Alle Vögel sind schon da

“Alle Vögel, alle”, brüllte die Quinta des Hermann-Löns-Gymnasiums in dem kleinen Eifelstädtchen. Meyer zwei gab Musik – zwar nicht der berühmte aus der Feuerzangenbowle – aber dafür gab Meyer zwei sich Mühe. Seine Arme wedelten und gaben dem kleinen Männchen den Anschein eines Jungvogels kurz vor dem ersten, vergeblichen Startversuch. Scheißvögel, dachte Peter. Er hatte dieses Lied und auch sein herbstliches Gegenstück mit den bunten Wäldern und den gelben Stoppelfeldern schon immer gehasst. Dabei war es nicht die Melodie und auch nicht der Text, die Peter einen Kloß im Hals spüren ließen – es war die Schule an sich. Eigentlich auch nicht die Schule, überlegte Peter, sondern seine verdammte Unfähigkeit, sich gegen seine Schulkameraden durchzusetzen. Kameraden – pöh. Schon von der ersten Klasse an war Peter der kleine Streber gewesen, dabei fiel ihm doch nur das Lernen leicht. Und schon vom ersten Schultag an war Franz sein Antipode, sein Gegenspieler gewesen. Der große, dicke, ewig schwitzende Franz Märka, Sohn des größten Unternehmers am Ort, für den auch Peters Vater arbeitete. Und Peters Mutter war so stolz, dass der gute Franz ihrem Peterpum bei den Hausaufgaben half. Dreimal PÖH, dachte Peter. Der und mir helfen. Ich muss alle Arbeit für ihn machen und er schreibt sie nur ab. Und meine Mutter mit ihrem ewigen Peterpum oder Petermann. Ich heiße Peter, verdammt. Und heute würde es richtig Ärger geben, sie hatten die Mathearbeit zurückbekommen und Franz hatte beim Abschreiben zwei Seiten glatt übersehen. Franz hatte ihn schon mal vorbeugend getreten und geknufft. Aber nun mussten sie erst noch die Amsel und die Vogelschar, und zwar die ganze, rumflattern lassen, bevor er sich absetzen konnte, um irgendwann am Nachmittag die Zeit für das zu finden, was er wirklich machen wollte. Das blecherne Klingeln der Schulglocke erlöste alle und Peter schnappte sich neben seiner eigenen Kunstlederschultasche noch das teure Lederstück von Franz. Auch der Transport von Franzens Tasche von und zum Schulbus war eine seiner täglichen Aufgaben. Sehnsüchtig wartete er auf den Schulbus. Wenn er Glück hatte, trödelte Franz mit seinen Freunden so lange rum, dass er erst den nächsten erwischte. Aber Pech gehabt. Gleichzeitig mit dem Bus kam auch Franz an der Haltestelle an. Glück im Unglück, dachte Peter, als er sah, dass direkt hinter dem Fahrer noch ein Sitzplatz frei war. Hier muss sich Franz in seiner Wut doch etwas zusammennehmen. Während die Freunde von Franz in Richtung der letzten Bank steuerten, blieb dieser bei Peter stehen. “Sag mal, du Spasti, was hast du dir denn dabei gedacht? Bist du blöde? Du musst doch gemerkt haben, dass ich nicht alles abgeschrieben hatte, und nun hat der blöde Beck mir ‘ne Fünf verpasst. Wie soll ich das meinem Alten erklären? Das kostet dich das Taschengeld der nächsten Woche, dass das klar ist.“ Franz hatte seine Suade damit begleitet, Peter mit der einen Hand zu schütteln und ihm mit der anderen auf den Oberarm zu hauen. Der genervte Busfahrer brüllte nur: “Ruhe, oder ihr fliegt beide raus!“ Von hinten erscholl jetzt die Variante, bei der alle Vögel auf die Gleise schissen, bis der Zug ins Rutschen kam. Peter standen die Tränen in den Augen: “Aber du hast doch gewusst, dass es 12 Aufgaben waren und …“ “Schnauze, Doofmann “, knurrte Franz. “Sieh zu, dass du nach Hause kommst, du Stinker, und die Hausaufgaben fertig kriegst. Ich muss heute schnell wieder los, wir haben Fußball. Und nimm die verdammte Tasche gleich mit zu dir.“ Mit einem letzten Faustschlag verzog sich Franz nach hinten, um in Amsel, Drossel, Fink und Meise einzustimmen, die erneut den Zug ins Rutschen brachten. Unterwegs brüllte er noch einmal zurück: “Und beeil dich, Peterpum, bevor ich dir den Arsch aufreiße.“ Was ein schallendes Gelächter der anderen zur Folge hatte. Die Erwachsenen im Bus nahmen keine Kenntnis von alledem oder taten zumindest so. An seiner Endstation angekommen sprang Peter aus dem Bus und genoss den kurzen Moment der Freiheit, auch wenn die Freiheit nur darin bestand, dass er die nächste halbe Stunde mit zwei Schultaschen einen steilen Berg hinauf steigen durfte. Seine Mutter, eine rundliche, rotgesichtige Frau, rief ihm schon aus dem Küchenfenster zu: “Hallo, mein kleiner Peterpum, mein Petermann, war es schön in der Schule? Beeile dich, das Essen ist fertig.“ Peter kochte innerlich. Als ob du wirklich wissen möchtest, wie es in der Schule ist. Als ich ein einziges Mal was gesagt habe, hast du mir erklärt, was der Franz doch für ein netter Junge ist, und Vater hat mir ein ‘Landsknecht, werde hart’ entgegengerülpst und was von ‘zäh wie Leder’ und ‘flinken Windhunden’. Es interessiert euch nicht, also lasst das Fragen. Nachdem Peter so schnell wie möglich gegessen und auch die üblichen Kommentare, er solle doch nicht so schlingen, überhört hatte, betrat er sein Zimmer. Er schloss die Tür und trat an seinen Kleiderschrank, aber nein, er warf nur einen kurzen Blick auf sein Geheimversteck unter dem losen Schrankboden, wo sich unzählige Schulhefte, lose Blätter, Kladden und Oktavhefte befanden. Seine eigentliche Welt, seine Geschichten, in die er sich zurückziehen konnte, um unbehelligt zu leben. Alles in seiner kleinen, aber gestochen scharfen Buchhalterhandschrift beschrieben. Nein, dafür ist jetzt keine Zeit, dachte Peter. Ich muss die Hausaufgaben fertig machen, bevor Franz kommt, sonst gibt es noch mehr Zirkus. Und so ein Mist, ausgerechnet heute ist eine Nacherzählung dran. Das hieß zwei Varianten schreiben, damit Franz sich eine aussuchen konnte. Peter arbeitete emsig vor sich hin und war auch fast fertig, als er von draußen die elektrische Hupe von Franzens Fahrrad quäken hörte. Dann erscholl die Stimme seiner Mutter: “Peterlein, mein Peterpum, der liebe Franz ist da, ich schick ihn dir gleich rauf.“ Wenn du wüsstest, wohin du dir deinen lieben Franz schieben … Ein Krachen der Tür, und Franz füllte den Raum. “Na, Lahmarsch, biste fertig? Ich habs eilig.“ “Ja, Franz ich hab hier zwei Exemplare der Nacherzählung, du kannst dir eine aussuchen, und Mathe ist auch fertig. Die neuen Vokabeln in Latein hab ich dir auch schon in dein Heft geschrieben.“ “Ja, ja, du Schleimscheißer, wird wohl wieder irgendein Dreck sein, den du da zusammenfaselst.“ Franz begann in Windeseile die Matheaufgaben abzuschreiben. Die Tür öffnete sich und Peters Mutter stand mit einem Tablett in der Tür, auf dem zwei Tassen Kakao und ein Teller mit Plätzchen standen. “Hier, ihr beiden Fleißigen, ich hab euch eine Stärkung gebracht. Siehst du, Peter, wie schnell der Franz die Rechenaufgaben löst. Ist doch schön, dass ihr so gut zusammenarbeitet.“ Damit verschwand sie wieder. Franz war inzwischen beim Abschreiben der Nacherzählung angekommen und begann mit der Vernichtung der Kekse, während Peter nun seine Version auch in sein Heft schreiben konnte. “Lahmarsch, das ist alles wieder viel zu lang, ich hab dir doch schon tausendmal gesagt, du sollst dich kürzer fassen. Du bist halt zu dämlich.“ Franz trank auch noch Peters Tasse aus, stopfte seine Hefte in seine Tasche und schmiss diese in eine Zimmerecke. “Die bringste morgen mit, Peterpum, und sei pünktlich, sonst setzt es was.“ Dabei nahm Franz die restlichen Plätzchen wie selbstverständlich mit. Erleichtert trug Peter das Geschirr in die Küche und ging an seinen Schrank. Er nahm die angefangene Drachengeschichte heraus, und war schon Minuten später in der von ihm selbst geschaffenen, gerechten Welt. Auch das Lamentieren seiner Mutter, dass ihr Peterpum noch an den Schularbeiten sitze, während der gute Franz schon spielen könne, berührte ihn kaum. Erst als draußen ein paar Mädchen ‘Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle’ sangen, stiegen Peter die Tränen in die Augen. Er wusste, so würde es sein ganzes Leben lang bleiben. Der Radiowecker füllte den Raum mit irgendeinem Kinderchor, der voller Inbrunst ‘Alle Vögel sind schon da’ sang. Peter hatte sofort wieder Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. Obwohl die Schulzeit nun doch schon fast 20 Jahre zurücklag, war das Gefühl immer noch das gleiche. Er schaltete den Kasten aus, stand auf, prüfte die Maileingänge im Computer, natürlich keine Rezension seiner neuesten Geschichte. Er stopfte die am Vorabend gefertigten Stullen in seine Tasche aus billigem Kunstleder, die abgestoßen und hässlich aussah, aber den Vorteil hatte, dass er seine Schreibutensilien mitnehmen konnte, um im Dienst ein bisschen an seinen Geschichten zu arbeiten. Im Amt angekommen erwiderte er bärbeißig den freundlichen Gruß von Frl. Mönkeberg und verschwand in seinem Büro. Die Mönkeberg folgte ihm auf dem Fuße mit einer Tasse Kaffee, wie er ihn gerne mochte, schwarz und süß. “Der Herr Direktor hat sich für 10 Uhr bei Ihnen angesagt. Vielleicht werden Sie befördert, ich würde es Ihnen gönnen.“ Damit verschwand die Mönkeberg. Was die bloß von mir will? Sie ist doch viel zu jung für mich und zu schön, die kann doch Freier ohne Ende haben. Und nun auch noch der Direktor. Konzentriert wie immer arbeitete Peter seine Akten durch und erstellte die Berichte über die von ihm durchgeführten Steuerprüfungen, als pünktlich der Direktor den Raum betrat. “Mein lieber Peter, Sie wissen ja, Sie sind mein bester Mann. Beförderung schon längst überfällig. Ich weiß, ich weiß. Aber heute müssen Sie mir aus der Klemme helfen. Wir müssen eine Steuerprüfung bei Märka & Trieske machen, wegen der Müllverbrennungsanlage brauchen die eine Unbedenklichkeitsbescheinigung. Und, Peter, da steckt viel Politik drin, also einfach und schnell, beide Augen zu und durch. Aber, Peter, Sie machen das schon. Ich hab Sie für heute Mittag dort angemeldet.“ Damit war der Direktor verschwunden und Peter hatte ein neues Problem. Aber um Punkt zwölf stand er mit der Mönkeberg in der Buchhaltung von Märka & Trieske und begann die Arbeit einzuteilen. “Ja, wenn das nicht der Peterpum ist“, tönte da eine laute Stimme. Franz Märka, der große Chef, klopfte Peter jovial auf die Schulter. “Komm doch mal kurz mit in mein Büro, das Wiedersehen müssen wir feiern.“ Widerwillig ließ sich Peter in das Büro zerren, dass von der Größe her eher einer Turnhalle glich. “Schnäpperken, Petermann?“ “Nein, Franz, ich bin im Dienst, da geht das nicht.“ “Ach, lass mal, musst ja auch nicht. Aber ich hoffe, du hast kapiert, was hier ablaufen soll. Ich brauche schnelle und klare Ergebnisse und mit den Politikern und deinen Chefs ist ja längst alles geklärt. Also sieh zu, dass du fertig wirst. Na, nicht doch ein Schnäpperken, dann eben nicht.“ Peter betrat das ihm zur Verfügung gestellte Büro, in dem Frau Mönkeberg bereits mit der Arbeit begonnen hatte. Wie in Trance ging er an den Ordnern mit der Buchhaltung der vergangenen Jahre entlang. Und richtig, Spenden und Sonderausgaben war in jedem Jahr ein eigener Ordner. Er sortierte sich diese Ordner heraus und begann zu lesen. Franz war im Laufe der Jahre noch großkotziger geworden. Alleine diese vier Jahre würden ausreichen, ihn und ein paar seiner Helfershelfer in den Knast zu bringen. Peter war heute wirklich keine Hilfe für Frau Mönkeberg. Den ganzen Nachmittag reagierte er kaum. Wenn sie ihn ansprach, las nur in seinen Ordnern und sortierte einiges aus. Als die Mönkeberg den Raum verließ, um sich für den Feierabend fertig zu machen, stopfte Peter ein dickes Bündel Akten in seine Tasche. Er bekam sie gerade noch zu. In dieser Nacht kamen Peter, sein Scanner und sein Computer nicht zur Ruhe. Auch seine Geschichten und Mails mussten warten. Aber am Morgen waren 400 Seiten Unterlagen gescannt, viermal ausgedruckt und mit entsprechenden Briefen versehen in Briefumschläge gesteckt. Schwer beladen ging Peter zur Post und bezahlte kommentarlos das Porto für die Sendungen. Nachdem er die Akten wieder in den Bestand zurückgebracht hatte, begann Peter akribisch mit der Steuerprüfung, so genau, dass die Mönkeberg ganz erstaunt war. Noch erstaunter war sie jedoch, als Peter auch in den nächsten Tagen nicht zur Eile antrieb, sondern endlos Zeit zu haben schien. Ja, er fand schließlich sogar Zeit, mit ihr zum Frühstück zu gehen. Als sie das Cafee wieder verließen, standen vor Märka & Trieske ein Haufen Polizeiwagen. Franz Märka wurde gerade von zwei Beamten abgeführt. Aus einer nahe gelegenen Schule erklang das alte Volkslied ‘Alle Vögel sind schon da’ und erstaunt hörte Frau Mönkeberg, wie Peter genüsslich und lächelnd die Melodie mitsummte.