Berufswunsch Pirat

“Ah ja, ich sehe, Dirk Radeberger. Und Sie wollen also Pirat werden. Kein Problem, dieser Beruf ist im Moment nicht so überlaufen wie Web-Designer oder Zahnarzt. Natürlich müssen wir von der Berufsberatung, des Amts für Stellenzuweisung prüfen, ob Sie sich für diese Aufgabe überhaupt eignen. Na bitte, eine Fünf in Betragen und zwei Verweise wegen Zwischenrufens. Das sieht doch schon gut aus. Wie viele Lehren haben Sie bisher abgebrochen?” Dirk rieb sich verwundert die Augen. Das mit Shitrauchen auf Ecstasy sollte er wohl doch lieber bleiben lassen. Auch der Alkohol bekam ihm anscheinend nicht mehr. “Lassen Sie nur, ich habs schon. Na klar. Gas, Wasser, Scheiße. Nach den Wernerfilmen wollten das alle. Ach, Autoschlosser und Glaser. Und Bäcker geschmissen, wegen Mehlstauballergie. Ja, so früh möchte ich auch nicht aufstehen. Dann Hilfsarbeiter beim Grünen Punkt. Sieht gut aus, wenn der Werbefuzzi im Fernsehen die Dosen in Bagger verwandelt, und sieht auch so sauber aus. Aber Müllsortierung, das stinkt doch wie tote Ratten. Und nun also Pirat.” Dirk begann sich langsam Sorgen um sich selbst zu machen. Verdammt diese Bude sieht doch aus wie so ein verdammtes Arbeitsvermittlerbüro. Auch die Tusse passt hier hin. Büromaus mit quergestreiftem dreifarbigen Pullover in Erdtönen, Dauerwelle und schwarer Kunstoffbrille vor grüner Plastikschreibtischunterlage mit Bildern vom Liebsten. War doch ein Scherz mit dem Piraten. Gibts doch schon lange nicht mehr. Ob der Trip vor zwei Wochen …? Oder hat die Olle vielleicht selber geraucht? “Nun zu Ihren Vorstrafen. Mehrfacher Ladendiebstahl. Zweimal leichter Raub und mehrfach Drogenkonsum. Na, das hört sich doch schon vielversprechend an. Verstoß gegen die Bewährungsauflagen, leichte und mittelschwere Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Gut, diese Körperverletzungen geben nicht viel her, waren ja nicht wirklich gefährlich. Bisschen Blut hätte da schon fließen sollen.” Sie blickte ihn vorwurfsvoll über die Brille hinweg an. Dirk kratzte sich am Bart und sah sich verstohlen nach Kameras um. Entweder ist die Alte irre, oder im Stoff war ‘ne Menge Opium. Oder vielleicht ist das ‘Verstehen Sie Spaß’, und ich krieg ‘ne Reise nach Mallorca geschenkt. “Der Bart ist in Ordnung und die Haare sind lang genug. Nur mit dem Waschen sollten Sie aufhören, das passt nicht so richtig ins Bild. Dass Ihnen kein Auge fehlt, auch kein Fuß und noch nicht mal ein Arm, ist nicht so schön, aber Sie sind ja noch jung, das kann ja noch kommen. Auch die Kleidung ist viel zu ordentlich. Piraten in Designer-Jeans kommen nicht vor. Ein paar Ketten und ein Hut oder Stirnband und Risse in der Kleidung wären nicht schlecht.” “Sie meinen also wirklich, ich könnte Pirat werden? So ein richtiger wie Störtebeker oder Blackbird? Beute machen auf allen Meeren?”, ging Dirk auf ihr Spiel ein. “Ob Sie Beute machen, liegt nicht an mir. Das liegt an Ihrem Kapitän. Auf allen Meeren meinetwegen, aber die deutschen Behörden stellen Kaperbriefe nur für die Nord- und Ostsee aus, und nur da greifen die Regeln der deutschen Piratengewerkschaft. Ansonsten sind Sie frei, anzuheuern, wo immer Sie wollen. Aber mit Ihren Fremdsprachenkenntnissen … obwohl, eigentlich ist es egal, ob Sie die Sprache verstehen, in der Sie um Ihren Anteil der Beute betrogen werden oder nicht. So ist es halt Brauch bei den Piraten.” Dirk wollte die Sache nun beenden, bevor sie ihm ganz über den Kopf wuchs, und so fragte er: “Bei wem muss ich denn nun mein Bewerbungsschreiben abgeben? Wir sind immerhin 400 km vom nächsten Hafen entfernt.” “So förmlich sind wir bei Piraten nicht. Da wird nicht viel geschrieben. Lassen Sie mich mal schauen. Da wäre die ‘Seute Deern’, ach nein, die vielleicht besser nicht, die suchen erfahrene Vergewaltiger. Aber hier, die ‘Bunte Kuh’ unter Kapitän London, nicht sehr erfolgreich, aber die haben ein paar Cannabis-Frachter aufgebracht und auch zwei Schiffe mit Aquavit. Das wär doch was für Sie, da ist wenigstens für gute Stimmung gesorgt.” Dirk nickte ergeben und wollte eigentlich nur noch weg. “Sehr schön”, sagte die Sachbearbeiterin, tippte ein bisschen auf ihrer Tastatur herum, ließ einen Laserdrucker rascheln, sah auf und lächelte Dirk an. “Damit sind Sie nun Pirat. Die ‘Bunte Kuh’ wird am Montagabend in Wolgast anlegen. Da haben Sie ja noch ein ganzes Wochenende, um sich von Ihren Freunden und der Familie zu verabschieden. Schleppen Sie nicht zuviel Gepäck mit, das Schiff ist klein, und keine elektrischen Geräte, es gibt keinen Strom. Ach ja, dieses Schreiben berechtigt Sie, auf der Hinfahrt kostenlos die Deutsche Bahn zu benutzen. Der Zug geht am Montag um 7 Uhr 30, mit Umsteigen in Brandenburg. Viel Spaß mit Ihrem neuen Job.” Dirk ergriff die Papiere und verließ fluchtartig den Raum, stürzte die Treppe hinunter und aus dem Gebäude. Draußen auf der steinernen Brüstung der Treppe, saß Uwe und hatte die größte Tüte aller Zeiten in Brand gesteckt. Dirk riss ihm die Tüte aus der Hand und nahm einen tiefen Zug. Er besah die Papiere in seiner Hand. Da stand tatsächlich: Pirat auf der ‘Bunten Kuh’, und in einem schwarzen Kästchen, dass dieser Beruf nun endgültig sei. Er nahm einen neuen Zug, setzte sich hin und gab Uwe die Tüte zurück. Schweigend ließen sie die Tüte zwischen sich hin- und herwandern. Dann hielt es Dirk nicht mehr aus. “Das ist doch irre, weißt du, was mir gerade passiert ist? Du wirst es nicht glauben. Ich bin jetzt Pirat. Nun rasten die alle völlig aus. Pirat im Dezember 2003. Vielleicht sollte ich mit den Drogen aufhören.” Uwe winkte nur müde lächelnd ab. “Hat keinen Sinn, diese Behörden kannst du nüchtern eh nicht ertragen. Schau dir meinen an.” Dabei reichte ihm Uwe einen ähnlichen Zettel. Darauf stand unter Beruf: Drachenjäger im Südharz. Dabei gibt es doch kaum noch Drachen im Südharz.