Autorenvorstellung – Stefan M. Fischer

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Homepage von Stefan M. Fischer

Stefan M. Fischer fand erst mit 21 Jahren durch den Tod seiner Mutter die Liebe zum Geschichtenerzählen. Anfangs war Schreiben für ihn eine Art Therapie. Mittlerweile ist es ihm eine Herzensangelegenheit.

Da ihm vieles am Herzen liegt und er sich gern ausprobiert, lassen sich seine Arbeiten nicht in spezielle Genres verpacken.

Leseprobe aus „Das Mondgeheimnis“:

Über ihrem Bett hing ein Kruzifix. Die Farbe unter Jesus’ Knien war abgeblättert, so oft hatte Alena es in den Händen gehalten und ihre Stirn im Gebet an diesen Beinen wund gerieben.
Sie zog die Decke bis zum Kinn und starrte in das Mondlichtdunkel. Ihre Hände zitterten, noch immer wirkte der Albtraum nach. Papa saß auf der Bettkante, der Tür zugewandt. Hoffentlich noch die ganze Nacht, dachte sie. Den Kopf hatte er auf die Hände gestützt. War er eingeschlafen?

Sie sah zu dem eingerahmten Foto auf dem Nachttisch. Er war darauf zu sehen, auf einer Wiese, vor zwölf Jahren, mit ihr als Baby auf dem Arm.

Vergeblich tastete sie nach dem Stoffmond, ihrem Tröster, und er­spähte seine Umrisse unendlich weit entfernt auf dem Stuhl neben der Kommode.

Sie befühlte mit der Zunge die Kruste an der Unterlippe und wider­stand dem Drang, sie aufzubeißen. Mit dem Deckenzipfel wischte sich Alena den Schweiß von der Stirn, dann stieg sie auf der anderen Seite aus dem Bett, so geräuschlos wie möglich und schlich am Fenster vor­bei. Sie warf einen Blick auf die Tanne im Garten. Der Schnee glitzerte auf dem Wipfel.
Drei Schritte später klemmte sich Alena den Stoffmond unter den Arm. Sie schlich zurück, auf dem Dielenboden fiel ihr ein dunkler Fleck auf. Alena beugte sich vor und erkannte einen eingetrockneten Bluts­tropfen. Das musste vor wenigen Tagen passiert sein. Sie hatte unter dem Fenstersims gekauert, die Rippen des Heizkörpers im Rücken, den Tröster im Schoß, und sich die Lippe blutig gebissen.

Alena legte den Stoffmond neben das Kopfkissen. Noch einmal schlich sie durch das Zimmer zur Kommode und durchsuchte die Schubladen. Sie fand eine offene Packung Tempos neben einem gläser­nen Reh und dem Foto vom Strandurlaub. Ihr älterer Bruder Milan war darauf zu sehen, und ihre Mutter. Er hatte seine Beine eingegraben, seine grüne Badehose lugte unter dem Sand hervor. Ihre Mutter saß im Bikini auf einem Badetuch, die Haut noch ohne Brandnarben.
Alena wollte das Foto zerknüllen, es in kleine Stücke reißen, zog die Hand aber wieder zurück. Sie sah über die Schulter zu Papa, drehte das Bild um und stellte das gläserne Reh darauf.

Dann rubbelte sie mit dem Taschentuch und ein bisschen Spucke die Stelle vor dem Fenster sauber und warf das schmutzige Tempo in den Papierkorb.

Vor dem Bett blieb sie stehen und griff sich den Stoffmond. Sie streichelte über den gelben Plüsch und ertastete die ausgefranste Stelle am Rand. Flaum schimmerte hindurch. Alena hatte Angst, dass ihn die nächste Wäsche zerfleddern könnte. Ihre Mutter zu bitten, die Wunde des Trösters zu nähen – das wagte sie nicht.
Sie schlüpfte unter die Decke, leise, nicht, dass Papa wach wurde, und hielt den Stoffmond gegen den Bauch gedrückt.
»Mama!« Die Stimme kam aus dem Flur, Milans Stimme. Er klang erschrocken.
Alena krallte die Finger in den Tröster. Bestimmt hatte ihr Bruder wieder einmal an der Tür gelauscht und war von der Mutter ertappt worden.

»Milan!«, hörte sie Mutter in der Schärfe sagen, die Alena so fürchtete. »Was machst du da?«

»Ich … ich wollte nur ins Bad und … und da hab ich sie gehört! Papa und …«

Alena kauerte sich zusammen und presste den Stoffmond zwischen die zitternden Knie. Sie stellte sich die beiden vor: Neben der Kom­mode mit dem Telefon zog Milan den Kopf ein, den Blick auf den eisernen Zeitungsständer am Boden fixiert, während Mutter die welligen Narben am Hals rieb und auf Antwort wartete.

Papa stand auf, die Matratze gab nach. Er streckte sich und gähnte. Bleib da, wollte Alena rufen. Bleib da!
Die Tür ging auf und eine Gestalt erschien im Türrahmen, ihre Mut­ter. Alena zerbiss die Kruste an der Unterlippe. Papa blieb neben dem Bett stehen, vom Flurlicht eingefangen und nestelte an seinem Hosen­bund. Sein Hemd war zerknittert. Alena schlüpfte aus dem Bett und versteckte sich darunter.
»Was machst du hier?«, hörte sie die Mutter.
»Hedvika, ich …«
»Dieses Schwein!«, schnaufte Milan mit erstickter Stimme.
Auf Papas Pantolette schimmerte ein Fettfleck. Alena rutschte weiter nach vorn und hielt sich am Bettpfosten fest, während sie dem Gesche­hen zusah.

»Wie konntest du nur?«, wisperte Mutter. Ihre zitternde Hand hielt den Türgriff umkrallt. Sie hatte sich den blauen Morgenmantel nur um­gelegt. Die Ärmel wippten. Vornübergebeugt stand sie da und blickte auf den Läufer vor Alenas Bett, mit der anderen Hand fingerte sie an ihrem Nachthemd. Papa ging auf sie zu und nahm ihre Hand von der Klinke. »Aber Hedvika, was hab ich …?«
»Geh weg von mir!« Sie riss sich los, wich zurück und sah ihn an wie einen Fremden. »Bleib mir bloß vom Leib!« Sie rieb ihren Hals und kratzte mit den Fingernägeln weiße Striemen auf das Narbengewebe.
»Hör auf damit! Du kratzt dich noch blutig.«

»Alles deine Schuld!« Sie drehte sich um und stürzte aus dem Zimmer. Der Morgenmantel rutschte ihr von den Schultern und blieb auf dem Gang liegen, während sie um die Ecke verschwand. Eine Tür knallte ins Schloss, ein Schlüssel wurde umgedreht, Alena hörte Mutter schluchzen. Papa ging ihr nach, und als er aus Alenas Blickfeld verschwunden war, sah sie Milan mit zornesrotem Gesicht vor der Kommode stehen. Sein Lieblings-T-Shirt, das schwarz-gelbe, hatte er verkehrt herum angezo­gen.
»Hedvika, mach auf. Bitte!« Papas Stimme. Ein Türklopfen.
»Hau ab! Ich will dich nicht mehr sehen«, schrie Mutter mit tränen­erstickter Stimme.
»Hedvika …«
»Arschloch«, zischte Milan.
»Jetzt reicht’s aber!«
Alena sah ihren Papa auf Milan zustampfen, sah, wie er ihn an den Oberarmen packte. Sie rutschte unter dem Bett hervor zur Wand und blinzelte hinter dem Türrahmen in den Flur. Wie könnte sie die beiden trennen?
»Bürschchen …«
»Lass mich los!« Milan wand sich.
Papa rüttelte ihn. »Was fällt dir ein? Bist du verrückt geworden?«
»Lass Milan in Frieden!« Eine Tür wurde zugestoßen.
Alena duckte sich, als sie Mutter mit den verheulten Augen sah. Die Kratzspuren an ihrem Hals waren gerötet. Drei Schritte, dann verfing sich ihr Fuß im Morgenmantel und sie fiel auf die Knie.
Papa stieß einen spitzen Schrei aus. Milan hatte gegen sein Schienbein getreten und sich losgerissen. Papa boxte ihn gegen die Brust. Milan kippte hintenüber und ruderte mit den Armen. Er fasste nach der Kommodenkante und zog eine Zeitschrift mit hinunter, während sich der braune Läufer vor seinen Füßen wellte. Ein lautes Knacken brach durch das Geräusch der zu Boden flatternden Zeitschrift.

Alena sah den eisernen Zeitungsständer neben Milans Kopf. Der Bruder röchelte. Zwei Atemzüge, drei, dann erschlaffte Milan. Die Augen hatte er weit aufgerissenen, der Blick war leer.
»Um Gottes willen!«, rief ihre Mutter, mühte sich auf die Beine und kniete vor Milan nieder. »Karel! Was hast du getan?« Sie bettete Milans Kopf in ihren Schoß und strich ihm die Haare aus der Stirn. Die Röte wich mehr und mehr aus seinen Wangen.
Papa trat einen Schritt zurück, stieß gegen die Kommode und seine Finger tasteten fahrig umher.
»Wach auf«, flüsterte Mutter. »Wach auf«, flehte sie. Ihre Finger krampften sich in Milans Arme. »Wach auf, wach auf, wach auf!« Sie schaute auf. »Ruf einen Krankenwagen! Schnell!«

Papa fasste nach dem Hörer. Der rutschte von der Gabel und knallte auf den Boden.
Mutters Nachthemd färbte sich rot. Langsam hob sie die Hand und schrie, während Blut von ihren zitternden Fingern tropfte. Alena klam­merte sich am Türrahmen fest, als Papa die Eingangstür aufriss. Er warf sie hinter sich ins Schloss. Alena wollte ihm nach, wollte nicht allein gelassen werden, mit ihrer Mutter und Milan. Sie hörte Papas Schritte im Treppenhaus, und eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel.
»Karel! Komm zurück!«, rief Mutter hinterher.
Alena raffte sich auf, lief zum Fenster und spähte nach ihm.
Laternen beleuchteten die schneebedeckte Straße, über die sich eine Traktorspur zog. Das Mondlicht umriss die Häuser.
Der Schneemann im Garten hatte die Karottennase verloren. Davor lagen verschneit der Schlitten von Milan und ein roter Handschuh.
»Du sollst zurückkommen«, wimmerte Mutter, »zurückkommen … bitte …«
Alena sah ihren Papa und legte eine Hand auf die Scheibe. Sie fühlte die eisige Kälte, die ihm zu schaffen machen musste. »Komm zurück«, murmelte sie, und ihre Worte beschlugen das Glas. Er stolperte durch das Weiß, fiel auf die Knie, stemmte sich wieder hoch. Er schüttelte Schnee von den Händen, dann lief er in der Traktorspur, vorbei an den Nachbarhäusern. Er verließ die Straße und hastete einen Hügel hinauf, Alena konnte ihn bald nicht mehr sehen.
»Hallo? Pejsarova hier. Bitte! Kommen Sie schnell. Mein Sohn! Er blutet stark. Und verständigen Sie die Polizei.«

Als Alena hörte, wie der Hörer aufgelegt wurde, schlüpfte sie schnell unter das Bett. Die Mutter betrat das Zimmer und knipste das Licht an.
»Wo bist du?«, schrie sie. »Du Hure! Ich bring dich um!«
Alena kniff die Augen zusammen und versuchte fieberhaft, an das Märchen von der Sonnenprinzessin zu denken. Das tat sie immer, wenn die Angst unerträglich wurde. Sie presste die Hände auf die Ohren, während sie lautlose Worte murmelte.


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