Die bösen Ratingagenturen

Juchu. Die Schuldigen sind gefunden. Zuerst haben die bösen Ratingagenturen die amerikanische Hypothekenkrise nicht rechtzeitig vorausgesehen und das Ranking für die amerikanischen und weltweiten Banken nicht schnell genug herabgesetzt, um die weltweite Bankenkrise zu verhindern und nachdem sie dafür beschimpft wurden, sind sie jetzt an der Griechenlandkrise schuld, weil sie das Land zu sehr herabgestuft haben.

Beispiele für diese krude Sicht der Dinge finden sich in allen Parteien. Genau wie oben beschrieben argumentiert die finanzpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Ingrid Arndt-Brauer:

Die marktbeherrschende Macht der Agenturen müsse gebrochen werden, im Falle Griechenlands durch eine geschlossene Haltung Europas, sagte Arndt-Brauer im Deutschlandfunk. Dies könne überzeugender sein für die Märkte, „als wenn eine Rating-Agentur irgendwelche Buchstaben in die Welt posaunt.“ Arndt-Brauer zeigte sich enttäuscht über diese Einrichtungen und verwies darauf, dass vor Ausbruch der Finanzkrise keine Hinweise gemacht worden waren.

Yepp. Den Fehler den die Ratingagenturen damals gemacht haben sollen sie doch heute bitteschön wiederholen. Hoffentlich hat die Dame wenigstens einen guten Arzt. Noch besser ist der Brüderle von der FDP der wieder einmal eine europäische Ratingagentur fordert. Solche Forderungen stellt er ja öfter auf und dann, wenn er sich ausgerülpst hat, tut er nichts dran:

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat die Rating-Agenturen scharf kritisiert.

Berlin (dts Nachrichtenagentur) – „Das selbstbewusste Heben oder Senken des Daumens ist schon bemerkenswert“, sagte Brüderle der „Rheinischen Post“. „Über die Rolle der Rating-Agenturen bei der Finanzmarktkrise muss man diskutieren“, forderte der frühere Bundeswirtschaftsminister. Der Bewertungsmarkt werde von nur drei US-Rating-Agenturen beherrscht.

Sie hätten maßgeblichen Einfluss auf die Zukunft der Euro-Zone. „Die Etablierung einer Europäischen Rating-Agentur wäre Schweiß und Hirnschmalz wert, denn ein europäischer Wettbewerber würde dieses enge Oligopol aufbrechen“, sagte Brüderle.

Ist er nicht niedlich. Hoffentlich schenkt ihm schnell einer ein neues Glas ein, nachdem er soviel Mut gezeigt hat derartig gefährliche Oligopole anzugreifen. Tatsächlich stellt sich aber die Frage welche Bedeutung Ratingagenturen überhaupt haben. Dazu hat Frank Lübberding auf WEISSGARNIX in seiner einmaligen Art eine wunderschöne Antwort gegeben. Es lohnt sich den ganzen Artikel zu lesen:

Rating-Agenturen sind im Finanzmarkt so etwas wie die Literaturkritiker im Buchmarkt. Sie geben ihre Bewertungen ab, etwa ob ihnen das griechische Epos zur Zeit gefällt oder nicht. Weil sie zumeist sicherlich kein Deutsch, aber auch kein passables Englisch sprechen, sind ihre sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten selbst als Muttersprachler begrenzt. Daher nutzen sie die bekannten Kürzel. Standard&Poors sieht Griechenland zur Zeit bei Triple C. Griechenland wird damit als noch schlechter bewertet als das klamme Weißrussland. Denen kommen aber auch die Chinesen zu Hilfe wie man lesen konnte. Was ist nun das Problem? Dass die Literaturkritiker von Standard&Poors Zeitung lesen können? Also im Gegensatz zu Weißrussland die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands nicht nur befürchtet, sondern von den meisten Beobachtern im sogenannten Markt sogar aktiv gefordert wird?

..

Der bekannteste Literaturkritiker unseres Landes, Marcel Reich-Ranicki, hat die letzten Romane von Günter Grass mit Triple C oder gar als Default D bewertet. Er hat Grass allerdings zu keinem Zeitpunkt Faulheit vorgeworfen. Das war nicht nötig. Ihm hat halt das Epos nicht gefallen. Das war sein gutes Recht. Außer Martin Walser hat deshalb niemand eine alternative Literaturkritik gefordert. Walser hat allerdings gleich den Literaturkritiker symbolisch sterben lassen. So ist das im Feuilleton. Aber eines hat es nicht gegeben: Dass die bekannteste Rating-Agentur im deutschen Literaturbetrieb namens Marcel Reich-Ranicki am Ende dafür verantwortlich ist, ob im deutschen Buchmarkt noch Bücher von Günter Grass verkauft werden dürfen oder nicht.

Das miese Urteil der Ratingagenturen zu Griechenland ist letztendlich nur eine Meinungsäußerung. Als die deutsche Ratingagentur Feri EuroRating Services AG aus Bad Homburg die USA auf AA herabstufte, hat niemand gefordert dass die Ratingagentur dies nicht machen dürfe. Aber es fand sich auch niemand, der sich um diese Einstufung gekümmert hätte. Solange die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen als Sicherheit für Kredite zulässt, ist das Urteil der Ratingagenturen vollständig nebensächlich.

Es ist auch Privatpersonen, institutionellen Anlegern, Banken und Versicherungen nicht verboten griechische Staatsanleihen zu kaufen. Das dies keiner so recht will, liegt nicht an den Ratingagenturen, sondern daran, das Griechenland praktisch pleite ist. Aber das ist die USA auch und trotzdem werden deren Schatzbriefe wie verrückt gekauft. Wenn zwei in der selben Situation sind, ist das noch lange nicht die gleiche Situation.

Die Ratingagenturen sind wie Literaturkritiker. Man muss sie nicht ernst nehmen.

9 Kommentare

  1. Wer sind die Ratingagenturen?

    Ein kleiner Blick dahinter…

    Die drei größten von ihnen, Moody’s (USA), Standad & Poor’s (USA) und Fitch (Großbritannien), haben einen geschätzen Marktanteil von 93% und kontrollieren circa 90% der globalen Kapitalströme. Wer kreditwurdig ist, bestimmen sie.

    Die kleinste der Ratingagenturen ist Fitch, sie wurde 1913 von John Knowles Fitch gegründet. Heute gehört das Unternehmen dem französischen Milliardär Marc Ladreit de Lacharrière, der auch Geschäftsführer des Finanzdienstleisters Fimalac ist.

    Hauptaktionär von Moody’s ist das amerikanische Holdingunternehmen Berkshire Hathaway, das vom Investor und reichsten Mann der Welt, Warren Buffet, geleitet wird. Weitere Größaktionäre von Moody’s sind Goldman Sachs und die Rothschild-Bank Barclays. Alles Finanzinstitute, die im Zusammenhang mit dem Crash eine unrühmliche Rolle spielten.

    Standard & Poor’s (S & P) wiederumg ist eine 100-prozentige Tochter des McGraw-Hill-Konzerns, dessen drei Hauptgeschäftsbereiche >>Bildung<>Finanzdienste<>Information und Medien<< lauten. McGraw-Hill ist einer der größten Verlage für Lehrbücher an amerikanischen Schulen und Universitäten, und er bestimmt dadurch wesentlich über das amerikanische Bildungssystem. Darüber hinaus gibt der Konzern einflussreiche und meinungsbildende Finanzmagazine heraus und ist Besitzer einiger Fernsehsender. Harold McGraw jr. Gehörte zu den wichtigsten Unterstützern von George W. Bush, als der noch Gouverneur von Texas war. In einem Artikel der Zeitschrift The Nation wird beschrieben, das zwischen der Familie Bush und McGraw-Hill seit über drei Generationen enge Beziehungen herrschen. Quelle: Jürgen Roth "Gangsterwirtschaft", das ich sehr interessant fand und das nun vllt. noch einige Leser finder ;)

    1. sry, fehlte etwas…

      lauten. McGraw-Hill ist einer der größten Verlage für Lehrbücher an amerikanischen Schulen und Universitäten, und er bestimmt dadurch wesentlich über das amerikanische Bildungssystem. Darüber hinaus gibt der Konzern einflussreiche und meinungsbildende Finanzmagazine heraus und ist Besitzer einiger Fernsehsender.

      Harold McGraw jr. Gehörte zu den wichtigsten Unterstützern von George W. Bush, als der noch Gouverneur von Texas war. In einem Artikel der Zeitschrift The Nation wird beschrieben, das zwischen der Familie Bush und McGraw-Hill seit über drei Generationen enge Beziehungen herrschen.

      Quelle: Jürgen Roth „Gangsterwirtschaft“, das ich trotz weniger konkreter Namen sehr interessant fand und das nun vllt. noch einige Käufer finder ;)

  2. lieber jochen, das mit den ratingagenturen ist wirklich wahr. sie spielen eine rolle da wo man sie für seine zwecke einsetzen kann und will.

    was mich zur zeit wirklich interessiert ist, dass es ab 01.07.2011 in deutschland kein gültiges wahlrecht mehr gibt und damit eine evtl unwiederbringliche möglichkeit eine vernünftige demokratie des volkes aufzubauen existiert. ist das thema für dich nicht auch etwas ?

  3. so ganz stimmt das nicht, denn Marcel wurde nie von Grass & Co dafür bezahlt bestimmte Kritiken zu schreiben. Die Ratingagenturen werden aber von den Firmen bezahlt die sie bewerten. Ausserdem ist S&P z.B. selber eine Tochterfirma eines Unternehmens das selbst im S&P gelistet ist. Die raten sich also auch noch selber.

  4. # 1 Bile & Autor

    Wenns so wäre … dann müßte doch erklärt werden warum diese interessensgebundenen Agenturen, die aus wirtschaftspolitischer Sicht von Staaten für staatspolitisches Handeln überflüssig sind, diesen überwöbenden Einfluß haben … oder soll auch hier Wirtschaftspolitik auf Meinen, Glauben und Küchenpsychologie verkürzt werden?

    1. Die Macht der Finanzwelt drüfte die Vorstellungskraft sprengen…

      Griechenland Rettung – Drehbuch Deutsche Bank

      http://www.youtube.com/watch?v=WjbRmWaWFGw&feature=player_embedded

      7:42 Min. die dies belegen.

    2. Ja, da haben Sie vollkommen Recht. Wenn man schonmal dabei ist…

      Griechenland Rettung – Drehbuch Deutsche Bank

      http://www.youtube.com/watch?v=WjbRmWaWFGw&feature=player_embedded

      so etwas müsste auch mal geklärt werden!

  5. Zu den Ratingagenturen ist alles gesagt.

    Aber die SPD und ihr glänzend (blendend?)
    „aufgestelltes“ Personal machen mich nachdenklich.

    *…. die finanzpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Ingrid Arndt-Brauer*

    Womit hat sich S-B für dieses Amt qualifiziert?

    Lesen wir bei WIKI-Pedia
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Arndt-Brauer
    Nach dem Abitur am Gymnasium Philippinum Marburg absolvierte Ingrid Arndt-Brauer ein *Studium der Betriebswirtschaftslehre* und der Soziologie an der Philipps-Universität Marburg, welches sie 1985 als *Diplom-Kauffrau* und Diplom-Soziologin beendete.

    Von 1994 bis 1997 gehörte sie dem Kreistag des Kreises Steinfurt an.

    _Von 1998 bis 1999_ war sie Leiterin des Sachgebiets „Kommunales Marketing“ beim Kreis Steinfurt.
    _______________

    Oh, Booo ey.

    Mit vergleichbarer Qualifikation wird man nicht einmal „Vorarbeiter“ in einem mittelständischen Unternehmen.

    _Rating-Agenturen sind im Finanzmarkt so etwas wie die Literaturkritiker im Buchmarkt._

    Irgend jemand bezeichnete die Ratingagenturen als die „SS“ der Finanzindustrie.
    Das ist natürlich völliger Blödsinn.

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