Die zerbrochene Gesellschaft

“Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut!” sagte Goethe und Paulus forderte “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” was Matthäus noch erweiterte “Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen”. Die Anforderung an das menschliche Sein, ist also bekannt, aber ihr wird sichtlich nicht gefolgt. Dem liebe deinen Nächsten, haben wir ein “aber hasse deine Feinde” angehängt und daraus hat sich unsere Weltordnung und unser Weltbild gebildet.

Im Hassen sind wir wirklich gut. Im Bestimmen und Erkennen unserer wirklichen Feinde sind wir eher schlecht. Meist lassen wir uns von anderen Ersatzfeinde benennen, die wir dann auftragsgemäß hassen.

Eine weitere Lieblingsbeschäftigung von uns ist, auf andere herabzusehen. Man bestimmt den eigenen Standort und natürlich auch den eigenen Wert, indem man auf andere hinabsieht, denen es scheinbar schlechter geht. Dabei kommt es zu abstrusen Grenzziehungen.

Niedriglöhner schauen auf die Hartz IV Opfer hinab, Stammarbeiter auf die Leihsklaven, beamtete Lehrer auf angestellte Lehrer, Hausbesitzer mit unbezahlbaren Schulden auf Mieter, Veganer auf Vegetarier und beide zusammen auf Fleischfresser, die ihrerseits auf die beiden anderen hinabschauen. Rechte auf Linke und umgekehrt. Die Touristen verachten das Personal in ihren Urlaubsländern und umgekehrt. Jede Religion und jede politische Richtung hat den einzig wahren Gott und verabscheut alle anderen.

Die Gesellschaft ist nicht nur zerbrochen, sie ist praktisch auseinandergeflogen. Wir alle kennen den Grundsatz aller Herrscher: “Divide et impera – Teile und herrsche“. Denn kleine uneinige Gruppen lassen sich natürlich viel leichter beherrschen als große, einige und widerstandsfähige Gruppen.

Wobei man allerdings erwähnen muss, dass unser heutiges System auch große gezähmte Gruppen, gegen kleine aktive Gruppen bevorzugt, wie man das an der Gesetzgebung von Frau Nahles sehen kann, die den DGB der eh nichts für seine Mitglieder tut, bevorzugt und kleinen Gewerkschaften wie der GDL alle Rechte und damit die Existenz nehmen will.

Tatsächlich wurde aber unsere Gesellschaft mit fleißiger Unterstützung der Systemmedien praktisch atomisiert, so dass jede Gruppe nur zu dem Schluss kommen kann, das Widerstand zwecklos ist, weil man ja zu klein ist um solch einen Widerstand wirkungsvoll durchzuziehen.

Selbst eine viertelmillion Demonstranten gegen TTIP hat nichts gebracht, weil sie sich eben nur für das eine Ziel vereinigte und in Wirklichkeit untereinander heillos zerstritten ist. Jeder der auch nur die gemäßigten Kräfte vereinigen will, wird als Querfrontler gebrandmarkt und aus dem weiteren Diskurs ausgeschlossen.

Wie schon 1930 gibt es natürlich Gemeinsamkeiten die sich über alle politische, religiösen und gesellschaftlichen Strömungen hinweg deutlich anbieten. Viele Problemfelder haben breite Mehrheiten erzeugt, die aber nicht zur Anwendung kommen dürfen, weil sie ja die verbotene Querfront darstellen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang nur mal kurz an die “Wiedervereinigung” erinnern, bei der CDU und FDP jeden Wendehals und die Parteivermögen der Ostparteien kommentarlos aufgenommen haben und die SPD so blöd war, die SED Mitglieder auszuschließen, ja noch dabei mitmachte, die PDS zu bekämpfen und das Vermögen der SED einzuziehen. Kohl blieb Kanzler und konnte weitermachen. Alle Deutschen waren die Verarschten.

Heute gibt es die Helferszene rund um die Flüchtlingen. Viel Mut, viel Herzblut wird von im wesentlichen weiblichen Helfern da aufgebracht und von den Rechten mit dem Begriff “Gutmenschen” abqualifiziert, den Leute wie Bittermann wieder herauskramten um sich über jene zu erheben, die ihnen nicht gefielen. Was für Bittermann Satire war, findet sich heute als bittere Realität der Abwertung, aber Bittermanns Lebenswerk zeugt ja eh nicht von Feinfühligkeit oder gar Verstand.

Aus dieser Helferszene könnte sich durchaus etwas neues kräftiges entwickeln, wie einige hoffen. Ich glaube es nicht, weil auch da nur ein Teilbereich des Gesamtproblems behandelt wird. Die Arbeit ist wichtig, aber sie füllt nur die Lücken, die das System aufgerissen hat. Es gibt keine Perspektive.

Wo es aber keine Perspektive gibt, gibt es auch keine Hoffnung und wo es keine Hoffnung gibt, gibt es auch keine Kämpfer. Alles bleibt so schlecht wie es ist.

2 Kommentare

  1. Genau so wie es immer Alternativen gibt, gibt es immer Perspektiven. Es kommt auf den Blickwinkel des Betrachters an.

    Wenn ich mir die gesellschaftlichen Gruppen wie im obigen Text vorstelle, dann wäre ich ebenfalls nah anzunehmen, dass es keine Perspektiven gäbe. Gesellschaft gespalten in Atome… Das ist aber nur der scheinbare Bruch. Der echte Bruch verläuft anders.

    Irgendwann in der Geschichte der Menschheit ist es einer kleinen Gruppe (aus irgendeinem Grund) gelungen, sich das Mehrprodukt der Sippe privat anzueignen. Jemand wurde Nutznießer fremder Arbeit. Exakt dieser Zustand wurde, wenn auch während verschiedener Epochen modifiziert, bis in die Gegenwart erhalten. Die Vielen arbeiten für die Wenigen. Heute ist es nur sehr gut versteckt und die Vielen erkennen einander nicht. Es ist sogar so, dass sie sich untereinander bekämpfen und jeder von jedem denkt, dass er die Ursache der eigenen Probleme sei.

    Nehmen wir an, dass man für die privaten Haushalte ebenfalls die doppelte Buchführung einführen würde. Wer in seiner Zinsabrechnung (Zinseinnahmen – Zinsausgaben) ein negatives Ergebnis ausweist, sollte eine grüne Mütze tragen. Wer ein ausgeglichenes Konto hat, bekommt eine weiße Mütze und wer einen Gewinn verzeichnet, erhält eine rote Mütze.

    Die Teilung der Gesellschaft wäre visuell sichtbar. Vermutlich würden sich die Grünmützen wundern wie viele sie sind und hätten eine andere Perspektive.

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