Deutsches Arbeitsleben, vollkommen bekloppt

Jeden Tag schüttel ich den Kopf über soviel unsinnige und ungerechte Verteilung von Erwerbsarbeit und Lohn. Die Deutschen scheinen inzwischen vollkommen bekloppt zu sein. Vielleicht kommt mein HWS-Syndrom ja von diesem Kopfschütteln.


Ich fasse es nicht, wieviele Leute im arbeitsfähigen Alter (und bei guter Gesundheit) ich kenne, die hauptsächlich herumlungern. Leute, die nichts tun. Oder sich nur ganz nebenbei mit beruflichen Dingen beschäftigen. Wovon leben die, frage ich mich. Sicher, es sind die Erben darunter. Auch die geborenen Nichtstuer, die es immer gab. Der eine oder andere mag sich für den begnadeten Künstler halten. Die oder der eine läßt sich aushalten, bitte, wem´s gefällt, sollen sie doch. Es gibt ja auch die entsprechenden Leute, die sich das leisten können. Geschäft ist Geschäft. Frei nach unserer digitalen Boheme, darf man wohl sagen, wir nennen es Prostitution.

Aber machen die alle schon die große Menge aus? Die allermeisten werden sich wohl in irgendwelchen prekären Arbeitsverhältnissen durchwursteln. Ohne Plan und Perspektive.

Dazu kommen dann die vielen, die aus regulären Arbeitsverhältnissen herausgeschmissen werden. Weil sie zu alt geworden sind oder ihre Firma pleite ging, oder aus anderen „arbeitstechnischen“ Gründen. Die lange versuchen, eine Anschlußarbeit zu finden bis sie schließlich verzweifeln und sich irgendwann in der Hartz4-Community wiederfinden, mit Kind und Kegel. (Und ohne Herdprämie, soviel Demütigung soll schon sein!)

Und diejenigen, die noch arbeiten? Gehören entweder zu einer Arbeitswelt, die noch von großen Gewerkschaften wie der IG Metall „betreut“ werden, die haben dann eine 36-Stunden Woche, Streikrechte und wahrscheinlich einen halbwegs anständigen Lohn. Oder sie sind im öffentlichen Dienst oder gleich Beamte. Hier herrschen immerhin noch geregelte Verhältnisse. Und der Rest schaut blöd aus der Wäsche.

Deutschland ist Niedriglohnland. Man gibt Deutschland stellenweise sogar schon Schuld an der Eurokrise deswegen. Hä?!! Deutschland, Niedriglohnland? Billiglohnland?

Und wo ist der Aufschrei? Wo ist die Solidarität der arbeitenden Bevölkerung? Arbeiterbewegung? Sozialdemokratie? Linke? Straßenkampf?

Verdammt viele Probleme könnten wir locker lösen, wenn wir eine allgemeine Arbeitszeitreduzierung hätten, sagen wir auf 25-30 Stunden. Wir hätten Zeit um Kinder großzuziehen (anstatt uns die lächerliche Herdprämie geben zu lassen) und wir hätten Zeit um uns künstlerisch zu betätigen (anstatt dass uns einzelne auf die Nerven gehen, die ihr Leben als verkannte Künstler verbringen möchten). Ich bestehe nämlich darauf, dass wir – frei nach Joseph Beuys – alle Künstler sind! Selbstverständlich darf jeder nach getaner Arbeit auch einfach nichts tun. Sehr gerne. Das Spektrum ist groß: von der Oma aufpassen bis hin zum urbanen Gärtnern, vom Zweitstudium bis zum Tanzkurs.

Zwei großen Gruppen würde dies eine entscheidende Entlastung bringen, und damit übrigens auch den großen Gemeinschaften der Solidarsysteme: arbeitende Menschen würden nicht mehr so früh krank und kaputt werden, und Arbeitssuchende hätten wieder die Chance auf einen festen Arbeitsplatz und ein Einkommen.

Aber nirgends ein Schritt in diese Richtung. Im Gegenteil. Die Deregulierung der Lebensverhältnisse in Deutschland nimmt ein Ausmaß an, dass ich es allmählich für bedrohlich halte. Angstgestörte, Depressive, Kranke und Ausgelaugte, wo man hinsieht. Kein Wunder, dass sich alle möglichen Leute aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland nach Deutschland aufmachen, um hier Immobilien, Maschinen, Firmen und Know How zu kaufen. Wer sollte sie aufhalten. Wir Niedriglöhner? Wovon denn?!! Zum Schluß verkaufen wir ihnen noch unsere alte Großmutter.

Aber Hauptsache, die Wirtschaft boomt. Mit diesem Spruch weden wir alle eines Tages wie die Lemminge über die Klippe springen. Wie die Bekloppten.

11 Kommentare

  1. Du sprichst mir ja dermaßen aus der Seele.

    Ich werde neuerdings vom Staat gezwungen, neben meiner Arbeit (als Rauskucker) noch nen Einsdreißig-Job zu machen. Und es ist erschreckend, was ich dort erlebe:
    Leute, die ganz normale Arbeit zu Hungerlöhnen machen (und zwar fähige Leute, bei der Arbeit sehr engagiert und gewissenhaft, aber leider ohne jedes politische Verständnis), ohne volle Sozialversicherung, ohne bezahlten Urlaub, ohne Krankengeld etc. Und die sich dermaßen haben dressieren lassen, daß sie jede irrwitzige Kontrollregelung von „denen da oben“ bereitwillig mitmachen, sich gegenseitig bespitzeln, keinem Kollegen eine Minute früheren Feierabend gönnen, ständig auf Fehler des Anderen hoffen. Solidarität? Nix mehr da. (Naja, es sind nicht alle soo schlimm. Einge leiden auch deutlich darunter.)
    Ich habe ja letztes Jahr wieder so ein wenig Hoffnung gehabt, die überfällige Revolution vielleicht doch noch mitzuerleben. Aber mit solchen Leuten?

  2. Zum Thema „Die Deutschen und ihr Arbeitsfetisch“ habe ich mir bereits vor einiger Zeit so meine eigenen Gedanken gemacht. Wen´s interessiert kann ja gern einmal reinlesen:

    http://www.von-unten-betrachtet.blogspot.de/2012/01/arbeit-ein-deutscher-fetisch.html

    http://www.von-unten-betrachtet.blogspot.de/search/label/Arbeit

  3. Hi @ Luise

    las Ihre Lageskizze zum ganzdeutschen Erwerbsleben als berechtigt-zornige Notiz zu dem, was die da oben wirksam bei denen da unten im Erwerbsbereich anrichte(te)n: *vollkommen bekloppt* find ich zu krass, *überwiegend bescheuert* http://www.eurozine.com/articles/2008-01-07-paris-de.html tät schon reichen, denn wenn alles („vollkommen“) totalitär abgekaspert („bekloppt“) wär – könnts ja herinnen keinerlei Widerstand geben …

    1. Ich bleibe dabei:
      Ich finde die Regelarbeitszeit von 40 Stunden, auch die leicht abgespeckten Varianten (38 Stunden) heutzutage „vollkommen bescheuert“. Und zwar in Anbetracht des technischen Fortschritts der letzten 100 bis 150 Jahre, und in Anbetracht der Massenarbeitslosigkeit.
      Und ich laste diese tariflich festgelegten Bedingungen den Gewerkschaften an.
      Und den Widerstand, den du ansprichst, sehe ich tatsächlich nicht.
      Dennoch gibt es (und gab es immer) Nischen, wo andere Lebensverhältnisse und Widerstand probiert werden, so wie es auch einzelne Menschen gibt, die sich dem Druck widersetzen, ohne dass sie jedoch größere Aufmerksamkeit bekämen.
      Aber es gab ja auch immer Zeiten großer Umbrüche. Dann kommt die Stunde dieser Visionäre.

  4. Ich verstehe teilweise das meckern nicht. Ich meine, wir alle kommen auf die Welt und können uns was aufbauen. Bei den meisten ist es irgendwie Neid. Da spricht man von Hungerlöhnen usw. Aber der Fernseher ist Made in China und das Auto in Brasilien. Ein Bäcker kann von mir aus 100.000 im Monat verdienen, dann kostet aber auch die Semmel 50 Euro.

    1. diese 0/8/15 – Meinung ist wohl wirklich bescheuert! Du fängst an zu zählen bei Null; und zwar von dir aus gesehen!

        1. ach Luisa! Weiß der Teufel, was du hier verstanden hast!?

          Mich stören eher die Bonbons in so manchen Köpfen, welche sich ein System total einverleiben können, und dann perspektivisch werden!

          liebste zum 1. Mai

          1. „Grüße“ ergänze ich mal deinen Mai-Gruß …

            Ich glaube, ich hatte übersehen, dass du auf den Kömmentar 5 geantwortet hattest. Sorry, kleiner Kunstfehler von mir :-) Luise

  5. „Auch die geborenen Nichtstuer, die es immer gab,“ haben ein per Grundgesetz garantiertes Recht auf freie Entfaltung der Person. Sind diese nun keine reichen Erben, vielleicht nichtmal künstlerisch/wünstlerisch begabt, und somit in der HartzIV-Falle steckend, wird ihnen dieses Recht unter Androhung von Sanktionen genommen. Sie werden dann gezwungen, anderen Leuten, die ihren Selbstwert aus einer Arbeitsstelle beziehen, diese streitig zu machen, somit ggf. deren Recht auf freie Entfaltung im Wege zu stehen und, wegen des Überangebots an Arbeitskraft, den Lohn der übrigen Arbeitsnehmer so nur noch weiter zu drücken.

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