Die Party – Monika von Ramin

Sie waren alle gekommen, zur großen Party: Das Leid trug, natürlich, schwarz. Mit einem raffinierten kleinen Spitzenschleier. Beim Glück konnte man kaum hinsehen, sein goldenes Paillettenkleid funkelte und blitzte im Scheinwerferlicht, dass es in den Augen weh tat. Die Sorgen machten mal wieder einen auf ernst. Typisch. Mausgraue Anzüge, selbst die Krawatten waren wenig kreativ, dafür aber von erster, teurer Qualität. Die Freude war ganz in Gelb gehüllt und hatte sich eine riesige Sonnenblume ans Kleid geheftet. Für den Geschmack von Ärger ziemlich vulgär. Aber Ärger war nun mal ein bisschen verkniffen. Das sah man schon an seinem dunkelgrünen Anzug. “Grün, ich bitte sie, das tragen schließlich nur Versager”, flüsterte die Bosheit ihrem Nachbarn, dem Neid, zu. Die beiden konnten sich wieder mal nicht trennen. Den ganzen Abend gluckten sie in einer Ecke und zogen über die anderen her. “Schau mal, die Liebe”, zischelte Neid der Bosheit zu. “Wo zum Teufel hat sie denn dieses Kleid gefunden? Quietschrosa und diese Volants. Natürlich sündhaft teurer Designer, dabei kann sie es sich gar nicht leisten.” “Sie sieht aus wie eine Torte”, gab die Bosheit zurück, “fette Buttercreme”. Als der Sex den hellerleuchteten Saal betrat, ging ein Raunen durch die Gesellschaft. Sein hautenger Schlangenlederbody entblößte seinen wunderschön geformten Körper mehr als dass er ihn verdeckte. Die Erotik trank bei seinem Anblick einen großen Schluck Champagner und machte mit ihrem kehligen Lachen auf sich aufmerksam. Ihr dezentes Abendkleid schimmerte in einem samtigen Rot. Die Krankheit hatte sich in die Ecke an einen ruhigen Tisch verzogen. Ihr weißes Kleid konkurrierte mit ihrer vornehmen Blässe, sie prostete dem Tod mit einem Glas Kamillentee zu. Der Tod hatte sich verstohlen wie immer hinter einer Säule niedergelassen und seinen schwarzen Hut so weit ins Gesucht gezogen, dass die meisten ihn überhaupt nicht erkannten. Die Ehre ging, wie so ziemlich auf jeder Party, herum und schlauchte Zigaretten. “Peinlich”, fand das der Stolz und wischte sich den Schweiß von der Stirn. “Ach was”, sagte die Gutmütigkeit, “die arme Ehre kann sich doch keine Zigaretten leisten” und steckte ihr heimlich ein Päckchen zu. Der Ruhm war schon fast volltrunken. Er stand in der Ecke und grölte, angefeuert von dem dicken Geld, das neben ihm stand und ihn mit seiner Havanna ziemlich einnebelte. Die Macht war natürlich mit ihrem ganzen Hofstaat erschienen. Die Angst wieselte ständig um sie herum und die Beflissenheit holte Getränke. Auch die Arbeit war wie immer beschäftigt. Ständig musste sie die kalten Platten auf dem Buffet nachlegen und irgendwie schienen die Löffel ausgegangen zu sein. Dann trat der Gastgeber ans Mikrophon. Er war ganz bunt angezogen, sah ein bisschen aus wie ein Harlekin. “Oh Gott, jetzt hält er auch noch eine Rede, dabei kann er gar nicht reden”, flüsterte die Bosheit ihrem besten Freund zu. “Liebe Freunde, liebe Partner”, begann das Leben ein wenig stockend. “Ich freue mich, dass Ihr alle heute gekommen seid, um mich zu feiern. Ganz besonders freue ich mich über meine Ehrengäste. Ich begrüße ganz herzlich Ihre Exzellenz, das Glück, die Botschafterin desHerzens, die Liebe, die geheimnisumwitterte Erotik, den wilden Sex, das allmächtige Geld und natürlich meine gute Freundin, die Freude. Lasst uns gemeinsam eine schöne Party feiern und geht bitte nicht zu früh nach Hause.” Donnernder Applaus rauschte durch den Saal. Man prostete sich zu und als die Musik erklang, tanzten der Sex und die Erotik einen Tango, dass es selbst der Bosheit die Sprache verschlug. Eine alte Dame zupfte ihr Spitzentaschentuch und betupfte sich die Augen. Dann klappte sie entschlossen ihr Handtäschchen zu und eilte zum Ausgang. Die Weisheit, ebenfalls nicht mehr ganz taufrisch, sah es und eilte zum Gastgeber. “Liebes Leben, Du hast vergessen, Deinen wichtigsten Gast zu begrüßen”, raunte sie dem Leben zu. Das Leben schaute in die Richtung, in die die Weisheit zeigte. “Oh, ich Trottel”, beschimpfte sich das Leben selbst, “da habe ich wohl einen großen Fauxpas begangen”. Das Leben eilte zum Ausgang und hielt die alte Dame fest. “Bitte, ich möchte Sie so gern den anderen Gästen vorstellen”, versuchte er sich zu entschuldigen. “Mein Sohn, das ist nicht nötig. Ich kenne sie alle, glauben sie mir. Nur mich erkennt man meist nicht. Und die einzigen, die mich vermissen werden, sind der Ärger, die Sorgen, die Krankheit und der Tod. Aber die sind ziemlich langweilig, junger Mann”, sagte die alte Dame. “Ich werde sie vermissen”, sprach das Leben. Die alte Dame reichte dem Leben ihre Visitenkarte und verschwand. Das Leben stürzte sich wieder voll ins Partygeschehen. Das Geld und die Liebe flirteten über den Glasrand hinweg und das Leben und die Freude tanzten einen Walzer. Natürlich verließ die Liebe die Party mit ihrer alten Gewohnheit. Als alle Gäste endlich gegangen waren – das Glück und der Ruhm mal wieder total besoffen – holte das Leben die Visitenkarte der alten Frau aus der Tasche und las: Zufriedenheit Schwer erreichbar Öfter versuchen

 

© Monika von Ramin