Der Abschiedsbrief von Hedge Fond Manager Andrew Lahde

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Nein, keine Angst. Es ist nicht der Brief eines Selbstmörders. Es ist der Brief eines Aussteigers und eine Abrechnung mit dem Finanzmarkt und dem Kapitalismus der hier zunächst einmal im Volltext in der Übersetzung der FTD archiviert wird, da solche Text schnell aus den Internetarchiven zu verschwinden scheinen.

Um Andrew Lahde richtig beurteilen zu können, sollte man seine Erfolgsstory kennen.

Während die US-Immobilienpreise ins Bodenlose stürzten, verdiente Andrew Lahde mit seinem Hedgefonds Lahde Capital massiv: 1000 Prozent Rendite konnte der Fondsmanager jetzt verzeichnen. Erst vor einem Jahr hatte er seinen Fonds an den Start geschickt.

Lahdes Strategie ist simpel: Er hat einfach rigoros gegen den Markt gewettet – und massiv Profit daraus geschlagen, berichtet die Financial Times. Die US-Immobilienkrise mit dem radikalen Preisverfall für Eigenheime ahnte er voraus – darum vermied er es, im sogenannten Subprime-Segment zu investieren.

Stattdessen setzte Lahde auf Derivate – und spekulierte mit ihnen auf einen Einbruch der Billgkredite. Der Markt hingegen wettete auf weiteres Wachstum und verkaufte Subprimekredite mit Aufschlag von einer Bank zur nächsten.
In einem Brief an die Aktionäre rechnete Lahde vor kurzem mit der US-Bankenszene ab. „Unser komplettes Bankensystem ist ein Desaster“, kritisierte der Manager die Institute. Wenn alle Großbanken ihre Assets am Markt bewerten müssten, wären sie insolvent, legte Lahde nach.

Ach ja diese Erkenntnis stammt aus vom 26. November 2007. Er hat dann wohl noch ein wenig in Gold spekuliert, aber nun da der Verfall immer schneller und die Rettungsmaßnahmen immer irrsinniger werden, nimmt er lieber sein Geld und geht. Aber er geht nicht leise. Er schlägt die Tür mit einem lauten Knall zu.

Sehr geehrter Anleger,

heute schreibe ich nicht, um zu prahlen. Das wäre völlig unangemessen, da so viele leiden. Ich will auch nicht weitere Vorhersagen abgeben. Die meisten meiner früheren Prognosen sind eingetroffen oder werden gerade Realität. Ich schreibe vielmehr, um mich zu verabschieden.

Im „Wall Street Journal“ wurde jüngst ein Hedge-Fonds-Manager, der gerade seinen 300 Mio. $ schweren Fonds auflöst, mit den Worten zitiert: „Was ich über das Hedge-Fonds-Geschäft gelernt habe? Dass ich es hasse.“ Das kann ich so unterschreiben.

Ich habe das Spiel wegen des Geldes mitgemacht. Die Low-Hanging Fruits – sprich: die Idioten, deren Eltern für Yale und den Harvard-MBA blechen – warteten nur darauf, gepflückt zu werden. Diese Leute waren (häufig) wirklich die Ausbildung nicht wert, die sie (angeblich) erhalten haben, aber sie stiegen trotzdem in Unternehmen wie AIG, Bear Stearns und Lehman Brothers sowie in alle Ebenen unserer Regierung auf. Dieses die Aristokratie stützende Verhalten machte es mir letztlich nur einfacher, Leute zu finden, die dumm genug waren, meine Verluste auszugleichen. Gott segne Amerika.

Ich habe viel zu vielen Menschen für meinen Erfolg zu danken, aber ich will auch nicht wie ein Hollywoodschauspieler bei einer Dankesrede klingen. Das Geld war mir Lohn genug. Außerdem wissen die zahllosen Leute, denen Dank gebührt, dass sie gemeint sind.

Ich werde kein Geld mehr für andere Leute oder Unternehmen verwalten. Ich habe genug damit zu tun, mich um mein eigenes Vermögen zu kümmern. Einige Leute meinen, meinen Nettowert annähernd ausgerechnet zu haben, und wundern sich vielleicht, dass ich mit einer so verhältnismäßig kleinen Kriegskasse aussteige. Aber das ist in Ordnung, ich bin zufrieden mit dem, was ich bekommen habe.

Sollen doch andere ein neun-, zehn- oder elfstelliges Vermögen anhäufen. Aber bis dahin ist ihr Leben nichts wert. Ein Termin nach dem anderen, immer drei Monate im Voraus ausgebucht, im Januar zwei Wochen Urlaub, wo sie die ganze Zeit auf ihren Blackberry starren. Und wozu? In 50 Jahren sind sie doch ohnehin alle vergessen. Niemand wird sich an Steve Ballmer, Steven Cohen und Larry Ellison erinnern. Dieses ganze Getue, ein Vermächtnis zu hinterlassen, verstehe ich nicht. Fast jeder wird vergessen, also versucht doch gar nicht erst, euch unsterblich zu machen. Werft den Blackberry weg, und genießt das Leben!

Das war’s dann also, ich steige aus. Bitte erwarten Sie auf E-Mails oder Anrufe keine Reaktionen. (…) Ich habe kein Interesse an irgendwelchen Geschäften, für die mich andere gewinnen wollen. Zum Markt habe ich wirklich nicht viel zu sagen, außer dass es noch eine Weile, möglicherweise auf Jahre hinaus, schlimmer wird. Ich bin zufrieden, außen vor zu bleiben und abzuwarten. Auf diese Weise haben wir schließlich auch aus dem Subprime-Debakel Geld gemacht. Jetzt habe ich die Zeit zu genesen – von all dem Stress, den ich mir in den vergangenen zwei Jahren aufgebürdet habe wie schon in meinem ganzen Leben. Denn immer musste ich mit denen konkurrieren, deren Vorteile (sprich: reiche Eltern) ich nicht hatte. Möge das Leistungsprinzip Teil der neuen, unbedingt erforderlichen Regierungsform werden.

Was die US-Regierung anbelangt, hätte ich einen Vorschlag. Zunächst möchte ich auf die offensichtlichen Fehler aufmerksam machen: In den vergangenen acht Jahren wurden dem Kongress wiederholt Gesetzentwürfe vorgelegt, die den räuberischen Kreditvergabepraktiken der jetzt meist nicht mehr existenten Institute Einhalt geboten hätten. Diese Kreditinstitute haben mit schöner Regelmäßigkeit die Säckel beider Parteien gefüllt, und als Gegenleistung lehnten diese Gesetze ab, die den einfachen Bürger schützen sollten. Das ist ein Skandal, aber niemanden scheint es zu kümmern, oder niemand scheint auch nur darüber Bescheid zu wissen.

Seit Thomas Jefferson und Adam Smith hat es kaum einen würdigen Philosophen gegeben – oder zumindest keinen, der sich auf die Verbesserung unseres Regierungssystems konzentriert hätte. 200 Jahre lang hat der Kapitalismus funktioniert, doch die Zeiten ändern sich, und Systeme werden korrupt. George Soros, ein Mann von unermesslichem Reichtum, hat gesagt, er wolle als Philosoph in Erinnerung bleiben. Mein Vorschlag wäre, dass er ein Forum sponsert, in dem kluge Köpfe ein neues Regierungssystem ausarbeiten, das auch wirklich die Interessen des einfachen Mannes vertritt. Gleichzeitig sollten Anreize geschaffen werden, die so verlockend sind, dass auch die Besten und Gescheitesten bereit sind, eine Regierungsfunktion zu übernehmen, ohne dass sie mithilfe von Korruption ihre Interessen und ihren Lebensstil fördern müssten. (…) Ich glaube, es gibt eine Lösung, aber in jedem Fall ist das System derzeit eindeutig kaputt.

Nicht zuletzt möchte ich auf eine alternative Lebensmittel- und Energiequelle aufmerksam machen: Hanf. Man wird ihn in keiner Werbung von BP oder ADM erwähnt finden, aber Hanf wird seit mindestens 5000 Jahren zur Fertigung von Stoffen und Lebensmitteln genutzt und für so ziemlich alles, was aus Mineralölerzeugnissen hergestellt wird. Hanf ist nicht Marihuana und umgekehrt. Hanf ist die männliche Pflanze und wächst wie Unkraut. Die erste amerikanische Flagge wurde aus Hanffaser gefertigt, und unsere Verfassung wurde auf Papier gedruckt, das aus Hanf hergestellt worden war. Noch im Zweiten Weltkrieg bediente sich die US-Regierung seiner und erklärte es nach dem Sieg prompt für illegal.

Warum ist es in einer Zeit, in der immer und überall darüber gesprochen wird, in Sachen Energie unabhängiger zu werden, illegal, diese Pflanze in diesem Land anzubauen? Ach ja, da ist ja die weibliche Pflanze. Das Übel. Marihuana. Es macht high, bringt einen zum Lachen, verursacht keinen Kater. Im Gegensatz zu Alkohol führt es nicht zu Kneipenschlägereien oder verprügelten Ehefrauen. Warum also ist diese harmlose Pflanze illegal? Ist sie eine Einstiegsdroge? Nein, das wäre Alkohol, der in diesem Land so heftig beworben wird. Meiner Ansicht nach ist Hanf illegal, weil Amerikas Unternehmen, die den Kongress in der Hand haben, viel lieber süchtig machende Medikamente verkaufen, als das private Züchten einer Pflanze zu erlauben, das keinen Gewinn in die eigenen Kassen spült. Dieses Vorgehen ist lächerlich. Es hat dazu beigetragen, dass wir von Energiequellen im Ausland so abhängig sind. Andere Länder lachen sich über die Dummheit unserer Politik kaputt, vor allem Kanada und einige Nationen in Europa. In den US-Medien merkt man davon nichts, denn sie ignorieren das Thema. Bitte, Leute, hört auf zu reden und fangt an, darüber nachzudenken, wie wir wirklich Selbstversorger werden können.

Ich empfehle mich hiermit und wünsche viel Glück.

Mit freundlichen Grüßen

Andrew Lahde

Dem muss man zunächst nichts hinzufügen. Aber das jemand die unregulierten Märkte, miese Regierungen, falsche Eliten, falsche Ausbildungsmethoden und das Verbot des Hanfanbaus mit einer Kapitalismuskritik erster Güte in Verbindung bringt, ist schon eine reife Leistung. Noch bemerkenswerter ist allerdings dass er Recht hat.

7 Kommentare

  1. Ja, ich mag den auch :D

    Was er aber schreibt, ist absolut richtig. Hanf war lange Zeit eine der wichtigsten Kulturpflanzen überhaupt und ihr Verbot ist eigentlich mehr als kontraproduktiv, denn eine bessere Allround-Pflanze gibt es nicht. Aus der Lobbyistensicht ist es also nur logisch, dass der Anbau stark reglementiert wird und die Pflanze heute kaum Verwendung findet. Abgesehen davon, dass der Verbot schon wieder nur eine Gängelung der Menschen ist, denen so die Freiheit genommen wird sich so zu berauschen wie sie es für richtig halten… Nun ja, die Drogenpolitik ist sowieso weltweit gescheitert, da sie nur diejenigen unterstützt, die man mit grossem Aufwand versucht zu bekämpfen statt die Mittel in wirklich sinnvolle Dinge zu stecken und letztlich grenzt das schon an Idiotie, dass man überhaupt Pflanzen verbietet. Das ist aber schon wieder ein anderes Thema für sich…

    @Charity: Schwachsinnige Gesetze gilt es zu ignorieren und bürgerliches Ungehorsam auszuüben. Man muss halt nur vorsichtig sein und sich dabei nicht erwischen lassen ;)

  2. hoi josef
    wie versprochensende ich dir den abschiedsbrief eines Hedgfund Managers, der mit der Krise sehr viel geld gemacht hat…….mal was anderes….liebe gruss michael

  3. Ich begreife nicht wie man etwas verkaufen kann was man nicht besitzt, ich denke dort ist der Fehler im System zu suchen. Darf man noch etwas zu hohen Preisen verkaufen was eigentlich schon pleite ist. Wo sind da die Grenzen zum Betrug?
    Werte müssen erabeitet werden, über Spekulation darf man sich keine Werte schaffen können.
    Ich denke, die Welt muß sich vom Kapitalismus der jetzigen Form abkehren und sich eine neue Weltordnung schaffen.

  4. Unglaublich, wären ein paar andere auch mal dessen „Visionen“ gefolgt hätte man es vielleicht sogar in der Politik und bei den großen Banken mal gemerkt.

    Für Lahde natürlich nicht schlecht – Rente mit 37 – wer will das nicht..

  5. Ein Abschiedsbrief in ein schönes und entspanntes Leben – finde ich gut. Der Mann scheint sehr intelligent zu sein, aber warum lässt er dann nicht ein paar von den schlauen reichen für sich arbeiten und geht dann in Rente.

    vg
    Micha

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