Aus dem Tagebuch

Berlin 1967

Liebes Tagebuch,
heute habe ich dich zur Abiturfeier erhalten und so will ich dich reinlich und sauber halten, mit meinen geheimsten Gedanken und reichlichen Ereignissen füllen, die sich zukünftig zutragen werden.

Zuvor aber einiges, was du wissen solltest, liebes Tagebuch.
Ich wurde im schönen Lenz ein Jahr nach der fürchterlichen Schmach geboren, wie mein Vater mir zuweilen berichtet. Was für eine Schmach er meinte, wird mir nicht ganz klar.

Geboren also in Berlin-Kreuzberg – was sich seine schöne deutsche Kultur bewahrt hat mit seinen Tante-Emma-Läden und den sauberen Gehsteigen, wohlgeordnet und heiter, fleißig und im Aufbau begriffen, um die schändlichen Flecken der Kriegsjahre, die ich ja nicht miterleben mußte, entschwinden zu lassen.

Hier klebe ich eine erste Photographie* von mir ein:


Wie man sieht, die Welt um mich (siehe Pfeil!) herum, bot einiges an Frustration – aber auch an früher Prägung… wie man weiter unten eingefügten, folgenden Bilde sehen kann.

1952 wurde ich dann eingeschult – ein einschneidendes Erlebnis auch. Dort konnte ich aufgrund meiner hervorragenden Leistungen jedoch mehr Anklang finden als in meinen jungen Jahren im Sandkasten. Ich muss gestehen, dass mir sauberes Papier mehr liegt, als Sand, der neuerdings nicht nur von schmutzigen lauten Gören sondern auch von vielen Kötern aufgesucht wird. Die pinkeln auch an die vielen Bäume hier. Deshalb wäre es sinnvoller, wenn man diese Bakterienherde dezimiert und zum Beispiel Spielplätze abschafft oder die Bäume fällt. Was das die Stadtreinigung allein kostet, frage ich mich zuweilen. Könnte man dafür nicht mehr Sporthallen bauen, worin die Kinder Sport treiben könnten.

2. Photographie von mir – während meiner Volksschulzeit*…
(Eine Locke aus meiner Kinderzeit hat meine Mutti mir aufbewahrt, als Erinnerung an eine schöne unbeschwerte Kindheit)


Wie man sieht, bin ich für alles Handwerkliche nicht ganz so geeignet.

Ich zum Beispiel betätige mich recht gerne sportlich. Ich spiele derzeit in der Jugendmannschaft bei Hertha-Zehlendorf, was mir außerordentlich viel Freude bereitet. In einem gesunden Körper, so weiß man ja, wohnt ein gesunder Geist und man muss auch nicht so viel Nachdenken.

Da ich recht gute Leistungen vorweisen konnte, hat man 1956 erwogen, mich auf das Dahlemer Arndt-Gymnasium zu schicken, wo ich seit diesem Jahr versuche, ebenso gute Leistungen zu vollbringen, mit dem Ziele des Abiturs.

Dann jedoch kam die Teilung unseres Vaterlandes, was mich und meinen Vater sehr traf. Wer hätte gedacht, dass man uns vom Reste Ostdeutschlands mit einer (sehr ordentlich gefugten!) Mauer trennen würde? Hat Deutschland das verdient, zumal wir uns ja alle rechtschaffen bemühten, die Greuel des Krieges zu vergessen und einen recht fleißigen ordentlichen Neuaufbau wagten. Gut, zugegeben, die Amerikaner mußten uns dabei unterstützen, aber uns eine solche Mauer vor die Nasen zu setzen, war das wirklich nötig? Was heißt hier, wie man gelegentlich hört, wir hätten viel Schuld auf uns geladen? Ich denke, so zerstört und unordentlich, wie sich unsere Hauptstadt präsentiert, war sie zu Anfang des Krieges nie und nimmer.

In Hannover, so las ich – hat man das wohl ebenso empfunden – und eine neue frische Partei gegründet, die sich gegen all die Schmach und den Unbill, den man uns aus dem Auslande zufügt, wehren möchte. Das kann ich sehr gut nachempfinden. Was gäbe ich, wieder in strahlende, gerade Gesichter zu sehen, die sich zu ihrem Vaterland ohne Schmach bekennen können, wenn nur all die Einmischungen von Amerikanern, Franzmännern, Engländern und Kommunisten nicht wären. Leider hört man nicht viel von den neuen Parteigängern, in der neuerlichen Bundestagswahl erhielten sie nur zwei Prozent – wogegen die anderen beiden großen Parteien sich zur großen Koalition zusammenfinden müssen. Das wird doch nichts, meint mein Herr Vater und sehnt sich nach der alten Kompromisslosigkeit, wie er sagt. Früher war eben alles viel besser. Das wird wieder, denke ich, zumal ich nun großjährig geworden und mich an der Wahl demnächst beteiligen darf.

Doch nun zurück in die Gegenwart:
Es gab lecker Kuchen zur Abiturfeier und Kaffee, den ich als gereifter Jugendlicher mit Erlaubnis meiner Mutti hätte sogar trinken dürfen, den ich aber sehr schlecht vertrage und deshalb von Mutters gutem Kräutertee reichlich zu mir genommen habe. Alles in allem war es eine kleine bescheidene Feier, im engsten Familienkreise, da nicht viele Freunde kamen. Als besonderes Geschenk erhielt ich dieses schöne Büchlein und einen Füllfederhalter, den ich in Ehren halten werde. Gewünscht hatte ich mir allerdings einen Hund, aber wie gesagt, die machen Dreck. Und Dreck kann ich auf den Teufel nicht leiden.
Dafür gab’s von meinem Vater ein selbstgemachtes Kehrblech für mich, so daß ich die Hausordnung besser verrichten konnte, die unten im Mietshause im Flur für jeden sichtbar und säuberlich aufgehängt war. Dies gemahnte mich jungen Burschen, jetzt die Schreiberei zurück zu stellen, damit ich meinen bürgerlichen Pflichten nachkommen kann.

So schließe ich für heute, liebes teures Tagebuch, um mich meinen Säuberungspflichten zu widmen, die vor dem Hause auf mich warten.

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* (Fotografien von Ulenspiegel, der sie für nur für den privaten Gebrauch freigibt, eine kommerzielle Verwendung aber ausschließt)

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