Danke, David Bowie.

Ich hab vier LPs von Bowie und eine Cassette. Letztere stammt aus der Zeit, als ich dauernd mit meinem Walkman unterwegs war. Nicht lachen – das war auch nix anderes, als das was die kids heute mit ihren Stöpseln im Ohr machen. Weswegen ich auch jederzeit Verständnis dafür habe. Heute gar nicht mehr vorstellbar, was wir an Batterien verbrauchten, und vor allem immer dabei haben mußten!


Die Cassette war die “Let’s dance”, und die Musik aus dieser Phase, wo Bowie in die Rolle des Popstars schlüpfte, passte mir gerade wunderbar in den Kram, weil ich mich in der Zeit tanzend durch die Welt bewegte. Ich brauchte eigentlich nur Musik und einen Schuppen, wo man tanzen konnte, und schon war ich auf Betriebstemperatur. Drogen? Nein. Markenklamotten? Natürlich nicht. Auch keinen Alkohol, keinen Tanzpartner, keine bestimmte “Szene” – allerdings, eine Lieblingslocation gab es: das Ballhaus Tiergarten. Gibt’s leider nicht mehr.

Anfang der 80er Jahre kaufte ich mir zwei Platten, die mich in meine Spur bringen sollten. Einmal den Soundtrack eines Films mit Eric Burdon, und natürlich mit seiner Musik, “Comeback” von Christel Buschmann, gedreht in Berlin. Und dann den Soundtrack zu “Christiane F.” von David Bowie. Songs aus seiner Berliner Phase. Da kam also David Bowie nach Berlin, verstand diese Stadt und schrieb die Musik dazu. Das ganze Rohe und Raue Berlins in den 70ern und den anfänglichen 80er Jahren hörst du. Das Tempo der Stadt, das viele Unterwegs sein, das Abstoßende und das Faszinierende.

Und mich zog das magisch an. Ich war schon drauf und dran, in meiner schönen bayerischen Heimat zu resignieren, das heißt, mich Anfang 20 irgendwie in diesem beschränkten Lebensraum einzurichten – und dann fuhr ich zum ersten Mal nach Berlin, mit meinem Soundtrack im Ohr, und war sofort infiziert. Kurze Zeit darauf kam ich mit einem Koffer und meinem Schlafsack hier an und blieb. Jetzt war ich wieder “unterwegs”. Die Geranien in Bayern müssen seitdem andere kultivieren. Ich pflege meine Baumscheibe in Kreuzberg, und staune jedes Jahr, was da unter meinem stetigen Kampf gegen den Dreck der Großstadt, alles wächst: wilde Veilchen zum Beispiel!

An Veilchen dachte ich damals allerdings nicht. Nein, ich war einfach auf Trip – und wie gesagt, ganz ohne Drogen. Das Lebensgefühl im Berlin der 80er Jahre reichte vollkommen aus. Bowie schrieb das in die Berliner Songs hinein und gab das Tempo vor. Und ich bin David Bowie sehr sehr dankbar dafür.

Noch heute kann ich mit meinen Erinnerungen an diese Zeit auf der Linie 1 U-Bahn fahren, vor allem das Stück zwischen Gleisdreieck und Schlesisches Tor, wo sie als Hochbahn gebaut ist und sehe dieses harte und häßliche Kreuzberg mitsamt seinen Einwohnern, die “armen Verwandten” in Berlin, wie ich manchmal sagte. Aber es war unser Bezirk, den wir liebten. Und die Musik, die ich dabei höre …

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