EIN MARX DER BOURGEOISIE

*EIN MARX DER BOURGEOISIE
VILFREDO PARETO (1848-1923)*

Richard Albrecht
eingreifendes-denken


Der Ingenieur, Nationalökonom und Soziologe *Vilfredo Pareto* (* 15. Juli 1848: Paris † 19. August 1923: Céligny) galt im letzten ´kurzen´ Jahrhundert zeitweilig als ´Marx der Bourgeoisie´, als ´Machiavelli der Mittelklassen´, schließlich auch als „intransingenter [kompromißloser] Liberaler“ (Gottfried Eisermann). Nicht wegen des auf bürgerliche Herrschaft, bürgerliche Eliten und bürgerliche Elitenherrschaft auch als Zirkulation und Wiederkehr Immergleicher bezogenen ´Schweinezyklus´ oder wegen seiner Beiträge zur Wohlfahrtsökonomik oder wegen der nach ihm benannten Verteilung mit dem Optimum als Theorie der Wahlakte. Auch nicht wegen seiner Deutung bürgerlicher Herrschaft als widersprüchliche Einheit von „Rentiers et spéculateurs“ (1911) als Kerngruppen innerhalb der Bürgerklasse, deren gesellschaftliche Balance als Ausdruck von Dynamik und Statik, Neuen und Altem, Veränderung und Beharrung zu sozialer Stabilität beiträgt.

Paretos besondere *soziologische Bedeutsamkeit* liegt in seiner Sicht auf die grundlegende Funktion menschlicher Gefühle für menschliches Handeln und dessen typischerweise erst später vorgenommene rationale Deutung sowohl für den gesellschaftlichen Zusammenhang („Eine Anwendungsform soziologischer Theorien“, 1900) im allgemeinen als auch für politische Herrschaft im besonderen: „Ich habe zwei umfangreiche Bände verfaßt, um zu dem Schluß zu gelangen, daß die Regierungskunst ausschließlich darin besteht, sich der existierenden Gefühle und Interessen zu bedienen zu wissen.“ (Pareto an Maffeo Pantaleoni: 1. Oktober 1921) .

*Ideologiekritisch* wichtig ist Paretos Unterscheidung von Residuen als grundlegende und nicht mehr reduzierbare Motivationsbündel von Handlungen und Derivationen als pseudologischen ex-post-Interpretationen [später erfolgter Deutungen] von Handlungen. Paretos Leitkonzept „Derivation“ wurde später als „Rationalisierung“ von Handlungen in der Psychologie aufgegriffen.

Paretos zwei umfangreichen Bände erschienen zuerst 1916 als *Abhandlung der allgemeinen Soziologie* (in drei Bänden). Im ersten Band geht es auch um „die Tatsachen“, ihre Bedeutung und ihre Deutung (§ 536-552). Und Pareto gibt diesen methodischen Hinweis: Immer dann, wenn es keine anderen wesentlichen Quellen gibt, können auch „fiktionalliterarische Werke, Märchen und ähnliche Schriften“ von zunächst geringe(re)m Quellenwert wichtig(er) werden und „von großem Wert“ sein, „um uns mit den Gefühlen vertraut zu machen; und manchmal ist ein indirektes Zeugnis in dieser Form wichtiger als ein direktes Zeugnis. […] Viele Romane machen uns mit existierenden Meinungen vertraut, diese entsprechen oft gewissen Tatsachen und vermitteln uns eine bessere synthetische Vorstellung als direkte, vielfältige und verwirrende Zeitzeugnisse.“ (Tarattato di sociologia generale. Seconda edizione, vol. 1-3. Firenze: G. Barbèra, 1923; I: §§ 1-841, 431 p., II: §§ 842-1686, 540 p., III: §§ 1687-2612, 673 p., hier zitiert § 545)

[Zur NachLese als deutschsprachige Einführung: Vilfredo Pareto, Ausgewählte Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Carlo Mongardini. Frankfurt/Main-Berlin-Wien: Ullstein, 1975, 487 p. [= Ullstein Buch 3216]. – Weitere Bücher von/über Pareto sind im Bestand der Deutschen Nationalbibliothek (dnb) in Frankfurt/Main nachgewiesen -> http://d-nb.info/gnd/118591711%5D

Richard Albrecht (*1945) ist Sozialwissenschaftler – Autor – Bürgerrechtler. Nach der ´mittleren Reife´ in Harburg 1963/66 Besuch des Wirtschaftsgymnasiums in Hamburg und Sprachlehrer. Ab Winter(semester) 1966/67 Studium der Sozialwissenschaften (Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie, Sozialpsychologie, Statistik) an den Universitäten Kiel, Heidelberg und Mannheim. Ausbildung als Journalist. Berufsschullehrer und beruflicher Ausbilder. Promotion 1976. Habilitation 1989. Übernahme zahlreicher Forschungs- und Lehraufträge (unter anderem an der FH Köln, fh bund, RU Bochum, GH Siegen, WWU Münster, Universität [WH] Mannheim). Lebt als Freier Dozent – Editor – Publizist in Bad Münstereifel. – Letzte Buchveröffentlichungen: DEMOSKOPIE ALS DEMAGOGIE. Kritisches aus den Achtziger Jahren (2007); SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert (2008) (-> Buchempfehlungen). Aktuelle Netzseite -> eingreifendes-denken. Bio-Bibliographie -> bio-bibliographie

© Autor 2010

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