20. Juli – Gröhes Gegröhle zum Widerstand

Ja. Ja. Das ist er wieder dieser Gedenktag, der all das Naziunrecht wieder gut machen soll, dieser Tag der zeigt, dass sich Deutschlands Elite gegen die Nazis gestellt hat. Die paar Offiziere die sich halbherzig und vor allem um für sich im Nachnazideutschland ein schönes Pöstchen zu ergattern, zu Hitlers Ermordung verschworen hatten, werden nun als das leuchtende Beispiel hervorgeholt. Am weitesten treibt es Herr Gröhe von der CDU, der folgenden Unsinn abließ:

Anlässlich des Jahrestages des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 gedenkt die CDU Deutschlands aller mutigen Frauen und Männer, die Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet haben. Wir verneigen uns vor ihrem Opfermut. Der selbstlose Einsatz der Widerstandskämpfer gegen die menschenverachtende Diktatur war ein Zeichen dafür, dass ein besseres Deutschland möglich ist. Diesem Erbe, dem Kampf gegen die Tyrannei, sind und bleiben wir verpflichtet.

Wie aufrichtig und ehrlich der Kampf der CDU/CSU gegen die Nazis war, sagen nicht nur die Namen Filbinger, Globke und Kiesinger oder Adenauers Geheimdienstchef Gehlen mit seiner Truppe von Altnazis. Auch auf Wikipedia findet man eine beindruckende Zusammenstellung von Ex-Nazis die dann in der BRD wieder ganz oben schwammen und dafür sorgten. das mit ihresgleichen nicht abgerechnet wurde, was der Geburtsmangel der BRD war. Es hilft da auch nichts, zu bemerken, dass die DDR und Österreich nicht besser waren.

Andererseits macht es auch keinen Spaß jedes Jahr wieder auf die allgemein bekannten Tatsachen hinzuweisen. Deshalb hier ein Text, mit dem der Autor seit Jahren seinen Standpunkt zum 20. Juli immer wieder deutlich macht:

“Widerstand? Was bedeutet das eigentlich genau?”, fragt mein kleines rotes Teufelchen, nachdem es wie immer, meine E-Mails mit gelesen hat. Dabei sitzt es meist auf einem Lautsprecher meines Sound-Systems.

Ich versuche auszuweichen, jetzt bloß keine Diskussionen, und frage scheinheilig: “Wieso?”

“Na, du hast doch gerade geschrieben: ‘Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.’ Wieso wird Widerstand Pflicht, und was ist Widerstand überhaupt?.”

“Ach, Teufelchen, das ist ein schwieriges Thema. Lass uns lieber mit dem Hund spazieren gehen.”

“Nein, du willst dich nur drücken. Nun sag schon, es muss doch mehr dahinter stecken. Ist es was Gefährliches oder Verbotenes?”

“Nun gut, mein kleiner Satan. Ja, meist ist Widerstand verboten und gefährlich zugleich. Weil der, dem man widersteht, mächtiger als man selber ist. Oft muss man der Regierung, der Bürokratie oder dem Chef widerstehen, und das kann eine Menge Nachteile, in bestimmten Fällen sogar Gefängnis oder Tod bedeuten.”

Teufelchen schaut mich prüfend an und fragt: “Also sind Leute, die Widerstand leisten, mutige Kämpfer, die heldenhaft für ihre Sache eintreten?”

“Schön wäre es ja, aber so einfach ist es nicht. Es gibt Leute, die zwar Widerstand leisten, aber dies ganz leise und vorsichtig tun, damit sie nicht erwischt werden. Manchmal geben sie nur den Text einer Rede oder den Beschluss einer Regierung weiter, die eigentlich geheim bleiben sollen. Das ist zwar auch mutig, aber nicht allzu sehr. Trotzdem kann diese Information wichtiger sein als lautes Kampfgeschrei. Andere lassen nur einfach Akten ein paar Tage oder Wochen liegen, bevor sie die bearbeiten, und das verschafft anderen Zeit zur Flucht oder zu Gegenmaßnahmen. Sieht auch nicht heldenhaft aus, ist aber ebenfalls wirksam. Oder sie schicken Züge und LKWs in falsche Richtungen und schaffen dadurch Zeit oder Verwirrung. Nein es geht nicht um Heldentum.”

“Weißt du, Teufelchen”, überlege ich weiter, “es ist auch Widerstand, wenn du in deiner Schulklasse nicht mit den anderen auf der Brillenschlange oder dem Dicken rumhackst. Oder wenn du in der Kneipe nicht beifällig nickst, wenn über Sozialschmarotzer, Penner und Türken gelästert wird. Wenn du dann sogar noch was gegen diesen Unfug sagst, leistet du Widerstand.”

“Aber in der Kneipe, gibt das doch Ärger, seh ich doch bei dir immer.” Das Teufelchen schaut mich zweifelnd an. “Deine Frau sagt dann jedesmal, reg dich nicht auf, das bringt doch eh nichts.”

“Vielleicht bringt es nichts. Aber ein anderer Spruch lautet: Steter Tropfen höhlt den Stein – und deshalb ist es wichtig, immer wieder gegen Unrecht Widerstand zu leisten, auch wenn es im Moment nichts zu bringen scheint.”

Teufelchen kringelt sich vor Vergnügen und sagt: “Ich hab auch so einen Spruch, der stammt sogar von dir: Am Ende der Argumente fliegen die Fäuste. Hihi, und dann wird es ein interessanter Abend. Ich erinnere mich da an die Skins, die…”

Ich stoppe seinen Redefluss, indem ich ihn vom Lautsprecher schubse. “Gewalt ist kein Mittel der Argumentation, und ich wende sie nur an, wenn mir kein anderer Ausweg bleibt. Auch dann sollte ich nicht unbedingt stolz darauf sein, und du schon gar nicht.”

“Aber, aber”, er hüpft aufgeregt hin und her, “zu Widerstand gehört doch auch Gewalt, zumindest die Bereitschaft zur Gewaltanwendung.”

“Du hast Recht, Teufelchen, aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Mit Gewalt beeindruckst du vielleicht deinen Gegner mehr als mit Intelligenz und Worten. Gleichzeitig forderst du aber auch Gegengewalt als Reaktion heraus. Mahatma Gandhi hat ohne Gewaltanwendung das waffenstarrende britische Empire bezwungen, ebenso Mikis Theodorakis und seine Freunde die griechische Junta. Dagegen ist der gewalttätige Widerstand der Tschetschenen gegen Russland und der Kampf der Palästinenser gegen Israel ohne messbare Ergebnisse geblieben.”

“So leicht kommst du mir nicht davon.” Das Teufelchen untersucht seine Hufe und grinst mich an. “Du findest Stauffenbergs Attentat auf Hitler doch richtig, wenn auch leider nicht erfolgreich.”

“Stimmt, Teufelchen, aber die Folgen waren mehr als hart, gerade weil das Attentat nicht erfolgreich war.”

“Nun hab ich dich.” Das Teufelchen zeigt mit Huf und Hand auf mich. “Du bist also sauer, weil der Stauffenberg nicht erfolgreich war. Hätte er den Schnauzbärtigen umgebracht, wärst du zufrieden gewesen. Gewalt ist also nur gut, wenn sie gewinnt.”

Um ihn zu unterbrechen, ziehe ich ihn am Schwanz von seinem Sitz. Fauchend dreht er sich zu mir um und ruft: “Es ist doch so, du willst es nur nicht zugeben.”

“Nein, mein Kleiner, es ist nicht so. Zumindest ist es nicht so einfach.
Ich hab Probleme mit den Motiven für dieses Attentat, und die Durchführung hätte jeder Pionier der Reichswehr deutlich besser gemacht.”

‘Das Attentat muss erfolgen, denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat’“, zitiert Teufelchen breit grinsend den berüchtigten Einsatzbefehl des Generalmajors Henning von Tresckow. “So ein Satz kann auch nur von einem deutschen Offizier stammen, der ostelbischer Junker ist. Daran stößt du dich doch in erster Linie.”

“Teufelchen, aber nur zum Teil, es ging augenscheinlich in erster Linie um Politik und um die Reservierung von guten Plätzen für die Zeit nach Hitler. So beeindruckend der persönliche Mut Einzelner gewesen ist, mich stört die Zielsetzung ein bisschen und ich bin froh, dass der deutsche Widerstand auch die Namen der Geschwister Scholl und anderer kennt, die nicht auf eine Regierungsübernahme schielten. Fünftausend Tote für ein zweifelhaftes politisches Manifest sind mir einfach zu viel.”

“Hihi, du willst den Widerstand der reinen Herzen, sozusagen den unbefleckten Widerstand. Dürfen die Leute bei dir nicht lernen, sich nicht entwickeln?”

“Doch, das dürfen sie, und das müssen wir alle. Ich bin ja auch dankbar für den Widerstand des 20. Juli, ich hätte mir diesen Widerstand nur sehr viel früher und sehr viel besser geplant gewünscht. Es waren schließlich Generalstabsoffiziere, mit Zugang zu allen technischen Möglichkeiten, die es damals gab. Auch die Edelweißpiraten haben überall in Deutschland Widerstand geleistet, hatten praktisch keine Waffen und keinen Zugang zur Führung des Dritten Reiches, aber sie haben mutig gekämpft. Nur ist ihr Widerstand im Nachkriegsdeutschland nie offiziell gewürdigt worden. Im Gegenteil, es wird immer noch mit den Maßstäben der Nazis über sie geurteilt.”

Das Teufelchen tritt wütend gegen meinen Aschenbecher: “Du meinst, die Jungs und Mädchen gelten immer noch als Verbrecher, während die Offiziere als Helden dastehen? Das ist doch völlig ungerecht. Warum macht da denn keiner was gegen? Das ist doch unfair.”

“Teufelchen, bleib ruhig, es wird ja etwas zur Erinnerung getan, aber die Helden des 20. Juli waren so etwas wie ein Deckmäntelchen für die Neugründung der Bundeswehr. Wir mussten doch eine gute Bundeswehr haben, auch wenn sie eigentlich aus den Traditionen der Reichswehr kommt. Deshalb wird der 20. Juli so hoch bewertet. Das ist halt Politik.”

Teufelchen dreht mir den Rücken zu und sagt sehr leise und nachdenklich: “Ich finde Politik Scheiße.”


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5 comments

  1. Teja552 says:

    Gerade die CDU hat es nötig das Maul aufzureißen, was wir hier bräuchten wäre ein Widerstand gegen CDU und Co., wäre doch interessant zu sehen wie sie das finden würden……

    1. altautonomer says:

      Es sind eben immer wieder die Christen, die massenhaft den Verstoß gegen das 5. Gebot bejubeln. So auch bei der Tötung von Osama Bin Laden.

  2. Pit says:

    Mir ist es dann doch etwas schleierhaft,wie man die DDR im Bezug auf das verfolgen,b.z.w. nicht verfolgen der Nazis,mit der BRD oder Österreich auf eine Stufe stellen kann.Es mögen sicher einige Nazis unentdeckt in der DDR wieder auf einem guten Posten gelandet sein,aber es waren auf jeden Fall Ausnahmen.

    1. Jochen Hoff ( User Karma: 0 ) says:

      Ach Pit wärest du dem Link zu den Nazis in der BRD gefolgt, hättest du die in der DDR sehen können, die direkt daran anschließen. Aber extra für dich der entsprechende Link zu den Nazis in der DDR

      http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren#Sowjetische_Besatzungszone_und_Deutsche_Demokratische_Republik

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