4 comments

  1. Regina says:

    Hallo,
    also ich habe den TAZ Artikel in ganzer Länge gelesen und ich glaube unser Blogger hier hat den komplett missverstanden… Lest den Text mal selbst, als sich hier auf einen, manchmal interessanten, aber in dem Punkt völlig danebenliegenden, Blog zu verlassen mit einem kleinen Zitat, der nicht richtig gewählt ist. Der Text in der TAZ ist komplett missverstanden worden.

  2. landbewohner says:

    fakt ist, daß das “bildungsbürgertum” genauso blöd ist, wie das “prekariat” und die taz zu den übelsten erzeugnissen der presselandschaft gehört. da kommt grün durch.

  3. Luise says:

    Hallo Jörg,
    du glaubst gar nicht, wieviele Annas es mittlerweile gibt und mit welcher Inbrunst man mit dem Finger auf sie zeigt – und wie treffend deine Beobachtung ist!

  4. willi says:

    Das gehobene Bürgertum mag es nicht gerne so drastisch. Diese RTL-Sendungen sind ja so widerlich, dass einem die Bionade wieder hochkommt.

    Das muss aber nicht heißen, dass wir nicht auch an den amerikanischen Traum glauben. Natürlich sollte man sich beim Ausleben nicht ganz so ungeschickt anstellen wie Anna -auch wenn es uns leid tut, dass es für sie nicht geklappt hat. Aber wieso musste sie sich auch ein Kind andrehen lassen…

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