Aufgelesen und kommentiert 2017-01-26

Im Keller sprudelt das Grundwasser
Mehrheit sagt, das System funktioniert nicht mehr
RTL-Sendung "Secret Millionaire" – Sozialengagement statt Nobelkarossen
Bundesverfassungsgericht verhandelt Tarifeinheitsgesetz
ARD-Reportage: Wie Atomkonzerne uns Steuerzahler schröpfen
SPD-Chef Gabriel kann sich Koalition mit GRÜNEN und FDP vorstellen
SPD-Kanzlerkandidat Schulz: Der Europäer auf Abruf
Martin Schulz – Der Anbiedermann
"Russische Hacker" sind das neue "Der-Hund-hat-meine-Hausaufgaben-gefressen"
Bundeswehr erstmals auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kontinuierlich präsent
EU-Importe torpedieren Afrikas Wirtschaft
Zahl der Kriegsvertriebenen in Afghanistan wächst weiter
Was bleibt von Sigmar Gabriel

Im Keller sprudelt das Grundwasser
Das Deutschlandradio berichtet: “Zwischen den Holzfenstern im Sekretariat stecken Putzlappen in den Ritzen. Heizungsluft zieht ungehindert nach draußen. Im ersten Stock fehlt der Internetanschluss. Die Mensaräume bräuchten dringend eine Lärmisolierung. Am schlimmsten aber sind die Toiletten. Die sind uralt, es riecht aus allen Rohren und es ist wirklich unangenehm. Vor allem weil manche Kinder es sich verkneifen auf die Toilette zu gehen, weil sie das hier nicht mögen und das können wir nicht verantworten. Doch gemessen an den Zuständen in anderen Schulen, steht dieses Gebäude noch gut da.”

Quizfrage: Was glaubt ihr, aus welchem Land wird hier berichtet? Afrika? Indien? Irgendwo auf dem Land in China? Oder vielleicht aus den Slums von Amerika? Nein, alles falsch. Es ist ein Bericht aus Deutschland!

Aber hey, das muss man auch erstmal schaffen: Eine derart katastrophale Regierungsarbeit hinzulegen, aber trotzdem weiterhin rund 80 Prozent aller Wahlstimmen einzusacken. Was könnte die bildungspolitische Intelligenz der Deutschen besser darstellen, als genau das?

UPDATE: Auch DIE ZEIT berichtet zum Thema.


Mehrheit sagt, das System funktioniert nicht mehr
TELEPOLIS berichtet: “Nur 15 Prozent der Bevölkerung in den 28 Ländern würden noch sagen, dass das gegenwärtige System noch funktioniert. Für 53 Prozent ist das nicht mehr der Fall, 32 Prozent sind sich unsicher. Mehr als Zweidrittel der Befragten in Frankreich, Spanien, Italien, Mexiko und Südafrika stimmen der Aussage zu, dass das System nicht mehr funktioniert. Weit davon entfernt sind die Deutschen mit 62 Prozent nicht.”

Haha, was haben die Befragten eigentlich geglaubt, wofür der Kapitalismus zuständig ist? Etwa dafür, dass der Pöbel ein gutes Leben hat?

Kapitalismus bedeutet IMMER, dass der gemeinsam erarbeitete Wohlstand in einem immer grösseren Umfang in die Taschen der Reichsten wandert. Und die einzige Aufgabe ist es, diese systembedingten Folgen bestmöglich mit Propaganda zu vernebeln.

Und was hilft am besten zur Ablenkung? Schon bei den alten Römern, wie auch heute? Na klar, Spiele fürs Volk.

Und dazu passt:

RTL-Sendung “Secret Millionaire” – Sozialengagement statt Nobelkarossen
Millionäre dürfen sich für eine Woche anonym als Arme verkleiden und "das harte Leben" kennenlernen. Alles von RTL mitgefilmt und – natürlich – zum gelungenen Abschluss darf der Millionär seine tränenreiche “Ihr habt es echt nicht leicht, aber Geld ist ja auch nicht alles” Rede halten, ein paar Brotkrümel zugunsten irgendeines sozialen Projekts spenden – fertig ist der Sozialporno.

Und die Fernsehsesselleichen denken sich: “Millionäre sind ja so nett und menschlich, gut dass wir sie haben.” Auf den Gedanken, dass man Millionären auch einfach sozialgerecht besteuern könnte, um damit Armut zu beenden – darauf kommt niemand.


Bundesverfassungsgericht verhandelt Tarifeinheitsgesetz
Besser kann man den Sachverhalt kaum zusammenfassen


ARD-Reportage: Wie Atomkonzerne uns Steuerzahler schröpfen
Rund 170 Milliarden Euro werden nach heutigen Schätzungen für den Rückbau der Altmeiler benötigt. CDU/CSU und SPD arbeiten gerade fieberhaft daran, diese Milliardenkosten einseitig auf den Steuerzahler abzuwälzen, ohne dass es ihre Wiederwahl gefährdet.


SPD-Chef Gabriel kann sich Koalition mit GRÜNEN und FDP vorstellen
Das passt realpolitisch auch jeden Fall deutlich besser, als eine Bundesregierung mit den LINKEN. Beispiel gefällig?

– Rentenalter erhöhen? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Auslandskriege? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Lohndumping-Gesetze? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Steuern zugunsten der Reichen senken? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Privatisierungen? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Hartz 4 verschärfen? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Abschiebungen ins Kriegsgebiet? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– CETA und TTIP? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Kapitalgedeckte Altersvorsorge? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Vermögensteuer verhindern? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Ausnahmeregeln zugunsten von Konzerne? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.
– Lobbyismus, Filz und Korruption? Mit FDP und GRÜNE kein Problem.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass die SPD von DIE LINKE hunderte zu schluckende Kröten einfordert, damit Rot-Rot-Grün möglich wäre – aber gegenüber der FDP keine einzige Forderung stellt. Man ist sich eben einig.


SPD-Kanzlerkandidat Schulz: Der Europäer auf Abruf
Immerhin die Tageszeitung betreibt ein wenig Journalismus und recherchierte dem Wirken von Martin Schulz auf EU-Ebene nach (Zitat): “Unter der Ägide von Martin Schulz zogen Brüssel, Berlin und Straßburg an einem Strang. Doch Grüne und Linke, die nicht in die Große Koalition eingebunden waren, hatten dabei nichts zu lachen. Selbst die Sozialdemokraten mussten zurückstecken. Im Schuldendrama um Griechenland 2015 ging die sozialdemokratische Handschrift völlig unter. Im Wahlkampf hatte die SPD noch einen “Marshallplan für Griechenland” gefordert. Nun trat Schulz in deutschen Talkshows auf und forderte, Premierminister Alexis Tsipras zu entmachten und eine Technokratenregierung einzusetzen. Profitiert hat davon einzig die EU-feindliche Rechte. Nigel Farage und Marine Le Pen haben das Parlament als Bühne genutzt – und einen Erfolg nach dem anderen eingefahren.”

Das muss man erstmal sacken lassen, gell? Schliesslich wird Martin Schulz von der Qualitätspresse flächendeckend als "grosser Europäer" abgefeiert. Das ist aber, wie so oft, nur Propaganda. In Wirklichkeit hat Martin Schulz mit seiner sozialdemokratischen Politik ganz Europa gespalten. Und zwar so krass und tief, dass Rechtsnationale (!) einen Wahlerfolg nach dem anderen feiern können. Ein Sozialdemokrat als Wegbereiter der Nazis. DAS ist Martin Schulz.

Aber hey: Martin Schulz hat eh nur einen einzigen Auftrag. Und zwar, dass das Wahlergebnis so ausfällt, dass für die SPD ein paar Ministerposten neben Merkel abfallen. Und das wird, dank der bildungspolitischen "Intelligenz" der deutschen Bevölkerung, auch gelingen.


Martin Schulz – Der Anbiedermann
Kurzer, aber wichtiger Auszug: "Wenn Schulz über Europa spricht, und das tut er täglich, fehlt nie eine Variation dieses pathetischen Gedankens: »Europa ist die Antwort auf den Irrsinn der Kriege unter Nachbarn.« Das ist, besonders hierzulande, eine beliebte und auch in Schulbüchern gern präsentierte These, die die historische Wahrheit so stark verschleiert, daß das Gegenteil herauskommt: Denn über die von Schulz gemeinten »Kriege unter Nachbarn« wurde 1914 und 1939 stets in Berlin entschieden – Portugiesen und Belgier hingegen bedürfen keineswegs der EU, um nicht übereinander herzufallen.

Vor diesem Hintergrund und nicht zuletzt auf Grundlage der gemeinsamen Währung hat sich die Europäische Union in ein durch und durch deutsch dominiertes Gebilde verwandelt – in allen Fragen von echtem wirtschaftlichen oder politischen Belang fungiert Brüssel als Vorort Berlins, der Rest darf im Straßburger Parlament verhackstückt werden. Wenn in Deutschland regelmäßig die Rede davon ist, die EU müsse außenpolitisch endlich mit einer Stimme sprechen, ist damit immer gemeint: auf der Frequenz von Berlin."

Absolut perfekt beschrieben


“Russische Hacker” sind das neue “Der-Hund-hat-meine-Hausaufgaben-gefressen”
Hach, was liebe ich TELEPOLIS allein schon für ihr stets herrlich unaufgeregtes Zurechtrücken der deutschen Qualitätsjournaille


Bundeswehr erstmals auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kontinuierlich präsent
Aber niemals vergessen: Der böse Aggressor, der ständig nach Europa greift, ist natürlich Putin


EU-Importe torpedieren Afrikas Wirtschaft
“Die EU unterstützt ihre Bauern mit Subventionen, diese können ihre Produkte dann sowohl in Europa als auch außerhalb zu sehr niedrigen Preisen anbieten. Afrikas Landwirten treibt diese Politik in den Ruin. Die künstlich verbilligten Produkte aus Europa drücken nicht nur die Preise, sie erschweren auch die Entwicklung einer Agrarindustrie, die mehr Arbeitsplätze schaffen könnte als die reine Landwirtschaft. Ein Beispiel: Der Ananas-Saft in einem der großen Supermärkte von Accra stammt nicht etwa aus Ghana selbst, das zu Afrikas wichtigsten Ananas-Anbaugebieten zählt, sondern (dank EU-Subventionen) von der österreichischen Marke Rauch, abgefüllt in Ungarn.”

Wer wissen will, warum es Flüchtlinge gibt, findet hier EINEN von vielen Gründen. Und diese Menschen als "Wirtschaftsflüchtlinge" zu beschimpfen und höhere Zäune aufzustellen wird nicht weiterhelfen.


Zahl der Kriegsvertriebenen in Afghanistan wächst weiter
Die Tageszeitung berichtet: “Sie liegt laut einem in der Nacht auf Dienstag veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen nun bei mehr als 620.000 (seit Anfang 2015). Das sind rund 40.000 mehr als noch Mitte Dezember, als die UN 580.000 Kriegsvertriebene gemeldet hatten. Vor 2015 waren bereits mehr als 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht im eigenen Land. Fast die Hälfte aller Vertriebenen – 42 Prozent – haben die UN demnach im Norden des Landes gezählt – auch in den Provinzen Kundus und Baghlan, in denen bis 2013 noch die Bundeswehr stationiert war.”

Ein weiterer Grund für Flüchtlinge: Die Kriege der NATO. Und auch hier hilft beschimpfen und höhere Zäune nicht weiter.

Ach übrigens: Trotz weiter ansteigender Flüchtlingszahlen AUS Afghanistan heraus, schieben CDU/CSU/SPD/FDP/GRÜNE lachend diejenigen Menschen, die ihre mörderische Flucht übers Mittelmeer überlebten, wieder ins Kriegsgebiet zurück. Christlich-sozial-liberal-ökologische Nächstenliebe eben


Und zu guter Letzt:

Was bleibt von Sigmar Gabriel

5 comments

  1. Schnulli says:

    Dankesehr.

    Ich sach ja schon lange: Maximalboykott ist der einzige Machthebel, den das Volk noch hat.
    Die Politik und Gewerkschaften sind schon lange komplett in der Hand der Ausbeuter.

    Was ist, wenn die Fabrikglocke bimmelt und keiner geht hin? Was ist, wenn die Steuer-Inquisition kommt, und keiner macht die Tuer auf?

    1. K!A.o.S. ( User Karma: 0 ) says:

      Maximalboykott? Eigentlich reicht es doch, nur eine Sache zu boykottieren: Die Arbeit! Einfach raus aus den Jobs, falls Absehbar zuviel Vermögen zum schlüssigen Verbrauch innerhalb 6 Monaten vorhanden, Dieses Vorher in das Unternehmen eines selbstständigen Bekannten (, am Besten Kneipier/Kioskpächter/Restaurantbetreiber/… oder Ähnliches) “investiert” und Rein in die Überlastung dieses widerlichen Asozialsystems. (Jedoch nicht nur einfach Generalstreikmäßig nur mal eine Zeit dem Arbeitsplatze Fern bleiben…)

      1. Schnulli says:

        Ja, Maximalboykott.
        Wir sind alle verschieden. Jeder gibt das persoenliche Maximum. Das was ich mache und das was Du vorschlaegst kann nicht jeder bringen, insbesondere, wenn man alleinerziehend ist.

        Ich z.B. verweigere sogar ALG 1 seit 10 Monaten. Ich verweigere den RF-Beitrag. Ich verweigere die Krankenkassenzahlung und Versicherungen im allgemeinen. Ich verweigere auch die elektronische KK-Karte. Lohnsteuererklaerungen verweigere ich auch, obwohl ich was bekaeme. Autofahren, in den Urlaub fliegen, Luxusgueter VERWEIGERE ICH. Fernsehglotzen, Supermarkt und Saufen auch! Koennte ich die Mehrwertsteuer verweigern, taete ich auch das.
        Es geht nicht nur um die Kohle, es geht auch um Aufmerksamkeit und Anerkennung.

        Was machst Du? Hartz 4 und gut, oder wie?

        1. K!A.o.S. ( User Karma: 0 ) says:

          Da ich zwischendurch Gesundheitlich, Mental und Emotional am Ende war, musste ich meine Variante des Maximalboykotts mitlerweile aufgeben. Ja. Stecke dafür Jetzt in Bewo und rechtlicher Betreuung, da es ohne nicht mehr ging, wieder auf die Beine zu kommen.

          Doch frag Dich mal, warum ich mich bei den “Investitions”-Beispielen Oben auf verschiedene Zweige des Gastgewerbes konzentriert habe. Auf Diesen läge in dem Fall in der Tat viel Gemeinschaftsverantwortung. (-> Erinnerst Du Dich an die längere Ausführung um den Brexit herum? Damals noch unter Tidaltree?)

          Es geht jedoch im Endeffekt weder um Dich, noch um mich. Wir tun Beide schon, was wir können, um die gegenwärtige Entwicklung so Wenig wie Möglich zu stützen und Wege zu einer Politik mit Mensch und Gemeinschaft im Zentrum zu finden und weniger Entschiedenen zu eröffnen. Von Daher ist es Gut mehrere Vorschläge zur Hand zu haben, da die Meisten solche Wege wohl nur in Absprache mit ihrer jeweiligen Peergroup gehen werden und Ansonsten ihre Unsicherheiten vorm Handeln eher die [“notgedrungene”] Akzeptanz des absehbaren Schreckens ohne Ende nach sich ziehen dürfte.

          Als “Machthebel” sehe ich den Maximalboykott jedoch nicht mehr: Zu Sehr ist die Austrocknung der Binnenmärkte Teil der geopolitischen Langzeitpläne, die Demokratie mittels einer Weltregierung nach “Multi-Stakeholder Government”-Ansatz zu unterminieren und, wenn nicht Direkt, so doch Effektiv abzuschaffen. Bei einer Wirtschaftsbasis auf gesicherter Grundeinkommensbasis wäre ein gezielter Boykott noch als quasi-direktdemokratisches Mittel, um einzelne Unternehmen für ihr Verhalten gesellschaftlich abzustrafen. Doch dem gegenwärtigen politischen Kurs gegenüber ist ein Maximalboykott mMn. nur noch förderlich.

          Dem wollte ich jedoch eigentlich nicht so vehement widersprechen, wie ich es im vorherigen und diesem Kommentar getan habe. Eigentlich ging es mir nur darum, daß Dein Beitrag [für mein Auge] die Wirksamkeit eines Generalstreiks implizierte, was nach den im Endeffekt erfolglosen Streiks in Frankreich in Frage gestellt werden muss. Dafür, das die Hinführung zum eigentlichen Punkt ein bisserl ausgeufert ist, bitte ich um Entschuldigung.

          (Zudem bitte ich um Entschuldigung dafür, daß der Letzte, sowie dieser Kommentar eher Salopp, denn Präzise formuliert sind. Werde da im Moment zu Oft von Besuch aus der Konzentration herausgerissen …)

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