Was machen wir bloß mit diesem Schulz?

Seien wir ehrlich. Niemand hat damit gerechnet, dass die Ausrufung des EU-Filzokraten Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten der SPD einen derartigen Hype auslöst und sogar einen Wahlsieg möglich erscheinen lässt. Um aus dem Umfragetief herauszukommen, hätte die Partei zwar auch den Pförtner des Willy-Brandt-Hauses als Nachfolger der komplett verbrannten Sigmar Gabriel benennen können. Doch von Umfragewerten von 30% und mehr und persönliche Beliebtheitswerten auf Merkel-Augenhöhe hätte wohl auch der optimistischste Sozi nicht zu träumen gewagt.

Schulz hat es geschafft, so etwas wie Aufbruchstimmung zu verbreiten. Er setzt dabei auf gefühligen Sozialpopulismus und verspricht u.a. „Korrekturen“ bei Hartz IV, Leiharbeit und befristeter Beschäftigung und bessere soziale Sicherung für die „hart arbeitenden Menschen“, geißelt die „Exzesse“ bei den Managervergütungen, Gerne gibt er sich ein wenig zerknirscht und will „Vertrauen zurückgewinnen“.

Die Partei wird ihrem Hoffnungsträger nahezu willenlos folgen. Und es ist abzusehen, dass er zu den Linken und den Grünen abgewanderte SPD-Anhänger teilweise zurückgewinnen wird, aber auch von einem gewissen Überdruss an Merkel profitieren könnte, die – zermürbt von den Grabenkämpfen in ihrer Partei – den Großteil ihrer Landemutti-Aura eingebüßt hat.. Sogar der Vormarsch der AfD könnte auf diese Weise zwar nicht zum Erliegen gebracht, aber etwas eingedämmt werden., zumal diese Partei gerade einen offenen Richtungsstreit zwischen Wirtschaftsliberalen, Nationalkonsertiven und Neofaschisten ausfechten muss.

Für die LINKE könnte der Schulz-Hype zum Desaster werden. Falls seine verbale „Rückbesinnung auf sozialdemokratische Werte“ vom Wahlvolk tatsächlich für bare Münze genommen werden sollte, droht ihr ein beträchtlicher Absturz, denn wer braucht schon eine sozialdemokratische Kopie, wenn das Original anscheinend wieder verfügbar ist. Jetzt rächt sich sich, dass die Partei in erster Linie nicht als konsequente soziale und gesellschaftliche Oppositionskraft, sondern als Regierungspartei im Wartestand wahrgenommen wird. Über zentrale Fragen wie das Verhältnis zu NATO und EU, das Bündnis mit der Türkei, Waffenexporte, Auslandseinsätze der Bundeswehr, die Schuldenbremse, eine armutsfeste, sanktionsfreie Grundsicherung, eine grundlegend andere Steuerpolitik u.v.a.m. bräuchte ein erstarkter Schulz mit den LINKEN nicht einmal verhandeln, wenn er auch noch die Option einer Großen Koalition unter seiner Führung hätte. Entsprechend weinerlich und hilflos fallen auch die Reaktionen der LINKEN-Spitze auf den Schulz-Hype aus.

Natürlich ist noch nichts entschieden. Keiner weiß, welche Verwerfungen sich im transatlantischen Gebälk noch entwickeln werden und was das für ökonomische Folgen haben wird. Ähnliches gilt für die Zentrifugalkräfte innerhalb der EU. Aber man kann es drehen und wenden wie man will: Gute Aussichten sind das nicht.

Schluss ist, wenn der Schiri pfeift, ihr HONKS!

Angesichts der großen Aufregung über den vergangenen Spieltag der Bundesliga wird es höchste Zeit für ein paar Klarstellungen von kompetenter Seite, also von mir.

1.) Bayern München hat gegen Hertha BSE hat am Sonnabend in der letzten Sekunde der Nachspiel-Nachspielzeit den Ausgleich erzielt. Das ist zweifellos bitter, kommt aber vor.

2.) Die ursprüngliche Nachspielzeit von fünf Minuten war vollkommen berechtigt, da in der Schlussviertelstunde mehrere Herthaner mit Krämpfen auf dem Spielfeld behandelt werden mussten und Herthas Torwart bei Abstößen bereits wegen Spielverzögerung ermahnt wurde..

3.) Während der Nachspielzeit hat Hertha im Minutentakt drei Auswechselungen vorgenommen, um Zeit zu gewinnen. Das gibt dem Schiedsrichter natürlich das Recht, auch diese Zeit noch nachspielen zu lassen.

4.) Kurz nach Anbruch der sechsten Minute der Nachspielzeit, wurde ein Bayern-Spieler kurz vor dem Strafraum gefoult, was der Schiedsrichtier sofort gepfiffen hat Dann ist es quasi zwingend, dass der entsprechende Freistoß auch noch ausgeführt wird.

 

Die Lösung dieser des öfteren auftretenden Problematik wäre die Einführung einer „effektiven Spielzeit“, wie sie auch beim Handball und beim Basketball, Hockey, Eishockey, Handball und , Wasserball gilt. Das würde beim Fußball bedeuten, dass die Uhr angehalten wird, wenn sich der Ball nicht im laufenden Spiel befindet, also z.B. bei Verletzungen, Auswechselungen, vor Torsabstößen und Einwürfen. Nach Ablauf der effektiven Spielzeit wäre dann definitiv Schluss. Aber auch dann würde ein bereits gepfiffener Freistoß noch ausgeführt werden. Eine entsprechende Neuregelung würde aber nur Sinn machen, wenn sie international umgesetzt würde, daher ist in absehbarer Zeit nicht damit zu rechnen.

Ansonsten geht in der Liga alles seinen Gang. Bayern wird Meister werden, vor Leipzig und Dortmund. Für den 4. Platz hat wohl Hoffenheim die besten Karten. Allerdings könnten noch mehrere Mannschaften mitmischen, vor allem Frankfurt Hertha und Köln. Diese drei haben allerdings in der Hinrunde eher über ihren Verhältnissen gespielt und sind recht schwach in die Rückrunde gestartet. Daher ist auch nicht auszuschließen, dass auch die allmählich zu ihrer „Normalform“ findenden Teams von Leverkusen und Schalke noch in den Kampf um die europäischen Fleischtöpfe eingreifen.

Überspringen wir mal die Abstiegszone, sowie 2. und 3. Liga und begeben uns in die Niederungen der 4.Spielklasse, Abteilung Nordost. Mein Moabiter Heimatclub BAK 07 ist nach etlichen witterungsbedingten Spielabsagen endlich in die Rückrunde gestartet, mit einem Auswärtssieg bei Meuselwitz. Zwar konnte damit der 3. Tabellenplatz in der Regionallige und der Status als „3.Kraft“ im Berliner Fußball (hinter Hertha und Union) gefestigt werden, doch Jena und Cottbus sind bereits ziemlich enteilt. Wird wohl wieder nichts mit dem ersehnten Aufstieg in die 3. Bundesliga. Und das ist – neben dem Fehlstart vom ruhmreichen, göttlichen SChalke 04 – das eigentliche Drama dieser Spielzeit

Ich war “beim Griechen”

Früher war die Welt in Westberlin für unsereins noch überschaubar. In den 70er und 80er Jahren ging der weltgewandte Linke nach einer der unzähligen Sitzungen, Veranstaltungen und Aktionen „zum Italiener“ oder „zum Griechen“ . Bei Ersterem gab's in der Regel Pasta oder Pizza bestenfalls einigermaßen erträglicher Qualität. Berüchtigt vor allem das Kultgericht schlechthin; „Spaghetti carbonara“ mit eine Sahnesoße (sic!!), Begleitet wurde dies von schlechtem Wein und zum Abschluss „auf Kosten des Hauses“ eine petroleumartige Flüssigkeit, bei der es sich angeblich um Grappa handelte.

Der Grieche“ (egal welcher) verdankte seine Beliebtheit der Tatsache, dass er alle Speisen, vom Salat über den Schafskäse bis zum Gyros, in unglaublichen Mengen Olivenöl ertränkte. Außerdem gab es eine Spezialität: Panierte, frittierte, unverdauerliche Gummiringe die als „Calamaris“ firmierten. Auch hier gab es dazu schlechten Wein, der , anders als beim Italiener, noch eine spezielle verfaulte Note aufwies („Retsina“) Der Schnaps „auf's Haus“ schmeckte zwar auch nach Petroleum, hieß aber „Ouzo“. Dir Portionen waren meist riesig, die Preise ausgesprochen billig und gratis dazu gab es eindrucksvoll verqualmte Räumlichkeiten und einen hohen Geräuschpegel.

Warum viele dieser Etablissements bis zum heutigen Tag überlebt haben, ist mir ein Rätsel. Denn mittlerweile hat sich Westberlin gastronomisch durchaus diversifiziert, und die hippe, urbane Avantgarde wie auch das linke Jungvolk bevorzugt mittlerweile Falafel, Sushi und vor allem vegane Pampe aller Art.

Eines der Relikte der „guten alten Zeit“ ist die „Kreuzberger Weltlaterne“ in der Kohlfurter Straße. Die müsste zwar eigentlich „Taverna XY“ heißen, tut sie aber nicht. Als „Grieche“ wird diese Ur-Kreuzberger Stampe seit über 40 Jahren geführt. Mein letzter Besuch in diesem Laden dürfte immerhin rund 30 Jahre zurückliegen.

Einiges hat sich nicht verändert. Der Laden ist an diesem Sonnabend proppenvoll, mit Mühe bekommen wir einen kleinen Zweiertisch. Die Bedienung ist ist nahezu ansteckend freundlich und zumindest im Nebenraum ist die Atmosphäre ausgesprochen familiär. Das leigt wohl daran, dass da heute die sind, die schon vor 30-40 Jahren hier einkehrten, jetzt aber zusammen mit Kindern und Enkeln. Auf dem Tisch auch nicht mehr übervolle, qualmende Aschenbecher, sondern Tablets, Smartphnoes und pädagogisch wertvolles Spielzeug.

Voll Old School ist die Speisekarte: Tzaziki, Taramas, Souvlaki, Soutzukakia, Calamaris und all die anderen Merkwürdigkeiten, die man eigentlich nie wieder essen wollte, jedenfalls nicht so zubereitet, wie es über Jahrzehnte üblich war. Einzige Konzession an den Zeitgeist ist eine „vegane Moussaka“.

Wir beginnen mit einem kleinen Teller Calamaris. Die Panade der kleinen Ringe und Füße ist nicht mehr so eklig wie früher, doch gummiartige Konsistens und Geschmacksneutralität sind geblieben. Also reichlich Zitrone rauf und rein damit. Und natürlich was trinken: Auch der Retsina ist weniger aufdringlich als früher, aber so richtig anfreunden kann ich mich mit dem Harzgeschmack nicht. Dann noch ein überraschend trockener weiér griechischer Landwein. Aromatisch zwar eher neutral, aber mit gutem Säutebiss

Dann der Hauptgang, aber bitte nur die kleinen Portionen, denn das Normalformat ist genauso üppig wie früher. Wir wählten Gyros bzw. Soutzukakia mit Tzaziki,Salatbeilage und Oregano-Kartoffeln. Tzaziki und Salat ganz o.K., jedenfalls ohne Ölteppich, Kartoffeln aber etwas matschig. Gyros wie immer, aber die Soutzukakia eher merkwürdig. Auf dem Teller keine Hackfleischröllchen, sondern zwei verdächtig nach TK-Ware aussehende Burger—Patties mit leicht hellenisierter Würzmischung. Dann natürlich noch der obligatorishce Ouzo „auf's Haus“, die schmale Rechnung, und wir beendeten unseren kleinen Ausflug in die eigene Vergangenheit. Und das zu einer Zeit, wo man früher erst anfing, richtig zu trinken. Das ist vermutlich das Alter.

Fazit: Der Laden ist irgendwie ausgesprochen angenehm. Aber was das Essen betrifft wird „der Grieche „ wohl immer „der Grieche“ bleiben.

 

 

Das Buch!

Da ist es endlich! Mein kleines, aber feines Standardwerk zur Geschichte und Gegenwart von Reformpolitik. Unverzichtbares Rüstzeug für den kommenden Bundestagswahlkampf. Wer sich als Rezensent bei mir gemeldet hat, wird es bald im Briefkasten haben, alle anderen sollen es gefälligst KAUFEN! Und ich warte weiterhin auf Angebote für Lesungen und Diskussionen.

Anbei eine kleine Kostprobe

Gibt es ein »Reformlager«?

Diese Frage kann man uneingeschränkt mit Ja beantworten. Es gibt sogar nicht nur eins, sondern ganz viele Reformlager. Bei genauerer Betrachtung kommt man gar zu dem Schluss, dass Deutschland ein einig Land von Reformern ist, denn jede relevante Partei hat umfangreiche Reformpläne für diverse Bereiche im Angebot. Nicht zu vergessen die mächtigen Institutionen und Verbände, die ebenfalls lauthals Reformen fordern.

Schwieriger wird es, wenn sich die Frage auf ein »fortschrittliches« oder gar »linkes« Reformlager bezieht. Als solches wird – aktuell im Vorfeld der kommenden Bundestagswahl – eine mögliche Koalition aus SPD, Grünen und Linken in Stellung gebracht, gesellschaftlich ergänzt durch Gewerkschaften, Sozialverbände, Teile der Kirchen, Verbraucher-, Umwelt- und Mieterschutzorganisation usw.

Würde man die Zustimmungsraten zu einigen Anliegen dieser Parteien und Verbände einfach addieren, käme man in der Tat auf eine ziemlich große gesellschaftliche Mehrheit für eine fortschrittliche Reformpolitik.Leider funktioniert das aber nicht, weil die jeweils angestrebten politischen Ziele für sich genommen in großen Teilen recht vernünftig erscheinen mögen, mitunter aber nicht miteinander vereinbar sind. Ein Beispiel: Vor allem die Grünen und Umweltverbände fordern einen möglichst schnellen Ausstieg aus der Förderung und Verstromung von Kohle sowie mittelfristig ein Verbot von Autos, die mit fossilen Brennstoffen wie Benzin und Diesel betrieben werden. (..) Damit beißen sie aber nicht nur bei der CDU, sondern auch bei der SPD, großen Teilen der Gewerkschaften und, was die Kohle betrifft, auch bei Teilen der Linken (besonders in Brandenburg) auf Granit, da diese den Verlust von Arbeitsplätzen und große strukturelle Verwerfungen in einigen Regionen befürchten. Und was Autos betrifft, gibt es auch bei den Grünen inzwischen einen einfluss­reichen Flügel, der die Konzerne – besonders im »grün-schwarz«-regierten Baden-Württemberg – nicht übermäßig erschrecken will.

Wenig Gemeinsamkeiten

Andere Frontverläufe gibt es bei der »Schuldenbremse« und der damit verbundenen restriktiven Haushaltspolitik. Während Linke, Sozialverbände und große Teile der Gewerkschaften dieses neoliberale Dogma in Frage stellen und besagte Bremse lockern beziehungsweise abschaffen wollen, stehen Grüne und SPD zur Austeritätspolitik. Ohnehin ist schwer verständlich, wie man ausgerechnet die SPD als Bestandteil einer möglichen »linken Reformmehrheit« jenseits der CDU/CSU definieren kann. Was auf kommunaler und Landesebene zumindest denkbar erscheint, ist auf Bundesebene wohl schier unmöglich. Die Partei steht nach wie vor nicht nur zu Kriegseinsätzen der Bundeswehr, sondern auch zu den Hartz-Gesetzen und zur tendenziellen Absenkung der gesetzlichen Renten. Ihre steuerpolitischen Vorstellungen sind weit von einer wirklichen Umverteilung von oben nach unten entfernt, was aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für dringend notwendige Sozialreformen wäre.

(..)

Auch die Gewerkschaften sind nicht so ohne Weiteres in Gänze einem »fortschrittlichen Reformlager« zuzuordnen. Besonders im großindustriellen Bereich werden oftmals die Geschäftsinteressen der jeweiligen Konzerne vertreten, weil man sich im Gegenzug auskömmliche Löhne und sichere Arbeitsplätze verspricht. So unterstützte die IG Metall die Idee, deutsche Kampfdrohnen zu entwickeln, und tritt auch keineswegs für ein Verbot von Rüstungsexporten ein. Lobbyis 116ten der Chemieindustrie und der IG BCE agieren Hand in Hand, wenn es um die Zukunft der Braunkohle, die Verhinderung höherer Umweltstandards und die Zulassung bedenklicher Stoffe und Verfahren geht. Auch die IG BAU hat die Interessen ihrer Mitglieder fest im Blick und fordert große Steuergeschenke für private Investoren im Wohnungsbau. Bei Fragen des Verbraucherschutzes – einem traditionellen Steckenpferd der Grünen – findet man Gewerkschaften nicht selten auf der »anderen Seite«. Umweltverbände und mit ihnen auch große Teile der grünen Kli entel scheren sich wiederum wenig bis gar nicht um soziale Belange.

Während die SPD besonders in Großstädten und Ballungsräumen nach Jahren des wohnungsbaupolitischen Nichttuns nunmehr endlich auf forcierten Neubau und Nachverdichtung auch in innerstädtischen Bereichen setzt, wollen unheilige Allianzen aus grünen Umweltschützern und linken Bewahrern »gewachsener Strukturen« beziehungsweise »Freiräumen« eben genau das verhindern (…)

Schluss mit dem Nachhaltigkeitsterror

Der folgende Text erschien heute in der Wochenendbeilage von “Neues Deutschland” und ist dort nur für Abonnenten abrufbar.

Das Leben in der liberalen Wohlstandsgesellschaft ist ziemlich kompliziert geworden. An jeder Ecke lauern unzählige Weggabelungen und Fallstricke, die den „bewusst lebenden“ Menschen vom Pfad der Tugend abzubringen drohen. Wer sich dem Diktat der Nachhaltigkeit widersetzt, wird bestenfalls nur belächelt oder schief angeguckt, oftmals aber regelrecht ausgegrenzt. Das informelle Regelwerk ist umfangreich, unübersichtlich und teilweise widersprüchlich. Es greift in alle Lebensbereiche ein und ist vielseitig auslegbar. So taugt Nachhaltigkeit auch hervorragend als neoliberaler Kampfbegriff, wenn es etwa um die Kürzung von Renten oder strikte Austeritätspolitik geht. Schließlich müsse man nachkommende Generationen vor hohen Staatsschulden bewahren. Auf der anderen Seite dient sie als Klammer für esoterischen Irrationalismus bis hin zur Verehrung von faschismusaffinen, rassistischen Naturphilosophen wie Rudolf Steiner, dem wir nicht nur die Waldorf-Schulen, sondern auch die biodynamische Landwirtschaft zu verdanken haben. In den urbanen Mittelschichten ist Nachhaltigkeit zum Distínktionsmerkmal geworden, in den Werbeagenturen und PR-Abteilungen zum zentralen Verbreitungs- und Vermarktungsargument für Ideologien, Produkte und Dienstleistungen.

Wer sich in diesem Sinne gründlich daneben benehmen will, hat viele Möglichkeiten. Man kann beispielsweise den Kauf von Bio-Lebensmitteln verweigern, das „Fairtrade“-Siegel konsequent ignorieren, Pauschalreisen buchen, regelmäßig Fleischprodukte zu sich nehmen, die häusliche Stromversorgung nicht aus 100% erneuerbaren Energien bestreiten, sein so genanntes Übergewicht gleichmütig zur Kenntnis nehmen und bei der Behandlung von Krankheiten auf die „Schulmedizin“ vertrauen.. Dann ist man schon ein ziemlich schlechter, nicht bewusst lebender Mensch, der sowohl an seinem eigenen Verfall, als auch am drohenden Untergang der menschlichen Zivilisation ein gerütteltes Maß Schuld trägt. Dabei sind die Verdikte zunehmend aggressiver agierender Sektenpropheten, wie z.B. Veganern und anderen Selbst- und Weltoptimierern, noch gar nicht berücksichtigt, denn da hängt die Latte noch wesentlich höher.

Die informellen Diktate der Nachhaltigkeitsideologie haben einiges gemeinsam. Sie enthalten stets ein paar Körnchen Wahrheit, aber auch jede Menge Lügen. Sie sind über kurz oder lang stets marktkompatibel und politisch in viele Richtungen instrumentalisierbar. Beginnen wir mit „bio“, sozusagen der Basisversion der bewussten Lebensführung. Die in Deutschland stetig wachsende Nachfrage nach ökologisch angebauten Lebensmitteln führt in vielen Anbauländern längst zu jenen desaströsen Monokulturen, Umwelt- und Naturzerstörungen, die durch diese Art der Landwirtschaft eigentlich überwunden werden sollten. Besonders augenfällig ist das in einigen spanischen Provinzen, wo vor allem Tomaten, Paprika, Gurken und Erdbeeren zunehmend „ökologisch“ für den deutschen Markt angebaut werden. Dieser Boom bringt den örtlichen Großbauern und den hiesigen Groß- und Einzelhändlern zwar satte Profite, aber die Böden in großen Teilen Andalusiens sind längst ausgelaugt, die Grundwasserknappheit ist dramatisch, der Blick streift nicht über Gemüsefelder, sondern über ein schier endlosen Meer von Plastikplanen. Längst kämpfen Umweltschützer gegen die neuen Megafarmen „die im Namen von bio die Natur zerstören“, wie es Marcos Diéguez von der Gruppe Ecologistas en Acción  im November im „stern“ formulierte. Doch davon will der deutsche Bio-Kunde ebensowenig wissen, wie von den Arbeitsbedingungen der meist nord- und schwarzafrikanischen Saisonarbeiter, die dort für unseren „nachhaltigen Konsum“ tätig sind. Und das gilt auch für die Massentierhaltung, die in der deutschen Biobranche vor allem für die Eier- und Milchproduktion längst Standard ist.
Doch man zahlt gerne einen Aufpreis für ein gutes Gefühl, denn auch in Bezug auf Qualität und Verträglichkeit lebt die Bio-Branche in erster Linie von liebevoll gepflegten Mythen. So sehen das auch ausgewiesene Kritiker der konventionellen, industrialisierten Landwirtschaft wie die Stiftung Warentest oder die Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Es gebe „keine belastbaren Beweise, dass Bionahrung per se vorteilhafter für die Gesundheit ist", sagte deren stellvertretender Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt in einen Interview. Auch Geschmackstests lassen in der Breite keine Vorteile für Standardprodukte aus ökologischer Erzeugung erkennen. Natürlich gibt es Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Möhren, Äpfel und Birnen oder auch Eier, Milchprodukte und Weine, die eindeutig besser schmecken als andere. Aber das Ökosiegel ist dafür alles andere als ein verlässlicher Indikator. 

Daher hat sich in der Biobranche mittlerweile ein Edelsegment etabliert. Produkte von Verbänden wie Demeter und Bioland werden nach deutlich strengeren Kriterien zertifiziert. Sie machen aber nur einen Bruchteil des Angebots aus und sind zudem nochmals deutlich teurer. Also setzt die Branche noch einen drauf, gemäß dem Motto: „Regional ist das neue bio“. Lebensmittel aus dem Umland, mit kurzen Transportwegen und Lagerzeiten? Auch das ist wenig mehr als gefühliger Schwindel, wenn man mal von kleinen Direktvermarktern und Produkten mit offiziell zertifizierter geschützter geografischer Herkunftsangabe absieht. Der Begriff regional ist gesetzlich nicht definiert. Bei verarbeiteten „regionalen“ Produkten können die Rohstoffe von sonstwoher kommen, und auch die Milch von der „regionalen“ Molkerei hat oft sehr weite Wege hinter sich. Bei Obst und Gemüse ist es auch mit dem oft zitierten „ökologischen Fußabdruck“ nicht so gut bestellt, wie es der „bewusste“ Käufer gerne hätte. Der monatelang im Kühlhaus gelagerte Apfel von nebenan  hat auf seinen Lebensweg zum Käufer im Frühjahr jedenfalls deutlich mehr Energie verbraucht als ein saisonal geernteter Importapfel aus anderen Teilen der Welt.

Natürlich will fast niemand auf Produkte aus fernen Ländern vollständig verzichten. Ein Asketismus, der den Verzicht auf Kaffee, Tee, Bananen, Mangos, Pfeffer, Reis u.v.a.m. beinhaltet, ist selbst  unter ausgewiesenen Freunden von „Nachhaltigkeit“ und „Regionalität“ nur eine marginale Randerscheinung. Für den perfekten Selbstbetrug gibt es in diesen Fällen das „Fairtrade“-Label. Dies suggeriert eine hohen moralischen Anspruch. „Faire“ Preise für die Erzeuger, die damit die Lebensbedingungen der Arbeiter vor Ort verbessern, beispielsweise durch höhere Löhne, den Bau von Wohnungen Schulen und die Gewährleistung medizinischer Versorgung. Auch hier gilt: Man zahlt seinen Ablass für ein gutes Gewissen und guckt lieber nicht etwas genauer hin. Dokumentiert sind etliche Fälle in Lateinamerika und Afrika, wo selbstversorgende Kleinstbauern vertrieben wurden, um Platz für lukrative, exportträchtige „Fairtrade“ -Monokulturen zu schaffen. Auf den Bildern von glücklichen Kindern, die jetzt dank „fairtrade“ eine Lehmhütte als Schulgebäude haben, ist davon leider nichts zu sehen. Auch ist es den Betrieben erlaubt, nur einen Teil ihrer Produktion zu zertifizieren bzw. bei verarbeiteten Produkten muss für das begehrte Siegel nur ein bestimmter Teil der verwendeten Rohstoffe aus „fairer“ Herstellung kommen. Ein schönes Beispiel für diesen Etikettenschwindel schilderte vor zwei Jahren die Verbraucherzentrale Hamburg. Ein Eiskaffeehersteller schraubte seinen Anteil an fair gehandelter Ware von sechs auf 60 Prozent hoch, indem er bei den Zutaten das Wasser und den Wasseranteil der Milch heraus rechnete. Ohnehin kommt von dem beträchtlichen Aufpreis, der hier für „Fairtrade“-Produkte gezahlt wird, nur ein Bruchteil bei den Produzenten an, der Rest landet bei Zertifizierungsstellen und in Form von Extraprofiten bei Groß- und Einzelhändlern.

Allerdings geht der Nachhaltigkeitsschwindel nicht nur durch den Magen. Individualreisende und Ökotouristen in fernen Gefilden sorgen in ihrer Gesamtheit zumindest mittelfristig für ähnliche soziale und ökologischer Verwerfungen wie die Nutzer von Bettenburgen auf Malle und den Malediven. Die Sinnlosigkeit des Bezugs von teurem Ökostrom sollte angesichts der Ausweitung der Kohleverstromung in Deutschland eigentlich auf der Hand liegen, vom europäischen Stromverbund ganz zu schweigen.

All dieser und vergleichbarer Humbug wäre vernachlässigenswert – wenn er nicht mit dem Impetus der moralischen Überlegenheit zelebriert würde. Oder gar mit der Überzeugung, dass man schließlich „etwas tut“ für die soziale und ökologische Zukunft der Menschheit. Dabei müssten wir tatsächlich „etwas tun“, nämlich gesellschaftliche Rahmenbedingungen für nachhaltige Entwicklung im umfassenden Sinne zu schaffen. Mit dem Kassenzettel vom Biomarkt als Ablassquittung und der Fairtrade-Banane auf dem Obstteller kommt man in dieser Hinsicht jedenfalls keinen Schritt weiter. Also lasst uns gefälligst unbehelligt essen und trinken, was uns schmeckt und preislich angemessen erscheint, Geld bei der Wahl des Stromanbieters sparen, den Urlaub verbringen, wie wir es mögen und dabei auch ganz viel Unvernünftiges tun.

Lehren aus der Causa Holm: Vergesst endlich Die LINKE in Berlin

Das unwürdige Trauerspiel hat ein Ende. Andrej Holm ist von seinem Amt als Bau- Staatsekretär zurückgetreten und damit seinem bereits beschlossenen Rauswurf zuvorgekommen. Mit Holm hatte die LINKE einen profilierten Stadtsoziologen und Gentrifizierungskritiker in den Senat geholt, der sich nie zu schade war, aus dem universitären Elfenbeinturm zu den stadtpolitischen Initiativen und Kiez-Mietergruppen „herab zu steigen“ – und dort auch kräftig mit anzupacken, wie ich es konkret in Moabit erlebt habe.

Für die LINKE war die Berufung von Holm – der zu den schärfsten Kritikern der „rot-roten“ Wohnungspolitik in der Hauptstadt von 2002-2011 gehörte – natürlich auch der Versuch, neuen Kredit bei Mietergruppen und anderen außerparlamentarischen Sozialbewegungen zu erhalten. Der ist mit seinem schnellen Rauswurf bereits wieder komplett verspielt.

Als Vorwand für seine schnelle Demontage, die von einer Medienkampagne wie zu besten Zeiten des Kalten Kriegs begleitet wurde, diente ein Personalfragebogen der Humboldt-Universität aus dem Jahr 2005, in dem Holm eine hauptamtliche Tätigkeit für das Ministerium für Staatsicherheit der DDR – kurz „Stasi“ – verneint hatte. Es gibt die Auffassung, dass es sich bei seiner 1989 begonnenen Ausbildung als Offiziersschüler (die nach fünf Monaten mit dem Ende der DDR ebenfalls endete), um eine hauptamtliche Stasi-Tätigkeit gehandelt hat, während Holm sich darauf beruft, dies eben als Ausbildung im Rahmen seines Wehrdienstes angesehen zu haben. Die arbeitsrechtliche Bewertung dieser „Falschangabe“ steht noch aus, von einer konsistenten historischen Bewertung ganz zu schweigen. Daraus, dass er sich bereits als 14jähriger für eine spätere Laufbahn beim MfS verpflichtet hatte, machte Holm nie einen Hehl, unter anderem 2007 in einem großen Interview in der taz, wo er seine Beweggründe dafür schildert und sich auch eindeutig von diesem System distanziert.

Doch darum geht es nicht. Vielmehr wollten SPD und Grüne dem Koalitionspartner LINKE ganz schnell zeigen, wo der Hammer hängt. Und für den alten Westberliner Wohnungsbaufilz war Holm als Staatssekretär ohnehin der Leibhaftige.

Natürlich ist die LINKE eingeknickt, anstatt klipp und klar zu sagen: „Holm bleibt oder wir gehen“. Regierungsbeteiligung ist für die beiden „Clans“, die die Berliner LINKE als Familienbetrieb führen, schon lange ein Wert an sich.

Die „rot-rot-grüne“ Koalition wird jetzt natürlich weitermachen. Wer mit dieser Konstellation noch immer die Hoffnung auf einen Politikwechsel verbindet, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Für alle anderen heißt es: Ärmel aufkrempeln und gemeinsam mit Holm außerparlamentarisch für eine soziale Wohnungspolitik, gegen Verdrängung und Spekulation zu kämpfen.

Denn Holm hat sich mit seinem erzwungenen Rücktritt nicht heimlich durch die Hintertür davon geschlichen, sondern gleich am Montag eine knallharte Erklärung zu den Vorgängen abgegeben und für den Abend zu einem ersten Treffen eingeladen. Bleibt zu hoffen, dass es gelingt, diesem verfilzten Senat und dieser verrotteten LINKEN in der Stadt, etwas entgegen zusetzen. Es ist höchste Zeit.

 

 

Eine Welt ohne Bundesliga ist möglich – aber sinnlos

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Bundesliga ist, wenn 18 Mannschaften in einer Doppelrunde gegeneinander spielen und am Ende der FC Bayern Meister wird und der HSV (warum auch immer) nicht absteigt. Natürlich ist dieses eherne Gesetz ein ziemlicher Spannungskiller, dennoch hatte die Hinrunde in dieser Saison einiges zu bieten.

Wie schon in den Vorjahren zu beobachten, spielen einige Vereine bislang weit über ihren eigentlichen Verhältnissen. Das gilt diesmal vor allem von Hertha BSE, Eintracht Frankfurt, den 1.FC Köln, aber auch den FC Freiburg. Es spricht allerdings wenig dafür, dass diese Klubs ihre derzeitigen Positionen bis zum Saisonende verteidigen können.

Durchaus erwartbar dagegen die Bilanzen von SAP Hoffenheim (bislang ungeschlagen) und Dosenplörre Leipzig. Das Hassobjekt aller „traditionsbewussten“ Fans verfügt nicht nur über enorme finanzielle Mittel, sondern auch über eine Erfolg versprechende Mannschafts- und Spielphilosophie: Nur junge Spieler wurden in den vergangenen drei Jahren eingekauft, die allerdings vom Feinsten (Poulsen, Selke etc.). Auf dem Feld wird 90 Minuten gerannt und gepresst, dass so manchem arrivierten Gegner schwindlig wurde. Gegen Bayern in guter Form reicht das noch nicht, das 3:0 am Mittwoch war eine Lehrstunde. Doch ein 2. Platz am Saisonende wäre keine Überraschung.

Die Loser der Vorrunde sind zweifellos die westdeutschen Traditionsvereine und Bayer Leverkusen. Schalke legte mit einer neu formierten Mannschaft einen desaströsen Saisonstart hin (Fünf Niederlagen), erholte sich dann sichtlich, um schließlich von einer kaum fassbaren Verletzungsserie heimgesucht zu werden. Sturm und Verteidigung bestehen derzeit fast nur aus Spielern, denen ihr 18. Geburtstag noch in recht frischer Erinnerung sein dürfte. (Reese, Kehrer, Avdijaj usw.) Für die Gurken-Gegner in der Euro-League reichte das, für den Bundesliga-Mainstream nicht. Doch der Klub bewahrt Ruhe, was wohl die eigentliche Überraschung ist. In der 2. Saisonhälfte wird es mit Sicherheit nach oben gehen, aber die Champions League ist schon jetzt in arg weiter Ferne.

Leverkusen und Gladbach befinden sich offensichtlich in eine regressiven Phase. Von dem teilweise begeisternden Offensivfussball der letzten Saison ist kaum noch etwas zu sehen, die Systeme funktionieren nicht, vor allem das Umschaltspiel von der Abwehr zum Angriff. Ob sich das zeitnah mit neuen Trainern beheben lässt, bleibt abzuwarten, wobei Leverkusen die besseren Karten hat.

Auch der unter dem Fake-Namen Borussia Dortmund bekannte Klub aus Lüdenscheid-Nord bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Zwar liegt man als derzeit 6. nur drei Punkte hinter einem direkten Champions-League-Platz, doch für den vermeintlich einzig Ernst zu nehmenden „Bayern-Jäger“ ist das natürlich viel zu wenig. Offensichtlich konnten die Abgänge von Gündogan und Hummels bislang nicht kompensiert werden. Dennoch verfügt der BVB über einen Top-Kader und mit Thomas Tuchel über einen nahezu mythisch verklärten „Wundertrainer“. Warum eigentlich? Ja, Tuchel hat einen Underdog wie Mainz zu erstaunlichen Erfolgen geführt, doch „da oben“ wird die Luft offensichtlich dünner. Vielleicht ist er ja der derzeit am meisten überschätzte Trainer der Bundesliga. Denn was sich der BVB derzeit regelmäßig an Abwehrpatzern auch gegen eher limitierte Gegner leistet, lässt sich nicht aus der Qualität der einzelnen Spieler ableiten, sondern spricht für systemische Mängel.

Bleibt ein Blick nach unten. Wie immer haben es Aufsteiger, die in der Euphorie ihrer 1. Saison in der Bundesliga über sich hinaus wuchsen, in der Folgesaison extrem schwer. Das gilt diesmal für Ingolstadt und Darmstadt. Beide sind jedenfalls heiße Kandidaten für den direkten Abstieg. Natürlich wünscht sich jeder Humanist, dass es endlich den Scheiß-HSV erwischt, doch der wird sich wohl wieder auf den Relegationsplatz retten.

Zum Schluss meine ultimative Prognose für die Abschlusstabelle der Bundesliga, und bekanntlich liege ich (fast) immer komplett richtig. Bayern wird Meister, gefolgt von Leipzig, Dortmund und Hoffenheim. Um die Euro-League-Plätze balgen sich Hertha, Frankfurt und Leverkusen, vielleicht (die Hoffnung stirbt zuletzt) auch noch Schalke. Der Rest kämpft um die berühmte Goldene Ananas, die Absteiger nannte ich schon.

Ach so: Natürlich gewinnt der FC Bayern erneut NICHT die Champions League.

Fröhliche Weihnachten mit Erdogan

Natürlich ist es absurd, dass in einer staatlich anerkannten deutschen Schule in Istanbul keine Weihnachtslieder gesungen und Adventskalender mehr gebastelt werden dürfen. Und es ist auch vollkommen richtig, sich darüber aufzuregen.

Aber es ist auch eine willkommene Ablenkung von den eigentlich wichtigen Geschehnissen. In der Türkei herrschen in trauter Eintracht staatliche Willkür und islamistischer Mob , man kann ohne Übertreibung von faschistischem Terror sprechen. Fast alle gewählten Bürgermeister der demokratischen Oppositionspartei HDP sowie deren Führungsspitze und diverse Parlamentsabgeordnete sitzen im Gefängnis. Ein Schicksal, das sie mit tausenden Journalisten und Lehrern teilen. Überall im Land werden die Büros der HDP angezündet, besonders im kurdischen Teil der Türkei sind Lynchmorde an der Tagesordnung.

In Deutschland lebende Türken werden offiziell aufgefordert, Oppositionelle zu denunzieren , die staatliche Religionsbehörde, als deren verlängerter Arm in Deutschland DITIB agiert, schickt sich an, hiesige Moscheevorstände zu säubern. Auch hier häufen sich gewalttätige Übergriffe auf Vereine und Einzelpersonen, die vom AKP-Regime als „Terroristen“ angesehen werden, wobei dies mittlerweile ein Sammelbegriff für alles und alle ist, die den Kurs von Erdogan nicht unterstützen.

Die Bundesregierung und die Behörden quittieren das mehr oder weniger mit einem Achselzucken. Man stützt und bezahlt das Erdogan-Regime, damit es uns die Flüchtlinge vom Hals hält. Man schickt auch weiterhin Waffen in Türkei, die u.a. gegen die kurdische Zivilbevölkerung oder die – offiziell eigentlich unterstützten – kurdischen Milizen in Syrien eingesetzt werden.

Hat das alles was mit dem Islam zu tun? Ja und nein, aber das will ich hier nicht weiter vertiefen. Offensichtlich ist allerdings, dass der sunnitische Islam offensichtlich die Grundlage für diktatorische und eliminatorische Strömungen bildet, sei es in Form des IS, sei es in Form des türkischen (und auch saudischen) Staatsterrorismus. Solche Ausprägungen gibt es allerdings auch unter schiitischer Flagge, wie die jüngere Geschichte des Iran veranschaulicht.

Religion ist nach unserem Staatsverständnis Privatsache. In diesem Sinne ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut, das niemand in Frage stellen sollte. Dazu gehört auch der Bau von Moscheen. Das heißt aber auch, dass jeglicher normative Anspruch von Religionen auf die Ausgestaltung von Rechtsverhältnissen und säkularen Grundprinzipien strikt unterbunden werden muss. Das spezielle Arbeitsrecht der christlichen Kirchen gehört daher ebenso auf den Müllhaufen, wie das Recht der türkischen Religionsbehörde, in deutschen Moscheen nach eigenem Gutdünken zu agieren. Und es geht auch um die „weltliche“ Ebene. Natürlich gibt es viele gute Gründe und Notwendigkeiten, faschistische Organisationen wie die NPD oder „Freie Kameradschaften“ zu verbieten. Doch es darf auch keine Toleranz für die faschistische Propaganda von Erdogan-Anhängern geben. Im Gegenteil: Der deutsche Staat muss hier lebende, oppositionelle Türken und Kurden mit allen Mitteln davor schützen.

Tut er aber nicht. Weil Erdogan ein „wichtiger Verbündeter“ ist. Na dann: Frohe Weihnachten.

 


 


 

 

Prost, Genossen!

In der Wochenendausgabe des “Neuen Deutschland” vom 17/18. Dezember wurde mein “linkes Weihnachtsmenü” aufgetischt. Da der Text im Internet nur für Abonnenten abrufbar ist, veröffentliche ich ihn auch hier, ergänzt durch Hinweise auf die erwähnten Weine

Anständig die Plauze vollhauen

Kann man auch beim Weihnachtsessen den Klassenstandpunkt beibehalten? Von Rainer Balcerowiak

Sich mit der Familie oder Freunden anständig die Plauze vollzuhauen, gehört nach wie vor zu den beliebtesten Weihnachtsritualen in Deutschland. Dabei haben sich im Laufe der Jahrhunderte eindeutige Präferenzen für die Art der Völlerei entwickelt. Wie eine Untersuchung der Hochschule Anhalt in Bernburg ergab, soll es an den Feiertagen in der Regel immer noch der klassische Braten sein, in der Reihenfolge Gans, Ente und Pute. Dazu Grün- und/oder Rotkohl sowie Klöße bzw. gekochte Kartoffeln. Als Nachspeise erfreut sich Rote Grütze mit Vanillepudding nach wie vor großer Beliebtheit.

Aber einfach so essen, was alle essen, kommt für gestandene Linke als ausgewiesene Nonkonformisten natürlich nicht infrage. Auch in den Momenten der Völlerei verlieren wir niemals unseren Klassenstandpunkt und unsere internationalistische Gesinnung. Scheinreligiöse Besinnlichkeit ist uns fremd, vielmehr nutzen wir das Fest kurz vor dem Jahresende für eine Bilanz der nationalen und internationalen Klassenkämpfe – was sich natürlich auch auf den Tellern und in den Gläsern auf dem mit rotem Tuch ausgelegten Esstisch widerspiegelt. Entsprechend sorgsam, ja nahezu dialektisch-materialistisch wird das Weihnachtsmenü zusammengestellt.

Allerdings müssen manchmal noch ein paar Klippen umschifft werden. Was machen wir, wenn sich die Teilnahme von einem oder gar mehreren Veganern an dem Weihnachtsschmaus beim besten Willen nicht vermeiden lässt? Möglicherweise haben sich ja enge Familienangehörige dieser Sekte angeschlossen. Doch auch dieser Herausforderung begegnen wir mit marxistischer Analyse und revolutionärer Praxis. Dabei ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt auf unserer Seite. Einschlägige Händler bieten mittlerweile beliebig formbare Soja- oder Weizenpampe in jeglicher Konsistenz an. Dazu noch ein kleines Sortiment Lebensmittelfarbe, und man kann so ziemlich jedes Gericht in einer veganen Variante nachbauen. Einfacher hat man es mit den ebenfalls zahlreicher werdenden Anhängern von Paläokost. Sie bekommen das, was man für die anderen Gäste kocht, einfach roh auf den Teller. Im Notfall bliebe noch die gute alte Losung »Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt.«

Aber jetzt kann es endlich losgehen. Beginnen wir mit der Vorspeise. Ja, es sind wirklich harte Zeiten für die französische Linke. Eingeklemmt zwischen dem Vormarsch der Rechtspopulisten und einer neoliberal gewendeten Sozialdemokratie hat sie die schwierige Aufgabe, glaubwürdige Alternativen zur herrschenden Politik zu formulieren und im Volk zu verankern. Wir fühlen uns mit ihnen verbunden und tischen auf, was auch bei keinem anständigen französischen Weihnachtsmenü fehlen darf: Pro Person ein halbes Dutzend Austern, dazu Baguette. Die Solidarität unterstreichen wir mit einem deutschen Wein, der noch dazu nahe der französischen Grenze an der südlichen Mosel gedeiht: Elbling trocken 2015 von Stephan Steinmetz, der mit seiner dezenten Frucht und knackiger Säure die leicht salzigen Austern wunderbar ergänzt.

Falls es Gäste gibt, denen sich schon beim Gedanken an Austern der Magen umdreht, wären Muscheln eine Alternative, die werden immerhin nicht roh verzehrt. Aber wenn, dann auf bretonische Art in Weißwein mit Lauch und Knoblauch, sonst wackelt die Symmetrie des internationalistischen Menüs.

 

Kein linkes Weihnachtsmenü ohne anständigen Wein!

Natürlich darf aus politischen und kulinarischen Gründen auch ein Abstecher nach Italien nicht fehlen. Die sozialdemokratische Renzi-Regierung hat sich mit dem gescheiterten Verfassungsreferendum aus dem Orbit geschossen, das Bankensystem wackelt bedrohlich, die Arbeitslosigkeit hat besonders bei jungen Erwachsenen einen dramatischen Stand erreicht. Auch hier ist die Linke in einer schwachen Position, Rechtspopulisten und die schwer einzuordnende Chaos-Bewegung des gelernten Komikers Beppe Grillo sind auf dem Vormarsch. Aber genusspolitisch wird Italien auch für deutsche Linke immer eine Inspirationsquelle bleiben. Wir setzen unseren Schmaus daher mit einem Steinpilz-Risotto fort. Das mag – ähnlich wie die Austern – arg extravagant oder gar snobistisch anmuten, handelt sich aber in beiden Fällen um feste Bestandteile der kulinarischen Alltagskultur dieser Länder. Beim Risotto darf man gerne auch getrocknete Steinpilze verwenden, Hauptsache, man nimmt den richtigen Reis. Auch hier bleiben wir bei unserer Linie und senden einen Weingruß aus Deutschland an die gebeutelten Nachbarn. Fündig wird man unter anderem in Franken, wo das Weingut Popp den »Julius-Echter-Berg 2015«, einen sehr ungewöhnlichen, ausgesprochen fülligen Silvaner im großen Holzfass reifen lässt. Die erdigen Noten der fränkischen Paradesorte sind – gepaart mit dezenter Holzwürze und reifen Mandel- und Birnenaromen am Gaumen – optimaler Partner für das Pilz-Risotto, sozusagen Ausdruck einer großen deutsch-italienischen Freundschaft.

Bei einem an der politischen Lage Europas orientierten Weihnachtsmenü dürfte eigentlich ein Schwenk nach Großbritannien nicht fehlen. Zum einen war die Brexit-Entscheidung eines der wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres. Zum anderen sind in der Labour Party erstmals seit langen Phasen neoliberaler Dominanz wieder sozialistische Kräfte auf dem Vormarsch. Man würde sich gerne bei einem Gang mit den britischen Genossen freuen und auf sie anstoßen. Aber wie soll das gehen? Gehackte Innereien mit Minze? Vielleicht sogar Fish and Chips? Und das alles mit Cider runterspülen? Nö, Genossen, bei aller solidarischen Verbundenheit – was zu weit geht, geht zu weit.

Außerdem gibt es auch in unserem Land einiges zu reflektieren. Gefühlte 50 Jahre Merkel und kein Ende absehbar. Siegeszug der AfD und große Probleme, darauf eine schlagkräftige Antwort zu finden. Dennoch sollte sich kein Linker einer gewissen Heimatverbundenheit verschließen. Wer aber nicht auf dem Teller haben will, was auch Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Frauke Petry auftischen, verzichtet auf Gans und Ente und greift auf heimisches Wild zurück. Wir bleiben dabei bodenständig, meiden den edlen Rehrücken und greifen zur Wildschweinkeule mit Kartoffel-Maronen-Plätzchen und Rotkohl. Und um der Bodenständigkeit die Krone aufzusetzen, kredenzen wir dazu einen schwäbischen Rotwein. Der »Bönnigheimer Sonnenberg 2013 Lemberger« von Christian Dautel bietet am Gaumen herbe und saftige Beerenfrucht, Sauerkirsche, enorm viel Würze (vor allem Holunder) und ein bisschen Pfeffer. Und er ist garantiert nicht natural, schwefelfrei, bio-vegan-dynamisch oder in der bei Vollmond eingegrabenen Amphore vergoren, wie es derzeit Mode ist, sondern einfach nur richtig gut.

Es liegt aus naheliegenden Gründen auf der Hand, eine Nachspeise aus zweierlei roter und einer grünen Grütze zu bereiten. Das halten einige ja sogar für das Topgericht des kommenden Jahres. Beim Servieren muss man allerdings sehr sorgsam vorgehen, damit sich das nicht zu einem ungenießbaren Brei vermischt. Vor allem die aus Sauerkirschen zubereitete, etwas dunklere Rote Grütze sollte klar erkennbar bleiben. Zur süßen Nachspeise gehört natürlich ein süßer Wein. Und so beschließen wir unsere politisch-kulinarische Weihnachtssause mit einem feinen Morio Muskat von Felix Waldkirch aus der Pfalz. Kein bisschen klebrig und parfümiert, wie diese Rebsorte leider meistens daherkommt. Sondern klare, süße Frucht, knackige Säure und ein feiner Muskatton. Derart gestärkt können wir den Herausforderungen des kommenden Jahres mit revolutionärem Optimismus ins Auge schauen.

Zu den Austern (notfalls Muscheln) gibst den Elbling trocken 2015 von Stephan Steinmetz. Erhältlich für 5,40 Euro ab Hof

Das Steinpilzrisotto begleiten wir mit dem Iphöfer Julius Echter-Berg Silvaner trocken im Holzfass gereift 2015 vom Weingut Ernst Popp für 11,90 ab Hof.

Dem Brandenburger Wildschwein gönnen wir den Bönnigheimer Sonnenberg Lemberger trocken 2013 vom Weingut Dautel für 19,80 bei wirwinzer

Und der liebliche Morio Muskat  Kabinett 2015 darf dann die rot-rot-grüne Grütze umschmeicheln. Denn gibt es beim Weingut Felix Waldkirch für 6,60 Euro ab Hof

Wohl bekomm’s.

Angst vor dem „Pöbel“

Christian Baron beschreibt in seinem Buch die Entfremdung der Linken von den unteren Schichten.

Christian Baron hat es geschafft. Als erster Spross seiner pfälzischen Arbeiterfamilie hat er nicht nur das Abitur erreicht, sondern auch erfolgreich Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik studiert. Derzeit arbeitet der 31jährige Autor als Feuilletonredakteur bei der überregionalen linken Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Wer so einen Weg absolviert, hat viel zu erzählen. Auch deswegen hat Baron ein Buch geschrieben. „Proleten, Pöbel, Parasiten – warum die Linken die Arbeiterklasse verachten“ lautet der Titel. Es beginnt mit der Geschichte von „Modernisierungsverlierern“ in seiner Heimatstadt Kaiserslautern, die durch den Niedergang des einst führenden Nähmaschinenherstellers Pfaff aus dem Arbeitsleben geschleudert wurden und keinen Anschluss mehr fanden. Menschen, die Jahrzehnte in unsanierten Bruchbuden leben mussten, weil der Preis für bessere Wohnungen im Arbeitslosengeld oder später im Hartz-IV-Regelsatz nicht vorgesehen ist. Es ist eine kulturelle Lebenswelt, in der teilweise viel getrunken wird, in der ein schwächelnder Fußballklub und das nachmittägliche TV-Programm eine recht große Rolle spielen. In der es aber auch eine sehr spezielle Form vom Empathie und Gemeinschaft gibt.

An der Universität Trier lernte Baron eine andere Welt kennen, und schnell wurde ihm deutlich, dass er nicht „dazu gehört“, denn “nur denjenigen, deren Eltern (..) zumindest eine solide bürgerliche Herkunft führen., öffnet diese Gesellschaft den Schlagbaum“, schreibt Baron. Wenn zu Hause nicht nur das Geld für Nachhilfe fehle und die Eltern ab der 8. Klasse nicht mehr in der Lage seien, bei den Hausaufgaben zu helfen, dann „schmeißt man schnell demotiviert die Flinte ins Korn“.

An der Uni merkt Baron alsbald, dass Menschen auch in linken Gruppen sozial sanktioniert werden, wenn sie mit „dem gebildeten Gehabe“ nicht mithalten und mit den postmateriellen Diskursen nichts anfangen können. Genüsslich beschreibt Baron die Reaktionen seiner Kommiltonen, wenn er seiner Leidenschaft für Pommes, Bratwurst und Tiefkühlpizza frönt oder in einer „Volxküche“ den Debatten über die Bedeutung von Erich Mühsam nicht folgen kann. Und während man sich in diesen Kreisen gerne für jede auch noch so obskure Befreiungsbewegung irgendwo in der Welt engagiert, selbstverständlich „bio“ und „fairtrade“-Produkte kauft und das „*“ bzw. das Binnen-I als wesentliche Elemente des Kampfes für Gerechtigkeit propagiert, werden die realen sozialen Schranken in unserer Gesellschaft gerne ausgeblendet. Es sei, so Baron, eben ein Unterschied, ob man vermeintlich linke Politik an der Uni betreibe und prekäre Jobs in Kauf nehme, weil man im Bewusstsein einer auskömmlichen Erbschaft lebe, oder ob man zur Klasse der Besitzlosen gehört.

 

baron

Die Kultur der „Unterschichten“ wird verachtet und wenn überhaupt als Event auf Trash-Partys mit Jogginghosenzwang und Besäufnissen in Proletenkneipen zelebriert. Man setzt sich ab, hört Independent-Music und später vielleicht Jazz und Klassik statt Schlager, Heavy Metal oder Soft-Rock. Man macht Individualtrips statt Pauschalreisen, meidet „Mainstream-Klamotten“. Später nennt man seine Kinder Eleonore-Sophie oder Joshua und keinesfalls Kevin oder Mandy. Man schafft sich Distinktionsmerkmale, und das alte linke Zerrbild des klassenkämpferischen Arbeiters mit roter Fahne ist dem neuen des „verwahrlosten Unterschichts-Heinis mit Wampe“ und rassistischen Sprüchen gewichen. Und wenn sich mal eine Fachtagung mit Themen wie dem Zugang unterer Schichten zur Hochkultur wie. z.B. Theater beschäftigen, dann „reden Akademiker über Nichtakademiker wie Biologen über Amöben, als läge es an der kollektiven Dummheit des Pöbels und und nicht an der strukturellen Ausrichtung des Theaters, wenn immer weniger Menschen sich für diese Kunst begeistern.“

Für Baron spiegeln sich diese Haltungen auch in der Flüchtlingsdebatte wider. Auch in linken Kreisen würden soziale Ängste, die durch den Zuzug von vielen Flüchtlingen befördert werden, pauschal als „Rassismus“ diffamiert. Zitiert wird der Publizist Raul Zelik, der im April 2016 im Neuen Deutschland schrieb: „Für die Putzkraft oder den ungelernten Arbeiter auf dem Bau erhöht Zuwanderung den Druck auf das Lohnniveau. Für den urbanen Akademiker, der trotz seiner Projekt-Prekarität eigentlich ganz gut über die Runden kommt, stellt Migration dagegen sicher, dass die frisch zurbereitete Kokos-Tofu-Suppe im Schnellrestaurant auch in Zukunft für fünf Euro zu haben ist. Und auch im Segment der Medienkreativen wird die Konkurrenz durch Zuwanderer überschaubar bleiben“. Aber „solange die Linken es unterlassen, die soziale Frage mit der Flüchtlingspolitik explizit zu verbinden , so lange werden die Unterschicht und die verängstigte Mitte einen großen Bogen um sie machen“ schreibt Baron und leitet daraus Positionen zu „Multikulturalismus“ und zum Islam ab, die ihm in seinem politischen Umfeld wenig Freunde bescheren werden. .Es gehe eben nicht nur um Toleranz und Integrationsbereitschaft. Natürlich sei es inakzeptabel, den Islam pauschal als Bedrohung zu dämonisieren, aber man müsse zur Kenntnis nehmen, „dass viele Flüchtlinge einer repressiven politischen Ökonomie entstammen, die auf sozialer Ungleichheit, Frauenverachtung, Homophobie und Todestrafen fußt“. Aber dies werde in linken Diskursen meistens ausgeblendet. Das gelte auch generell für Religionskritik, obwohl die Linke eigentlich in einer säkularen Tradition stehe. Beängstigend sei, „dass mittlerweile jeder von Linken als „antimuslimischer Rassist“ beschimpft wird,, der generell gegen jeden verpflichtenden Religionsunterricht (also auch muslimischen) an staatlichen Schulen eintritt (..) oder die rituelle Beschneidung kleiner Kinder als Gewaltanwendung versteht“.

Immer wieder kehrt Baron in seinem Buch in seine Heimatstadt zurück, in die „Unterschicht-Milieus“ denen er sich – anders als viele Aufsteiger – eben nicht entfremdet hat. Er beschreibt freundliche, manchmal fröhliche Menschen, die viele Zweifel und Fragen haben, mit denen man aber über alles reden kann – wenn man sie akzeptiert. Mit Ausführungen über Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci oder Gender Mainstreaming könne man Menschen, für die eine defekte Waschmaschine ein existentielles Problem darstellt, aber nicht kommen. Den einzigen Weg, den Vormarsch rechter Parteien in diesen Milieus aufzuhalten sieht Baron in einem „linken Populismus“ der an den tatsächlichen Nöten anknüpft ohne sich rassistischen und antidemokratischen Ideologien anzubiedern. Aber solange sich besonders die akademische Linke in identitätspolitischen Genderdiskursen u.ä. in ihren soziokulturellen Freiräumen verschanze, bleibe die Distanz zur bestenfalls als zu bekehrenden „revolutionäres Subjekt“ idealisierten Unterschicht unüberbrückbar.

Es ist ein spannendes, absolut lesenswertes Buch, das vor allem mit seiner Mischung aus individuellen Erlebnissen und fundierter Analyse besticht. Für mache Leser wird es – sofern sie sich darauf einlassen – ein Blick in den Spiegel sein. Für andere ein Einblick in eine fremde Welt Stoff für Diskussionen bietet es allemal.

 

 

Christian Baron

Proleten, Pöbel, Parasiten – Warum die Linken die Arbeiter verachten

Eulenspiegel Verlag, Oktober 2016

288 Seiten, 12,99 €

ISBN 978-3-360-01311-8

 

Nolympia bei ARD und ZDF. Gut so!

ARD und ZDF werden nicht live von den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 berichten. Und das ist gut so, denn warum sollten sie auch. Bei 100 Millionen Euro sind die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Rechtepoker ausgestiegen, und schon diese Summe wäre skandalös.

Olympia ist kein „Sportfest der Völker“, sondern eine Gelddruck- und PR-Maschine für große Konzerne, korrupte Funktionäre , schräge Despoten und glamoursüchtige Politiker. Die Spitzenathleten werden nicht nur in Deutschland mit horrenden öffentlichen Mitteln als moderne Gladiatoren ausgehalten. Der „Kampf gegen Doping“ ist pure Heuchelei und ohnehin längst verloren.

Natürlich sollte man diesen Zirkus nicht verbieten, aber doch bitte komplett der „freien Marktwirtschaft“ überlassen, inklusive Freigabe von Doping. Die dadurch frei werdenden Steuergelder wären im Schul- und Breitensport bestens aufgehoben, und für die eingesparten 100 Millionen Euro lassen sich auch bei ARD und ZDF sicherlich eine sinnvolle Verwendung finden.

c. Axel Scherm

Die Übertragungsrechte gehören dem US-Medienkonzern Discovery. Für Olympia-Junkies wird es eine limitierte Live-Berichterstattung bei deren deutscher Free-TV-Tochter Eurosport geben, wer mehr will, muss bezahlen.

Ich bin gespannt, ob sich irgendjemand darüber aufregt, vermute es aber, wenn ich die aktuelle Debatte über den neuen Sendestandards DVB-T 2 verfolge. Dieses wird Ende März den alten DVB-T-Standard ablösen, aber als terrestrisches Netz weiterhin allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stehen. Private Anbieter wie RTL und SAT1 ziehen nicht mit, und wollen ihre Angebote künftig kostenpflichtig machen. Auch das ist in vollkommen in Ordnung, denn das öffentlich-rechtliche TV, das ja nicht nur ARD und ZDF sondern auch die 3. Programme, eigene Nachrichtenkanäle und Sender wie ARTE und 3SAT umfasst, sorgt für ein umfassendes, gebührenfinanziertes Angebot. Also alles in bester Ordnung.

Déjà -vu in der Trollingerflasche

Die Felsengärtner haben es nicht vergessen. Vor gut einem Jahr robbte ich zusammen mit einigen Journalistenkollegen durch eine imposante terrassierte Steillage im „Besigheimer Wurmberg“, um auf der Parzelle eines Genossenschaftswinzers Trollinger zu lesen. Und die Felsengärtner aus Besigheim versprachen uns, eine Flasche zu schicken.

Gerne zelebriere ich die Illusion, dass in der Flasche, die ich gestern erhielt, tatsächlich Spuren jener Trauben enthalten sind, die ich mit gekrümmtem Rücken im Schweiße meines Angesichts vom Stock geschnitten habe. Was angesichts der vielen Partien aus verschiedenen Parzellen, die in diesem „Besigheimer Wurmberg Trollinger 2015“ von der Felsengartenkellerei Besigheim stecken, eher unwahrscheinlich ist.

„Wein aus Steillagen! steht auch noch auf dem Etikett. Das kann ich bestätigen. Und genau das ist auch eines der Probleme, die dieser – und viele andere – Weine aus Württemberg mit sich rumschleppen. Denn der Anbau von Trollinger in extrem arbeitsintensiven Top-Lagen ist ähnlich sinnstiftend, wie es ein Helene-Fischer-Konzert mit den Berliner Philharmikern unter Sir Simon Rattle wäre.Was es aber richtigerweise wohl nie geben wird.

Für fünf Euro wird dieser Wein verkauft und das ist für einen Genossenschfats-Trollinger schon relativ viel. Es liegt auf der Hand, dass sich das speziell wenn es um Steillagen geht, nicht besonders rechnet. Aber abgesehen von dem Arbeitsaufwand gibt es auch nichts, was einen höheren Preis irgendwie rechtfertigen könnte.

Eigentlich schmeckt dieses irgendwie halbtrockene Getränk gar nicht wie Wein. Eher wie ein (guter) Traubensaft, der eben Alkohol enthält. Tannine, differenzierte Aromen, Säurespiel, Nachklang am Gaumen – alles Fehlanzeige. Immerhin ist er nicht zu klebriger Marmelade verkocht worden, wie so manch schwäbischer Rebsortenkollege. Er ist also nicht wirklich unangenehm, man kann ihn leicht gekühlt schmerzfreiund sogar mit einem gewissen Spaß in sich reinsüffeln, aber es ist einfach kein Wein.

Natürlich wissen die Wüttemberger schon länger, dass das mit den Steillagen und dem Trollinger auf Dauer keinen Sinn mehr macht. Und so bemühen sich auch die Genossenschaften, höherwertige und vor allem auch höherpreisig vermarktbare Rebsorten in ihren Top-Patzellen zu kultivieren. Aber was mir die Felsengärtner da als weitere Flasche ges hickt haben, kann auch nicht der Königsweg für die schwäbische Weinkultur sein. Wobei festzuhalten ist, dass es sich bei dem sortenreinen, trockenen Cabernet Dorsa aus der Edition „Schwarzer Rappe“ zumindest um einen richtigen Rotwein handelt, mit Tanninen, Kirsch- und Beerenaromen, ein wenig dunkle, leicht bittere Würze, lebhafter Säure und recht kräftig. Vielleicht ist der im Holzfass ausgebaute 2014er auch noch zu jung, um sich voll entfalten zu können, aber auch dieser „Kinderbonus“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das alles nicht richtig stimmig ist. Die Rebsorte Cabernet Dorsa –eine tiefdunkle Kreuzung aus Lemberger und Dornfelder – ist und bleibt ein Zombie-Wein, der vieles ein bisschen imitiert, aber nichts richtig kann. So gehen hat er fast noch weniger Spaß gemacht als der Trollinger.

Was bleibt? Mal wieder richtig guten Lemberger aus Schwaben trinken. Gibt's reichlich. Wrde ich mich mal wieder drum kümmern.

 

Kaiser’s Tengelmann wird zerschlagen oder: Wollt Ihr den totalen EDEKA?

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, beginnt jetzt der große Ausverkauf. Die 471 Filialen der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann (KT) werden meistbietend verhökert, einzeln, oder im Paket. Der Start erfolgt in Nordrhein-Westfalen, Berlin und der Großraum München werden folgen. Die Tengelmann-Gruppe vollendet damit ihren Ausstieg aus dem Lebensmitteleinzelhandel, da es über einen längeren Zeitraum nicht nicht gelingen ist, die stark defizitäre Konzernsparte in einem sich rasant oligopolisierenden Markt erfolgversprechend zu positionieren.

Befürchtet wird nun der Verlust von 8000 der insgesamt 16.000 Arbeitsplätzen bei der Lebensmittelkette. Die hätten gerettet werden können, wenn die Übernahme von KT durch die EDEKA-Gruppe wie geplant über die Bühne hätte gehen können, wird verbreitet. Schuld am Scheitern des Deals sei vor allem das Management des Konkurrenten REWE, der das Geschäft mit Erfolg gerichtlich angefochten und später eine außergerichtliche Eingung blockiert habe, heißt es weiter.

Aber stimmt das alles so überhaupt? Wären die KT-Märkte durch eine Übernahme zu retten gewesen? Hätte das dauerhaft Arbeitsplätze gesichert? Ist EDEKA in diesem Spiel der Gute und Rewe der Böse? War es lobenswert, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel das vom Bundeskartellamt verfügte Verbot einer Komplettübernahme durch EDEKA mit einer „Ministererlaubnis“ aushebelte?

Nein, nein und nochmals nein lautet die klare Antwort. Und wenn man mal für ein paar Minuten die rosarot beschlagene Gewerkschaftsbrille abnimmt, kommt man auch selber drauf. Dazu ein paar Fakten

1.)Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist zum Einen von regionalen Überkapazitäten und zum anderen von einem rapiden Konzentrationsprozess geprägt. Die vier größten Anbieter Edeka (incl. Netto), Rewe (incl. Penny,) Aldi sowie die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) haben zusammen einen Marktanteil von 85 Prozent, EDEKA als Marktführer hat alleine alleine fast 30 Prozent , in einigen Regionen sogar deutlich mehr. Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung des Bundeskartellamtes, die Komplettübernahme der KT-Märkte durch EDEKA zu untersagen, vollkommen richtig und auch vorhersehbar. Bereits beim Verkauf der PLUS-Discounter (die ebenfalls zur Tengelmann-Gruppe gehörten) hatte das Kartellamt eine Komplettübernahme durch die EDEKA-Tochter Netto aus wettbewerblichen Gründen verhindert.

2.) Die dem entgegenstehende Ministererlaubnis durch Gabriel war rechtsmissbräuchlich, da im entsprechenden Gesetz eindeutig festgelegt ist, dass für eine deartige Erlaubnis ,gesamtwirtschaftliche Vorteile des Zusammenschlusses die Wettbewerbsbeschränkung aufwiegen“ oder „ein überragendes Interesse der Allgemeinheit den Zusammenschluss rechtfertigt“. Beides ist nicht der Fall, wie auch das Oberlandesgericht Düsseldorf in seiner Entscheidung im Juli eindeutig und schlüssig formulierte.

3.) In den Übernahmeverhandlungen, an denen auch die Gewerkschaften ver.di und NGG beteiligt waren, sicherte EDEKA zwar für fünf Jahre den Erhalt der Arbeitsplätze samt Tarifbindung für die Beschäftigten der KT -Gruppe zu. Doch dieser Schutz hätte sich nicht auf die Arbeitsplätze der originären EDEKA-Beschäftigten erstreckt. Vielmehr ging es für EDEKA um Marktbereinigung und den Ausbau der marktbeherrschenden Stellung. Es widerspricht jeglicher Logik, dass der Konzern nach der Übernahme unrentable Filialen aufrecht erhalten würde, vor allem wenn die Marktabdeckung in der jeweiligen Region Region ohnehin nahe der Sättigungsgrenze liegt oder Doppelstandorte von EDEKA und früheren KT-Märkten entstanden wären (wie es beispielsweise in etlichen großen Einkaufszentren der Fall ist). EDEKA-Beschäftigte hätten dann die Zeche für die temporäre Beschäftigungsgarantie der KT-Belegschaft zahlen müssen.

4.) Die Marktmacht von EDEKA hat bereits jetzt ein Ausmaß erreicht, das dem Konzern ermöglicht, Lieferkonditionen zu diktieren und den ruinösen Preiskampf zwischen den Anbietern weiter zu forcieren. Produzenten geraten infolge der Größenordnungen bei den Bestellungen in starke Abhängigkeit von dem Konzern, da sie den Ausfall dieser Aufträge nicht mehr kompensieren könnten. Da der Konzern die gesamte LEH-Palette vom Discounter bis hin zum gehobenen Frische- und Bedientheken-Segment anbietet, sind davon unzählige Lebensmittelproduzenten nicht nur in Deutschland betroffen. Kein vernünftiger Mensch kann einen Ausbau dieser Marktmacht befürworten, zumal sich der „Erhalt von tausenden Arbeitsplätzen“ sehr schnell als Fiktion entpuppen würde.

Vor diesem Hintergrund kann es nur noch um Schadensbegrenzung geben. Ein Erhalt aller KT-Standorte als LEH-Filialen (von wem auch immer) ist illusorisch. Viele (besonders in Nordrhein-Westfalen) sind viele zu klein für einen Filialbetrieb oder befinden sich an ungünstigen Standorten.

Für die Beschäftigten und ihre Vertreter geht es jetzt um mögliche Übernahmen durch einzelne Erwerber bzw. um Sozialpläne und Förderprogramme zur schnellen Vermittlung in neue Jobs. Alles andere ist Unfug. Ferner eröffnet der Verkauf der KT-Fillialen – wenn auch in bescheidenem Umfang – an einigen Standorten Chancen auf eine Diversifizierung des LEH-Angebots, da auch Anbieter wie Denn's Biomarkt und die Schweizer Kette Migros einsteigen wollen – und dann auch Arbeitskräfte bräuchten.. Wer die Distribution von Lebensmitteln und die damit zusammenhängenden Arbeitsplätze den Gesetzen des Marktes entziehen will, muss sich jedenfalls schon die Mühe machen, für ein andere Gesellschaftsordnung zu kämpfen, statt einem Monopolunternehmen zu noch mehr Marktmacht zu verhelfen.

 

Bob Dylan: Titan unter Kleingeistern

Nein, ich schreibe jetzt keine Würdigung des frisch gekürten Nobelpreisträgers Bob Dylan. Das haben andere, die sich zumeist intensiver mit seinem Leben und Werk beschäftigt haben, bereits getan. Ich schwelge auch nicht in Nostalgie und Reminiszenzen an die eigene Jugend. Zumal der erste Song, den ich in die Gitarre hackte, auch nicht „Blowin' in the Wind“ sondern „La poupée qui fait non“ von Michel Polnareff war .

Außerdem bin ich wütend. Auf diese ganzen bildungsbürgerlichen, beschränkten Schmocks, die jetzt rumtröten, dass die Ehrung für Dylan sozusagen eine Verhöhnung der Literatur sei . ARD-Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck sprach von einem „Witz“, die abgehalfterte Literatur-Exekutorin Sigrid Löffler attestierte mit der Festsstellung, dass Dylans Texte „keine eigenständige Lyrik“ seien. Auf die ganz große Pauke schlug der britische Schriftsteller Irvine Welsh („Trainspotting“), der über „einen schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies" greinte, während der rumänische Literat Mircea Cartarescu ( der sich selber Chancen auf den Preis ausgerechnet hatte) erklärte, es täte ihm Leid „um die wahren Schriftsteller (..) die den Preis beinahe in der Tasche hatten." Und der schwedische Verleger Svante Weyler findet es „ein bisschen merkwürdig, die Definition (von Literatur) so weit auszudehnen.» Ich habe nur eine klitzekleine Frage an diese und viele andere Idioten: Was ist bitte Literatur und woran bemisst sich ihre Preiswürdigkeit?

Die, die es nicht schaffen in der Presse zitiert zu werden, nerven mit hämischen Kommentaren bei facebook rum. Darunter auch die üblichen linksradikalen Langweiler, die sich, wenn's drauf ankommt, in ihrem bildungsbürgerlichen Dünkel von niemandem übertreffen lassen wollen.

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Wisst Ihr was: IHR KOTZT MICH AN! Ich hol jetzt ein paar der besseren Dylan-Platten aus dem Regal, öffne eine Flasche sortenreinen, trockenen Muscat aus Spanien, dreh mit vielleicht noch eine klitzekleine Tüte und freue mich über den Preis für einen der wichtigsten Lyriker der 2.Hälfte de 20. Jahrhunderts. Möge seine „Never ending Tour“ noch lange weiter gehen.

Chemnitzer Sprengstoff für die AfD

Ein als Kriegsflüchtling anerkannter 22jähriger Syrer ist derzeit so etwas wie der Staatsfeind Nr.1 in Deutschland. In der Wohnung des vorher vom Verfassungsschutz observierten Mannes wurde Sprengstoff von dem Typ gefunden, wie er auch bei Anschlägen in Brüssel oder Paris verwendet wurde. Beim polizeilichen Zugriff konnte er fliehen und wird seitdem fieberhaft gesucht, Sicherungsmaßnahmen an Flughäfen, Nahnhöfen und Grenzübergängen wurden bundesweit verschärft.

Soweit die noch recht spärlichen Fakten. Weder ist bislang klar, ob der Mann zu einem iinternationalen Netzwerk gehört, noch gibt es Hinweise auf einen konkret geplanten Anschlag. Die Herstellung und Lagerung eines hochprofessionellen Sprengstoffs in nicht unerheblichen Mengen spricht allerdings dafür, dass der junge Mann damit nicht die Maulwürfe aus dem Schrebergarten eines Freundes verjagen wollte.

Natürlich ist es beunruhigend, wenn in Chemnitz oder irgendwo anders in Deutschland ein junger Mann im wahrsten Sinne des Wortes als lebende Zeitbombe rumläuft. Aber es war auch erwartbar. Die Idee des globalen Terrorkriegs gegen das westliche Gesellschaftssystem hat in Randbereichen der muslimischen Communitys eine nicht zu unterschätzende Anhängerschaft gefunden. Organisationen wie der IS verfügen – obwohl derzeit anscheinend in der Defensive – über eine ziemlich entwickelte Logistik für Anschläge in einigen europäischen Ländern.Beunruhigend ist ferner, dass Anschläge auch in Deutchland a) zu erwarten und b) möglicherweise nicht zu verhindern sind.

In den einschlägigen linken Foren herrscht bis jetzt beredte Sprachlosigkeit, was wohl auch als Lähmung verstanden werden kann. Denn es ist klar, dass ein mit Sprengstoff hantierender anerkannter Flüchtling aus Syrien genau das zu bestätigen scheint, was Nazis, Rassisten und Rechtspopulisten seit vielen Monaten predigen. Und das tut es in gewisser Weise auch. Ja, die mit Kontrollverlust verbundene Öffnung der Grenzen im vergangenen Jahr hat es auch Terrororganistionen ermöglicht, Menschen in Deutschland zu platzieren. Ja, es besteht die Gefahr, dass sich einige Flüchtlinge, die zuvor nichts mit IS&Co zu tun hatten, in ihrer neuen, teilweise unbefriedigenden bis entwürdigenden Lebenssituation entsprechend radikalisieren. Ja, es besteht auf unabsehbare Zeit die Gefahr, dass es auch in Deutschland zu möglichweise verheerenden Anschlägen mit vielen Opfern kommt.

Es hätte zur Glaubwürdigkeit der eigenen „humanen“ Flüchtlingspolitik gehört, wenn die Regierung dies den Bürgern auch von vornherein gesagt hätte. Es hätte zur Glaubwürdigkeit der Linken gehört, genau das von der Regierung einzufordern. Denn wer das Recht auf politisches Asyl und auf Schutz vor kriegerischen Auseinandersetzung verteidigen will, sollte nicht mit gezinkten Karten spielen.

Die AfD als Projektionsfläche

Auf derartig klare Worte haben viele Linke lange gewartet. Die Wahlen hätten gezeigt "dass man keine Politik machen kann, gegen einen großen Teil der Menschen". Man werde jetzt „Fundamentalopposition betreiben", denn in dieser Rolle sei man „viel stärker, als wenn wir Juniorpartner in einer Koalition wären." Schließlich wolle man letztendlich eine „andere Republik“.

Na endlich, möchte man meinen. Wir brauchen tatsächlich eine politische Kraft, die den neoliberalen Konsens der Austeritätspolitik frontal und ohne faule Kompromisse angreift. Und wir brauchen tatsächlich eine Art anderer Republik, in der die Sozialsysteme, die öffentliche Daseinsvorsorge und somit die gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums wieder in den Mittelpunkt rücken.

Allerdings stammen diese markigen Worte weder von Sarah Wagenknecht noch von Katja Kipping, noch nicht einmal von einem der weitgehend einflusslosen Exponenten des linken Flügels der LINKEN. Sondern von Alexander Gauland dem Vizevorsitzenden der AfD.

Es ist müßig darauf hinzuweisen, dass die AfD so ziemlich für das exakte Gegenteil einer sozial und gesellschaftlich emanzipatorischen Politik steht. Ihrer dürre und an vielen Stellen widersprüchliche Programmatik ist von der schwurbeligen Idee eine nationalen Volksgemeinschaft durchzogen, die es sowohl gegen Zuwanderer als auch gegen soziokulturelle „Entartungen“ zu verteidigen gilt. Die AfD ist weniger eine Programmpartei, als vielmehr eine Projektionsfläche für eine sehr breites Spektrum von Menschen, die sich subjektiv in einem antagonistischen Widerspruch zu den herrschenden Eliten wähnen.Und das sind eben nicht nur plumpe, völkische Rassisten nebst materiell und soziokulturell abgehängten Menschen. Zwar hat die AfD nicht nur in Meck-Pomm überdurchschnittliche Stimmenteile bei Erwerbslosen, niedrig qualifizierten Arbeitern und allgemein Männern mit geringer Schulbildung. Doch auch bei Bürgern mit Hochschul- oder Fachhochschulreife beträgt ihr Anteil 16 Prozent, und das Gros ihrer Wähler verfügt über einen mittleren Schulabschluss, eine qualifizierte Berufsausbildung und ein durchschnittliches bis überdurchschnittliches Einkommen. Es ist im Kern eine Partei des Mittelstands, mit dezidiert sozialdarwinistischen Positionen gegenüber dem viel beschworenen Prekariat, bei dem man aber mit Antielitarismus, Fremdenfeindlichkeit und dumpfer Antimoderne in vielen Fragen der Gesellschaftspolitik punkten kann.

Entsprechend obsolet ist die in linken Kreisen populäre Idee, dass man das Phänomen AfD mit einer durchgreifenden Struktur- und Sozialpolitik weitgehend austrocknen könnte. Einer der wenigen lesenswerten Kommentare nach der Meck-Pomm-Wahl brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Die Anhänger der AfD wollen schlicht nicht, dass Flüchtlinge ins Land kommen. Sie wollen ein Deutschland wie vor 50 Jahren als Männer noch Männer, Frauen noch Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund noch Gastarbeiter waren. AfD-Wähler fühlen sich nicht unbedingt wirtschaftlich abgehängt – sondern kulturell“, schieb Hannah Beitzer am Montag in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung und weiter: „Es geht in der Auseinandersetzung mit der AfD in erster Linie nicht um einen Klassenkampf sondern um einen Kulturkampf. Und der ist ungleich schwerer zu führen, weil er mit ein bisschen mehr Geld für Bedürftige nicht zu lösen ist. Wer vor vielen Jahren eine der ersten Lesungen eines Thilo Sarrazin besucht hat, auf denen entfesselte Bildungsbürger über Kopftuchmädchen, Hartz-IV-Empfänger und Gender-Gaga schimpften, hat das ahnen können.“

Entsprechend rührend, aber eben auch das Ziel verfehlend sind Versuche wie die des DGB (unter dessen Mitgliedern sich etliche AfD-Anhänger befinden), ihre Klientel über die antisozialen Positionen der AfD „aufklären“ zu wollen. Denn jenseits kruder, neoliberaler Konzepte zur Arbeitsmarkt-, Renten- oder auch Wohnungspolitik bleiben die Fremdenfeindlichkeit, die soziokulturelle Antimoderne und das (partiell durchaus nachvollziehbare) Gefühl, von den Eliten ausgegrenzt und verachtet zu werden, als Markenkern der AfD. Und genau deswegen wird sie gewählt.

Natürlich gilt es weiterhin, gegen jegliche Form von Rassismus aufzutreten und für einen sozialen Politikwechsel zu kämpfen – auch und aktuell besonders gegen die AfD. Linke sollten jedoch nicht den Fehler machen, die AfD ebenso als Projektionsfläche zu nutzen, wie ihre Anhänger.

 

Run um die Fleischtöpfe

Noch ist nicht bekannt, ob auch Bundesligaprofis, -trainer, -manager oder -mäzene Briefkastenfirmen in Panama unterhalten haben. Auch ansonsten verspricht die laufende Saison noch einiges an Spannung. Zwar ziehen Bayern München und der BVB unangefochten ihre Kreise an der Spitze und duselten sich auch an diesem Spieltag zu knappen Siegen gegen vermeintlich deutlich schwächere Gegner. Doch dahinter ist munteres Hauen und Stechen. Fünf Vereine balgen sich um die zwei weiteren Champions-League-Plätze und das damit verbundene große Geld. Hertha BSE hat in Mönchengladbach mächtig auf die Mütze bekommen; sicherlich ein längst fälliger Dämpfer für diejenigen, die den Verein tatsächlich für CL-reif halten. Auch Schalke wurde böse zerlegt; sogar der Bruder des Schlagerfuzzis Hansi Hinterseer durfte sich in Ingolstadt mit einem Tor an der munteren Demontage der skandalös löchrigen Schalker Abwehr beteiligen. Leverkusen hat Wolfsburg wohl endgültig aus dem Rennen um die Königsklasse geschossen und ist wieder oben dabei, auch Mainz (sie haben richtig gelesen: MAINZ!!) mischt da noch fröhlich mit. Meine Prognose: Gladbach und Schalke ((ein gewagter Tipp, ich weiß, aber die Hoffnung stirbt zuletzt) kommen in die Champions-League, Leverkusen und Hertha dürfen ihre Kräfte in der ungeliebten Euro-League gegen Roter Stern Tschernobyl, Lokomotive Britzibratzi oder den FC Geysir Reykjavik verplempern, und Mainz geht leer aus.

Unten geht es ähnlich bunt zu.Während Hannover bereits mit den Detailplanungen für die 2.Liga beginnen kann, hat die lange abgeschlagene Mannschaft von Hoffenheim offenbar nicht die geringste Lust auf einen Abstieg, ist aber nach wie vor davon bedroht. Das gilt auch für Frankfurt, Darmstadt, Augsburg und Bremen. Ich gehe davon aus, dass es Darmstadt erwischen wird. Die fast ausschließlich mit von anderen Vereinen ausgemusterten B-Promis besetzte Hackertruppe hat einfach zu wenig Potenzial für die 1.Liga. Die beiden Plätze von Hannover und Darmstadt werden in der nächsten Saison dann der SC Freiburg (Willkommen!) und RB Leipzig (Muss das sein? Leider.) einnehmen.

Die 3.Liga überspringen wir einfach. Es ist zu deprimierend, dass ausgerechnet der Klub aus der PEGIDA-Metropole Dresden einem souveränen Aufstieg entgegensieht. Dafür bahnt sich in der 4.Liga eine Überraschung an. In der Staffel Nordost hat sich mein Moabiter Heimatverein BAK 07 mit einer spektakulären Aufholjagd in der Rückrunde an den Spitzenreiter Zwickau herangepirscht. Am Sonntag steigt im Poststadion das direkte Duell. Sollte der BAK gewinnen, sieht es ziemlich gut aus. Und für mich als Moabiter ist es ein ausgesprochen gutes Gefühl, Drittligaspiele in der kommenden Saison auch fußläufig erreichen zu können.

Fußball spielen mit dem IS

So allmählich bereiten sich Europas wichtigste Fußball-Nationalteams auf die EM in Frankreich vor, die am 10.Juni beginnen und nach insgesamt 51 Spielen am 10.Juli mit dem Finale enden soll. Außer Holland haben haben sich alle üblichen Verdächtigen für das Turnier qualifiziert. Die sportlich sinnlose, aber für die UEFA-Mafia gewinnträchtige Aufblähung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Mannschaften – Werk des mittlerweile wegen Korruptionsvorwürfen abgesägten Michel Platini – hat zudem dafür gesorgt, dass auch Exoten wie Island und Albanien ihre EM-Premiere feiern dürfen.

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Privatisiert den Leistungssport!

In diesem Jahr stehen wieder etliche sportliche Großereignisse an. Das korrupte IOC darf für die dahinter stehenden Konzerne die Olympiade ausrichten, die korrupte UEFA die Fußball-Europameisterschaft. Natürlich gibt es auch wieder die unter dem Namen „Tour de France“ bekannte Leistungsshow der Pharmaindustrie und diverse Fußball-Großunternehmen hangeln sich allmählich Richtung Champions-League-Finale.

Das alles stört mich nicht sonderlich, einige Fußballspiele werde ich mir auch sicherlich ansehen. Allerdings sehe ich schon lange nicht mehr ein, dass für diesen gigantischen, profitträchtigen Zirkus auch nur ein Cent Steuer- oder Gebührengeld ausgegeben wird. Und das wird es reichlich: Tausende Leistungssportler werden auch hierzulande direkt und indirekt gefördert, u.a. durch Scheinarbeitsplätze bei der Bundeswehr und der Polizei. Große Sportereignisse werden mit vielen Millionen aus öffentlichen Kassen finanziert, Großkonzerne, die dabei mitmischen, steuerlich entlastet, öffentliche Ressourcen (z.B. große Polizeikontingente bei Fußballspielen) zweckentfremdet.

Daher meine Forderung: Privatisiert den Leistungsport – und zwar umfassend und gründlich. Die Firmen sollen ihren Zirkusbetrieb gefälligst selber bezahlen, und Olympiaden oder Weltmeisterschaften sind ohnehin eher ein Fall für Ermittlungsgruppen im Bereich organisierter Kriminalität. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte komplett aussteigen, denn dieser Zirkus hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Grundversorgungsauftrag von ARD und ZDF zu tun. Wer das unbedingt sehen will, soll gefälligst auf eigener Tasche dafür bezahlen oder sich in entsprechende Gaststätten und auf Fanmeilen begeben. Beim Fußball funktioniert das ja teilweise schon ganz gut.

Auch leistungssteigernde Mittel sollten ehrlicherweise komplett freigegeben werden, denn der angebliche „Kampf gegen Doping“ ist eine einzige Farce. Zudem braucht kein Mensch erfolgreiche Leistungssportler als Identifikationsfiguren. Vielmehr sollte der Kinder-, Jugend- und Breitensport – gerne auch leistungsorientiert im Rahmen nichtkommerzieller Wettkämpfe – umfassend gefördert werden. Wer dann den Sport zu seinem Beruf machen will, kann dies gerne tun und sich um einen möglicherweise sehr gut bezahlten Arbeitsplatz bei einem entsprechenden Unternehmen bewerben, dass sein Geschäft natürlich privatwirtschaftlich betreiben muss.

Außerdem haben sowohl der ruhmreiche FC Schalke 04 als auch der Moabiter Regionalligist am Wochenende wieder kläglich versagt, aber das ist eine andere Geschichte.

Erst ALDI, dann Demo

Am Sonnabend führte mich der erste Weg des Tages zu ALDI. Wenn dort außerhalb des regulären Sortiments ein Wein namens „Genesi-Aglianico del Vulture DOC 2011“ angeboten wird, dann kann man für 6,99 Euro eigentlich nicht viel verkehrt machen. Was da auf vulkanischen Böden im recht kleinen (knapp 1500 Hektar) süditalienischen Qualitätsweingebiet Basilicata entsteht, ist aller Ehren wert, wenn auch das Label „Barolo des Südens“ etwas übertrieben erscheint.

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“Ihr schafft das!” Wie sich der Staat seine soziale Verantwortung vom Hals schafft

Der folgende Artikel erschien vor einigen Tagen in der aktuellen Ausgabe des Magazins “Hintergrund”.

Es war ein neues deutsches „Sommermärchen“. Je mehr Flüchtlinge seit Mitte des vergangenen Jahres über die zeitweilig offenen Grenzen vor allem in Bayern nach Deutschland kamen, desto mehr Initiativen sprossen wie Pilze aus dem Boden, um die Ankömmlinge freundlich zu empfangen und mit praktischer Hilfe zu unterstützen. Das Spektrum der Helferszene ist breit gefächert, insgesamt haben sich wohl mehrere Hunderttausend Menschen mehr oder weniger engagiert. Es werden Flüchtlinge an Grenzübergängen begrüßt und willkommen geheißen, Geld, Kleidung und Spielzeug gesammelt, Deutschkurse und Freizeitaktivitäten angeboten, ehrenamtliche Dolmetscher und medizinische Betreuung organisiert oder auch kurzfristige Unterbringungsmöglichkeiten bereitgestellt. Mal sind es ein paar Hausfrauen und Rentner in kleinen Ortschaften, mal große Netzwerke mit weit über hundert aktiven Helfern.

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Fußball: Verbrecher, Langweiler, Versager

Das Fußballjahr 2015 ist vorbei und endete mit einem Paukenschlag. Und damit meine ich nicht, dass die limitierten Berliner Frontstadt-Kicker die Hinrunde der Bundesliga unter ihrem Proll-Trainer Pal Dardai („Wir müssen immer weiter arrrbeiten, viel arrrbeiten“) mit einem unerwarteten 3.Platz in der Bundesliga beendeten. Selbst der Abflug von Bayern-Coach Pep Guardiola ist nicht der ganz große Aufreger, da erwartbar gewesen. Für die Bayern dürfte es egal sein, allerdings verliert das Münchner Nobelrestaurant „Tantris“ einen nach Aussage des Chef-Sommeliers sehr angenehmen und kultivierten Stammgast.

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Wollen wir konkret eingreifen oder auf die Revolution warten?

Die in großen Teilen der Bevölkerung tief verwurzelte Fremdenfeindlichkeit hat im Zuge der Flüchtlingskrise eine neue Plattform und Projektionsfläche gefunden. Die ursprünglich neoliberal ausgerichtete AfD hat sich nach einem internen Machtkampf zu einer rechtspopulistischen und in Teilen offen rassistischen Partei formiert, die offensichtlich erfolgreich auch soziale Ängste anspricht und sich als „Systemopposition“ geriert.

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100% Tempelhof – 100% asozial

Am 25. Mai 2014 fand der bislang spektakulärste Volksentscheid in Berlin statt. Knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten votierten für den Gesetzentwurf der Initiative „100 % Tempelhof“, mit der jegliche Bebauung des 280 Hektar großen Areals auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ausgeschlossen wird. Der Senat hatte zuvor geplant, in den Randbereichen desFeldes insgesamt 4700 Wohnungen errichten zu lassen, die Hälfte davon mit Sozialbindung.

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Kleiner Hilferuf

Ich schreibe derzeit ein Buch zur aktuellen Flüchtlingssituation in Deutschland. Es ist ein Auftragswerk; mehr Faktencheck als moralisch-politisches Statement, weniger linke oder bürgerlich-demokratische Empörungslyrik, mehr nüchternes Sezieren der herrschenden Politik und des aktuellen Diskurses. Zielgruppe sind laut Verlag in erster Linie ältere, verunsicherte Bürger der ehemaligen DDR. Die soll ich mit dem Buch “da abholen, wo sie gerade sind” und dennoch antirassistische und antivölkische Flagge zeigen. Wird gemacht! Am 15.11. ist Manuskriptabgabe (sic!!) Wer mir helfen will, kann mir gerne interessante Links schicken. Ganz dringend: Was ist der genaue Unterschied zwischen anerkannten Flüchtlingen und Asylberechtigten (falls es einen gibt)? Wie kann sich die Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt, die Sozialsysteme und die öffentliche Daseinsvorsorge auswirken? Aber auch andere spannende Aspekte sind willkommen.

P.S. Habe am Montag rund 20.000 Zeichen geschrieben und mir dann 2 Gläschen Bönnigheimer Sonnenberg Lemberger 2012 von Dautel gegönnt. Ein Traum von reifen Sauerkirschen und trockenen Waldbeeren, ein feiner Strauß Kräuter, feine Säure, klar strukturierte Tannine, optimaler Holzeinsatz. Und jetzt der Kick: Dazu eine gut gewürzte Öko-Blutwurst!

Schaaaaalke!!

In meinen 12 Jahren als Redakteur in Kim Il Koschmieders “Junge Welt”-Gulag gab es auch schöne Momente. Zum Beispiel jene Montage, an denen ich Fahne schwenkend und “Schaaaaaaalke” brüllend in die Redaktion einzog, weil der Klub meines Herzens in der Bundesliga mal wieder richtig zugelangt hatte. Besonders schön war es, wenn sich die “Lüdenscheider Zecke” (szenetypische Bezeichnung für Fans von Borussia Dortmund) in der Redaktion dann brummelnd hinter ihrem Computer verschanzte, weil ihr Klub wieder mal gründlich verkackt hatte.

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Fußball ist unser Leben

Meine Devotionaliensammlung ist recht übersichtlich und beschränkt sich auf einen Fanschal von Schalke 04 und ein T-Shirt des Berliner Regionalligisten BAK 07. Mein orangenes T-Shirt habe ich gerade weggeschmissen, aber nicht, weil die Holländer ihre EM-Qualifikation so grottig vergeigt haben haben, sondern weil es durch einen Brandfleck unrettbar verunstaltet wurde.

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