Die Göttin der Ernte: Der Tag an dem ich Ceres sah

Wenn der warme Sommerwind den Weizen in seinen güldensten Farben wiegt, dann ist die schönste Zeit im Jahr. Nicht für alle, aber für mich. Tägliche Spaziergänge quer durch Mutter Natur. Durch saftige Wiesen, durch grüne Wälder und ja, auch durch die Ährenfelder. Es gibt nichts schöneres als den warmen Sommerwind, das wohltuende Lüftchen auf der Haut zu spüren und es sich um die Nase wehen zu lassen. Letztens war wieder so ein Tag an dem ich unterwegs war. Jasper ging wie immer nur eine Weile bei Fuß. Sobald wir aber um die Ecke bogen, um den Feldweg zu verlassen, war er nicht mehr zu halten. Freudig mit der Rute wedelnt sprang er wie ein kleines Kind hier ins Unterholz, dort in den Bach und drüben ward er im Weizenfeld verschwunden. Hin und wieder hielt er inne, streckte seine Nase hoch in die Luft als ob er testen wolle, dass auch ja noch genug Wind da sei. Ich weiß dass das natürlich nicht so ist. Aber allein die Vorstellung es könnte so sein, befriedigt mich. So fühlt man sich nicht mehr ganz so allein mit seinen Gedankenspielen. Am liebsten hätte ich es Jasper gleich getan. Allein meine Erwachsenheit hielt mich zurück. Ich genoss es ihn zu beaobachten – ich freute mich über und für ihn. Während meine Blicke hier und dorthin wanderten und ich einen Augenblick lang nur nicht zu Jasper sah, machte er sich auch schon bemerkbar. Ich sah ihn nicht, aber ich hörte ihn. Aufgeregt bellte er. Durch das Weizenfeld suchend traf ich sehr bald bei ihm ein. Er hatte sich bis zur anderen Seite durchgeschlagen. Dort stand er, tänzelte aufgeregt hin und her und bellte. Vor ihm saß eine kränkelnd flatternde Dohle. Sie sah wirklich sehr schlecht aus. Körperlich mager war sie, hinkte und verklebte Augen hatte sie noch dazu. Ich musste nicht lang überlegen um zu wissen was ich nun tun sollte. Natürlich nahm ich sie, legte ihre Flügel an ihren Körper und klemmte sie mir vorsichtig unter den Arm. An der Stelle wo Jasper die kleine Patientin fand wuchsen einige Kornblumen. Von meiner Urgroßmutter wusste ich noch, dass sie die Centauren immer gesammelt hatte um damit Augenkrankheiten zu behandeln. Die Blumen kamen mir also ganz recht. Vielleicht würde eine Auflage oder eine Spülung auch die verklebten Augen der Dohle wieder reinigen. Ich nahm also eine Hand voll mit. Um das hinkende Beinchen behandeln zu können, nahm ich mir auch ein kleines Stöckchen mit. Krächtzend und bellend machten wir uns auf den Heimweg. Zu Hause angekommen kümmerte ich mich erstmal um das Beinchen. Ich legte das Stöckchen als Schiene an und umwickelte es mit einer kleinen Mullbinde. Der Dohle machte ich es in einem Umzugskarton bequem und begann darauf hin mit dem überbrühen der Kornblüten. Während der Sud langsam abkühlte schmökerte ich in meinem schlauen Büchlein. Dioskurides gab derart Kräuterauszügen immer etwas Honig bei, war dort zu lesen. Dadurch sollten Keime gestört werden. Bevor der Sud auskühlte fügte ich ihm also noch einen Löffel Honig zu und rührte bis er sich auflöste. Dann nahm ich ein sauberes Tüchlein, tauchte es in den Aufguss und ging zu meiner kleinen Patientin. Jasper wachte die ganze Zeit neben ihr und schaute mich nun neugierig an. Ich strich behutsam mit dem Tüchlein über die Augen der Dohle, immer und immer wieder – solange bis sich die umliegende Kruste löste, dann nahm ich einen schon benutzten Kamilleteebeutel und tupfte ebenso vorsichtig über die gereizten Stellen. Diesen Vorgang wiederholte ich mehrmals am Tag. Nach ein paar Tagen ging es der Dohle schon wesentlich besser und ich entschied mich das Tier wieder in seine Freiheit zu entlassen. An dem Tag an dem Jasper und ich die Dohle wieder zurückbrachten gaben wir der Dohle den Namen “Ceres”. Der Name jener Göttin der Ernte. Sie, die die Kornblume in ihrem Haar trug.

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