Der Niedergang des Journalismus am Beispiel Marion Schmidt (FTD)

Derzeit ist Bundesbildungs(!)ministerin Annette Schavan (CDU) ja in den Schlagzeilen, weil ihre „Doktorarbeit“ von abgeschriebenen (aber nicht gekennzeichneten) Passagen durchzogen ist. Und wie das bei unseren vorbildlichen Qualitätsjournalisten eben üblich ist, muss auch jemand den Part des unerschrockenen Verteidigers der „Eliten“ übernehmen. Marion Schmidt ist eine dieser Tintenknechte, die mit ihrem “Lasst Frau Schavan in Ruhe!“ (inklusive Ausrufezeichen) gerne ihren Namen in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgibt.

Annette Schavan ist als Bundesministerin für Bildung und Forschung ein Glücksfall für die deutsche Wissenschaft. In ihre Amtszeit fallen wichtige Projekte und Wettbewerbe wie die Exzellenzinitiative, Hochschulpakte. Der Etat des BMBF stieg auf über 13 Mrd. Euro – nie zuvor wurde mehr Geld in Bildung investiert.

Gestiegene Bildungsausgaben? Darf ich mal eben laut lachen? Wofür diese CDU-Ministerin gerne mal Millionen an Forschungsgeldern rauswirft, ist für Militärprojekte und für Nacktscanner.

Wettbewerb als wichtiges Projekt? Im Bildungsbereich? Also z.B. der damalige Lacher, dass Lehrer bundesweit gegeneinander ausgespielt werden? Derartige Aktionen sind genau das, was sich heute an allen Ecken als das Problem unseres Bildungssystems herausstellt – und somit alles andere als ein wichtiges (oder gar tolles) Projekt.

Exzellenzinitiative? Sogar die FAZ lacht darüber.

Hochschulpakt? Die Studienbedingungen sind miserabel[/url], weil massiv unterfinanziert.

Wann bitte hat sich Marion Schmidt das letzte mal mit neutralen Schulvertretern unterhalten? Also Leuten ausserhalb von Bertelsmann und INSM? Dann könnte man auch mal mitbekommen, dass die federführend verantwortliche Ministerin Annette Schavan sogar 100.000 demonstrierende Schüler und Studenten auslacht und abfällig von „gestrigen Aktionen“ redet.

Wir haben weit über 7 Millionen Analphabeten. Und alles, was der Schavan dazu einfiel war Lehrern Schulnoten verpassen zu wollen und irgendwelche unnützen Bildungsgipfel-Shows[/url] zu veranstalten.

Die gesellschaftsspaltenden Studiengebühren hat Schavan stets verteidigt[/url], obwohl eine Ministeriumsstudie genau diese Studiengebühren anprangert – woraufhin Schavan diese Studie natürlich sofort unter Verschluss stellte[/url]. Denn sie wollte sogar noch weiter gehen und eine private Bildungsvorsorge (Zukunftskonto genannt) einführen.

Und jetzt soll die verdiente CDU-Politikerin wegen ein paar handwerklicher Fehler in ihrer 32 Jahre alten Dissertation aus dem Amt gejagt werden?

Stimmt. Angesichts ihrer katastrophalen Bildungspolitik hätte sie schon viel früher hochkant rausgeworfen werden müssen. Das wäre das, was „die verdiente CDU-Politikerin“ tatsächlich längst verdient hätte.

Wer die Bundesbildungsministerin kennt, weiß: Schavan ist keine Blenderin. Sie hat nicht promoviert, weil es ihrer politischen Karriere dienlich sein könnte. Sie wollte ein Thema durchdringen, neue Erkenntnisse gewinnen. Als 25-jährige Studentin hat sie sich, so weit man weiß, mit großem Ernst und Fleiß ihren Studien gewidmet – und dabei offenbar den Überblick verloren.

Hach ja, die ehrliche Politikerin der CDU, nie an Karriere interessiert, stets fleissig und freundlich. Und am 24. Dezember kommt der Weihnachtsmann

Was bitte haben solche Schnullitexte mit der aktuellen Plagiatsprüfung zu tun? Richtig: Nichts. Gar nichts. Es sind absichtlich (!) geworfene Nebelkerzen. Und wenn ich an dieser Stelle mal eine Randbemerkung fallen lassen darf: Bei aufgeflogenen Verbrechern ist die Nachbarschaft auch immer völlig überrascht und gibt in Interviews zu Protokoll: „Der war soo nett, immer ordentlich, hat gerne mitgeholfen…“

Schauen wir doch mal genauer auf unsere „tolle und fleissige“ Annette Schavan. Beispielsweise auf ihr engagiertes politisches Eingreifen beim Vertuschen der katholischen Kindesmissbrauchsfälle. Oder dass sie lachend über 50 Praktikanten ohne jede Bezahlung schuften liess, sich selbst aber fröhlich für 150.000 Euro per Hubschrauber zum Papst fliegen lässt? Und Duckhome-Chef Jochen hat noch einiges mehr zu berichten.

Gibt es eigentlich noch Qualitätsjournalisten, die nur ein klein wenig recherchieren, bevor sie ihre Buchstaben in die Zeitung kacken?

Jeder, der in seinem Leben unter diesen Umständen einmal eine wissenschaftliche Arbeit angefertigt hat, weiß, wie leicht man sich, auch völlig absichtslos, zwischen Primär- und Sekundärliteratur verzetteln kann.

Hach ja, man hat sich nur „verzettelt“. Lustig, dass dies auf tausende andere (saubere) Doktorarbeiten nicht zutrifft. Insofern ist unsauberes Arbeiten eher die Bestätigung dafür, keine höhere Qualifikation zu besitzen – und somit auch keines Doktortitels würdig zu sein. Punkt.

Für derartige Möchtegerns muss dann halt auch mal ein Abitur ausreichen, statt sich vermeintlich höhere Abschlüsse zu verschaffen, deren Anforderungen man gar nicht erfüllt. Und härteres Durchgreifen würde das gockelhafte Habenmüssen derartiger Titel wohl auch endlich mal beenden. Was für unser Gemeinwohl nur von Vorteil sein kann, wenn ich mir die ruinöse Politik von „Doktor“ Guttenberg, Koch-Mehrin und Komplizen so anschaue. Da passt eine Schavan mit ihrer Arbeit sogar ganz hervorragend mit hinein.

Auf 60 von 351 Seiten hat Rohrbacher nicht korrekt zitierte Stellen entdeckt. Das ist nicht wenig. Die Qualität der Verstöße unterscheidet sich allerdings deutlich von denen, die sich Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in seiner Dissertation geleistet hatte. Er hatte seitenweise Passagen abgeschrieben. Dafür wurde ihm Anfang 2011 zu Recht der Titel entzogen.

Was soll denn bitte solch ein Vergleich? Bemessen wir jetzt Betrug nur noch am Fall Guttenberg, der zu 90 Prozent abgeschrieben hat – und lassen alle darunter laufen?

Und übrigens auch mal als Erinnerung: Es war Annette Schavan, die sich hämisch grinsend vor die Kamera gestellt hatte, als „Doktor“ Guttenberg aufflog. Zitat: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich.“

Würde man nach diesen Maßstäben alle Dissertationen überprüfen, gäbe es sicher Zehntausende Doktoren weniger in Deutschland.

Welch ein Eigentor. Zehntausende betrügen und alle schauen weg. Also soll man auch bei Schavan wegschauen?

Solche „Argumente“ sind keine Verteidigung, sondern ein Eingeständnis.

Schavan mag geschlampt haben, vielleicht auch geschummelt. Schön ist das nicht für eine Forschungsministerin. Aber reicht das, um ihr den Titel abzuerkennen und ihre politische Karriere zu zerstören?

Aber selbstverständlich. Was denn bitte sonst?

Nein.

Ja, sicherlich Für unsere Qualitätsjournaille ist klar: „Alles ganz harmlos, kleines Versehen, nicht der Rede wert…“

Einem Erwerbslosen, dessen Lebenslauf in der Behörde „abhanden kommt“, wird für zwei/drei Monate sanktioniert und in die noch tiefere Armut geprügelt. Aber journalistische Arschkriecher schmeissen sich stets verständnisvoll für „ihre Eliten“ in die Bresche. „Joah, a Hund isser schon, der Herr Baron.“ Tja und jetzt bei der BundesBILDUNGSministerin? „Sie ist nett und von der CDU. Also lasst sie in Ruhe!“ Mit Ausrufezeichen natürlich gleich in der Überschrift.

Qualitätsjournalismus, geschmacklich von ganz unten am Laternenpfahl. Und dass das gesamte FTD-Kompromat von Marion Schmidt auch noch mit Kraftwörtern wie „selbstgerechter anonymer Plagiatsjäger“ und „digitale Hetzjagd“ aufgepustet werden muss, um Substanz vorzutäuschen, spricht dann schon für sich.

Wundert sich da noch jemand, warum die Verkaufszahlen derartiger Schmierereien einbrechen? Und braucht derartiger Unfug ernsthaft noch härtere Urheberrechte?

7 Kommentare

  1. Hat die FAZ vielleicht eine Satireteil, der -um die klugen Köpfe dahinter ein wenig zu fordern- inkognito daherkommt;-).

    Es scheint derzeit der Spin zu sein, dass man doch aufpassen möge, bei der Beurteilung unserer „Eliten“ nicht in einen gefährlichen Rigorismus zu verfallen. Französische Revolution etc, -wissen schon.
    Auch die Argumentation mit den „Verdiensten“ ist wirklich lustig. Zu Ende gedacht läuft die darauf hinaus: Egal. Du darfst ruhig bescheißen. Wenn du danach Karriere machst und der Elite deine „Leistungen“ gefallen, rechtfertigt das solche Petitessen wie Betrug bei der Promotion. Wirst du aber Harzter, weil dein Praktikum doch nicht zum Job geführt hat oder weil dein Boss dich aus deinem Niedriglohnjob gefeuert hat, ist das natürlich ganz was anderes.
    Das ist einfach das besondere an Publikationen wie der FAZ: Nirgendwo sonst haben die Asozialen soviel Stil wie dort.

  2. Na, wo doch Herr zu Guttenberg gerade wieder von Herrn Seehofer einen roten Teppich ausgelegt bekommen soll… da passt das schlecht, wenn Frau S. wegen ähnlichen Deliktes ihren Hut nehmen muss, nicht?
    Das muss man doch verstehen.
    Wo die „Eliten“ soviel in Herrn zG. investiert haben – Das Volk bekommt ihn nun so oft vor die Nase gesetzt, bis keiner mehr Energie hat, zu einem Shitstorm aufzurufen.
    Und irgendwann schweigt die (Qualitäts-)Journaille dann zu dem Vergehen… und bläst zur Sympathiekampagne. Ist ja auch nur „geschummelt“.
    Aber wehe, ein Harzer hat eine Zahnbürste zuviel im Hause.

  3. Danke Andreas. Über die Systemmedien und seine Lohnschreiber ist ja schon alles gesagt.

    Das Abstimmungsergebnis auf der verlinkten Seite der FTD macht Frau Schmidt aber einen Strich durch die Rechnung.

  4. @ Andreas
    @ ALtautonomer

    Weder kenne ich diese Schurnalistin noch lese ich die einzige ganzdeutsche Tageszeitung, die unter der Woche weder´n Kulturteil noch´n Feuilleton hat.

    Und das ist auch nur gut so …

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.